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Augsburg

01.04.2019

Wie ein Jugendhaus ein junges Stadtviertel prägt

Muhammed (rechts) fordert Hausleiter Tom Wiedemann im Madison Square zu einem Tischtennis-Match heraus. Der junge Mann ist seit den Anfängen Besucher im Jugendhaus. Streetworker Christian Erdnüß, Okan, Tugay und Arber (hinten von links) feuern die Spieler an.
Bild: Annette Zoepf

Das Madison Square gehört zu den Fixpunkten in Cramerton. Manche Gäste sind seit den Anfängen dabei, ebenso Leiter Tom Wiedemann. Wie er und sein Team ihre Aufgabe angehen.

Okan kam mit sechs Jahren zum ersten Mal ins Jugendhaus Madison Square. „Das war mein Wohnzimmer, ich habe meine Kindheit und Pubertät hier erlebt und war Kickerkönig“, sagt er. Heute ist Okan 22 Jahre alt und arbeitet als Maschinenanlageführer. Bei den Bewerbungen damals habe ihm Tom geholfen, sagt er und grinst den Leiter des Jugendhauses an.

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Tom Wiedemann ist fast von Beginn an der Dreh- und Angelpunkt des Madison Square. Das Begegnungszentrum unter Trägerschaft der katholischen Jugendfürsorge ging vor 16 Jahren in einem fast neuen Augsburger Stadtviertel in Betrieb – in Cramerton. An der Grenze zu Stadtbergen wurden Ende des 20. Jahrhunderts mehr als 300 einstmals von Amerikanern belegte Wohnungen saniert. Es entstand ein sehr heterogenes Viertel mit Sozial-, regulären Miet- und Eigentumswohnungen.

Anfangs lockte das Madison Square Jugendliche aus der gesamten Stadt an

So vielschichtig wie die Bevölkerung ist auch die Besucherstruktur im Jugendhaus. „Wir haben hier ein sehr internationales Publikum, Förderschüler kommen ebenso zu uns wie Studenten“, sagt Wiedemann. Anders als in den ersten Jahren, in denen das Madison Square junge Leute aus dem ganzen Stadtgebiet anlockte, stammt das Gros der täglich bis zu 150 Besucher mittlerweile aus dem näheren Umfeld – neben Cramerton vor allem Centerville, Pfersee und das Virchowviertel beim Klinikum. Adrian wohnt um die Ecke und schaut meistens spontan im Juze vorbei. „Alle meine Freunde sind auch hier.“

Wie ein Jugendhaus ein junges Stadtviertel prägt

Wer will, kann bei Angeboten wie Billardturnieren, Quizabenden oder Aktionen wie dem Bau eines Insektenhotels mitmachen. Die meisten aber wollen einfach mit den Freunden chillen, mit der Playstation oder eine Runde Kicker spielen. „Ich bin Spiel- und Ansprechpartner“, sagt Wiedemann. Und manchmal sogar großer Bruder und Vaterersatz. Etwa für Muhammed, der bei seiner alleinerziehenden Mutter aufwuchs und glücklich war, im Madison Square mit einer männlichen Vertrauensperson die Probleme der Kindheit und Jugend besprechen zu können. Wenn es die Arbeit erlaubt, kommt Muhammed im Jugendhaus vorbei und fordert den schlaksigen Hausleiter, den alle nur Tom nennen, zu einem Match an der Tischtennisplatte heraus.

Bolzplatz ist in schlechtem Zustand

Christian Erdnüß muss sich bei sportlichen Aktivitäten gerade zurückhalten. Der neue Kollege im Jugendhaus hat sich beim Fußballspielen den Arm verletzt – sozusagen ein Arbeitsunfall. Erdnüß etablierte nach mehrjähriger Pause das beliebte offene Angebot in der Turnhalle der Centerville-Schule wieder. Ansonsten will der gelernte Erzieher durch seinen Streetworker-Auftrag vor allem draußen Kontakt zu den Jugendlichen knüpfen – in den Wohnstraßen rund ums Juze ebenso wie beim künstlichen See im Supply-Viertel oder beim Bolzplatz an der Flandernstraße. „Der ist in einem so schlechten Zustand, dass wir deswegen an die Stadt schreiben wollen.“

Auch wenn er neu im Madison Square ist, kennt der 28-Jährige die Gegend gut. Er spricht von einem „krasslebendigen Stadtteil. Ich habe selbst als Kind in der Carl-Schurz-Straße gelebt und später in der Kita Graceland ein Praktikum gemacht.“ Einigen der Kindergartenkinder von damals begegne er heute im Jugendhaus.

Als Streetworker wird er mit anderen Themen konfrontiert – beispielsweise auch Drogen und Alkohol. Im Jugendhaus selbst herrscht Rauch- und Alkoholverbot. Zum Zeitungsinterview haben die Gesprächspartner – alle junge Erwachsene – Wasser und Spezi mitgebracht. Das sei in Ordnung, sie seien ja Vorbilder für die Jüngeren im Haus. Nachmittags sind bereits Grundschüler ab sechs Jahren willkommen. Für sie gibt es eigene Angebote wie eine Bastelwerkstatt.

Ins Jugendhaus kommen wieder mehr Mädchen

Seit kurzem mischen sich mehr Mädchen unter die überwiegend männlichen Besucher. Wiedemann führt dies darauf zurück, dass zu den Öffnungszeiten immer eine fest angestellte Mitarbeiterin im Haus ist. Elisabeth von der Heide, die sich die Stelle mit einer Kollegin teilt, kommt aus der Küche. Die Gebäckstücke in ihrer Hand duften verführerisch. „Jemand wollte backen und da haben wir das spontan aus Brotteig mit Schokostreuseln hergestellt.“ Auch Tom Wiedemann schnappt sich ein süßes Teil. Ob er sich mit seinen 44 Jahren nicht manchmal zu alt fühlt fürs Jugendzentrum? „Den guten Draht zu den Jugendlichen verliert man nicht“, versichert er. Nur Tischtennis könne er wegen seines Rückens nicht mehr so ausgiebig spielen.

Geöffnet ist das Madison Square, Madisonstr. 10, dienstags von 17 bis 20 Uhr, mittwochs von 14 bis 17 Uhr und donnerstags bis samstags von 14 bis 20.

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