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Augsburg

20.09.2019

Wie eine Mutter erst nach vier Jahren eine Wohnung bekam

Hanife Ak (links) hat nach langer Suche eine neue Wohnung gefunden. Geholfen hat das städtische Wohnbüro im Jakobsstift, das von Ursula Fusco (rechts) geleitet wird.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Im Wohnbüro erhalten Bürger Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung. Wie die alleinerziehende Hanife Ak. Sie hatte bis dahin nur schlüpfrige Angebote erhalten.

Vier Jahre lang hatte Hanife Ak in Augsburg nach einer Wohnung gesucht. Die alleinerziehende 26 Jahre alte Mutter war dabei oft am Verzweifeln. Sie bekam keinen einzigen Besichtigungstermin. Dafür aber schlüpfrige Angebote von Männern. Vor wenigen Monaten erfuhr Ak vom städtischen Wohnbüro. Es hat vor einem Jahr offiziell im Jakobsstift eröffnet. Dort hat man schon einigen Bürgern, die sich in Wohnungsnot befinden, helfen können, zieht Leiterin Ursula Fusco ein positives Fazit. Wie auch Hanife Ak und deren vierjährigen Tochter.

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Seit sieben Jahren lebt Hanife Ak in einem 35 Quadratmeter kleinen Einzimmer-Apartment in Hochzoll. Für die gelernte Altenpflegerin war das zunächst kein Problem. Bis vor vier Jahren ihre Tochter zur Welt kam. Das Zimmer wurde zu klein. Seitdem sucht Ak, die, wie sie erzählt, aus gesundheitlichen Gründen ihren Job nicht mehr ausüben kann und auf Hartz IV angewiesen ist, nach einer Zweizimmerwohnung. Wenigstens ihre Tochter soll einen eigenen Raum haben, findet sie. Bislang schliefen Mutter und Tochter in einem Bett. Als sich Hanife Ak zunächst bei den Wohnungsgenossenschaften meldete, sei sie dort vorgewarnt worden.

Wohnungssuche in Augsburg: Mutter erhielt zweideutige Angebote

„Es hieß, ich muss mit hohen Wartezeiten rechnen.“ Ak sah ständig bei Immobilienanbietern im Internet nach, gab bei Ebay-Kleinanzeigen ein Wohnungsgesuch auf. Niederschmetternd bei der jahrelangen Suche war: Die junge Mutter erhielt keine Resonanz. Bis auf die eindeutig zweideutige Offerten. „Ein Mann, der eine Wohnung in der Stadtmitte zu vermieten hatte, meinte, er würde um hundert Euro monatlich von der Miete runtergehen, wenn ich mit ihm Swingerclubs besuche.“ Ak schüttelt den Kopf. „Es gab viele Momente, in denen ich richtig verzweifelt war.“ Dann stieß sie auf eine Broschüre des städtischen Wohnbüros. Sie rief dort an.

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Menschen wie Hanife Ak, erzählt Leiterin Ursula Fusco, seien klassische Fälle, die Unterstützung brauchen können: Augsburger eben, die eine Wohnung suchen, die eine Einkommenssituation auf dem Niveau von Sozialhilfe haben und die in ihrer Situation oft hilflos sind. Das Wohnbüro arbeitet nicht nur mit ihnen zusammen. Als Vermittler steht das inzwischen dreiköpfige Team auch in Kontakt mit Privatvermietern und Immobilienfirmen.

Augsburger Wohnbüro pflegt Kontakt zu Vermietern

„Diese wissen zwar, dass sie von Hartz-IV-Empfängern nicht ganz so viel Miete verlangen können wie auf dem normalen Markt. Dafür schauen wir, dass das Profil des Mieters auf die jeweilige Wohnung passt“, erklärt Fusco, die mit ihren Kolleginnen häufig erst Überzeugungsarbeit leisten müsse. Oft seien Vermieter beruhigt, wenn sie erfahren, dass das Wohnbüro während eines Mietverhältnisses weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Manche Vermieter würden gerne helfen, beobachtet Fusco. Auch weil sie sich zunehmend vor einer Anfragenflut scheuen, die ein Inserat heutzutage auslösen kann.

Der Wohnungsmarkt ist in Augsburg eben angespannt, vor allem für Menschen in prekären Lebenslagen. Fusco nennt Zahlen. Demnach haben sich bislang 806 Augsburger (Betroffene Kinder sind in der Zahl mit inbegriffen) beim Wohnungsbüro gemeldet. Die meisten von ihnen sind Einzelhaushalte, gefolgt von Familien und Alleinerziehenden. 398 Suchende lösten das Problem nach einer Beratung eigenständig. Das Wohnbüro konnte bislang 62 Bürgern Wohnungen vermitteln, fast allen innerhalb von maximal drei Monaten. Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) freut sich, dass das Wohnbüro, das ein Teil der „Offensive Wohnraum Augsburg“ ist, so gut angenommen wird. „Es soll kein klassisches Amt sein, sondern ein niederschwelliges Angebot für Menschen, die sich in akuter Wohnungsnot befinden.“

Geschätzt tausend Haushalte in akuter Wohnungsnot in Augsburg

Statistische Erhebungen seien zwar nicht möglich, aber man könne in der Stadt von rund tausend Haushalten ausgehen, die sich in einem akuten Wohnungsnotstand befänden. Allein in den Einrichtungen für Obdachlose seien rund 300 Frauen und Männer untergebracht, so Kiefer. „Wenn wir mehr Wohnungen zur Verfügung hätten, würden wir uns leichtertun.“ Für Ursula Fusco ist jeder Fall, der an sie herangetragen wird, unterschiedlich. Manches sei selbst für sie schwer auszuhalten. Etwa wenn Senioren weinend vor ihr stehen.

„Der Wohnungsverlust bei älteren Menschen schockiert mich“, sagt die 51-Jährige. Fusco beobachtet eine Zunahme von sogenannten Eigenbedarfskündigungen. „Plötzlich verlieren die Menschen ihr langjähriges Zuhause. Für sie ist das eine Katastrophe.“ Stefan Kiefer ergänzt, dass sich vor allem ältere Menschen oftmals von Anwaltsschreiben unter Druck setzen ließen, obwohl sie dies nicht müssten. Er verweist auf die sogenannte Law Clinic, die bei dem Thema Mietrechtsberatung mit dem Wohnbüro zusammenarbeitet. Dabei handelt es sich um ein Projekt von Studierenden, die Hilfesuchende rechtlich beraten. Ursula Fusco betont, dass auch im Wohnbüro der Prozess der Wohnungssuche regulär viele Monate dauert. Manchmal geht es aber auch schnell. Bei Hanife Ak etwa spielte Sympathie eine Rolle.

Über das Wohnbüro erhielt die Mutter unlängst einen Besichtigungstermin. Ein Ehepaar suchte für die 47 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung Mieter. Ak glaubt, dass sie wegen ihrer Tochter den Zuschlag bekam. „Sie hatte sich so auf ein eigenes Zimmer gefreut. Als wir uns bei der Besichtigung verabschiedeten und das Ergebnis noch offen war, weinte sie plötzlich sehr und sagte: Aber Mama, das ist doch jetzt mein Zimmer.“ Das Kind hatte die Vermieter offenbar gerührt. Am Tag darauf erhielt Ak den erlösenden Anruf. „Wir haben uns so riesig gefreut.“

Lesen Sie dazu den Kommentar: Wohnungsnot: Jede Hilfe zählt

Wohnbüro: Jakobsstift, Mittlerer Lech, 86150 Augsburg, Telefon 0821/324 34638 oder www.augsburg.de/wohnbuero.

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