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Wie gut ist das Krisenmanagement in Augsburg?

Kommentar Von Nicole Prestle
07.11.2020

Plus Augsburg ist Corona-Spitzenreiter und die Stadtregierung in Erklärungsnöten. Nur: Sie hat keine Antworten und Fehler gemacht.

Über allem steht die Frage nach dem Warum. Wie konnte sich Augsburg zu dem deutschen Corona-Hotspot entwickeln, wo es die erste Welle nahezu unbeschadet überstand? Die Bürger erwarten eine Antwort, doch weder die Mediziner der Uniklinik noch Oberbürgermeisterin Eva Weber ( CSU) können sie geben. Alle Erklärungsversuche sind nur Vermutungen und das ist in ganz Deutschland nicht anders. Dennoch gerät das Krisenmanagement der Augsburger Stadtregierung mehr und mehr in die Kritik.

Augsburg ist eine der Städte mit den höchsten Corona-Zahlen in Deutschland.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Das könnte an der Präsenz der Führungsspitze liegen. Wer sich ans Frühjahr erinnert und an die erste Welle (die im Rückblick ja eher ein Kräuseln der Oberfläche war), hat vielleicht noch die regelmäßigen Livestreams im Kopf. Per Video wurden Bürger zugeschaltet, wenn OB Kurt Gribl (CSU) neue Entwicklungen bekannt gab. Ein Novum in der Kommunikationsstrategie der Stadt, die sich vorher weitgehend darauf beschränkt hatte, Pressekonferenzen zu geben und auf die Funktion von Multiplikatoren zu setzen. Diese neue Form des Austausches und ihre Häufigkeit maß dem Thema Corona erst seine Brisanz zu - obwohl da noch kaum jemand den Begriff der Sieben-Tage-Inzidenz kannte.

Corona-Neuinfektionen in Augsburg auf einem Höchststand

Jetzt, da die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Augsburg auf einem Höchststand ist, ist von dieser Schlagzahl nichts mehr zu spüren. Bis auf eine Pressekonferenz vorletzten Donnerstag gab es so gut wie keine offiziellen Live-Übertragungen aus Reihen der Regierung, allenfalls kurze persönliche Videobotschaften von OB Weber über Social Media. Für viele liegt da ein Rückschluss nahe: "Die Oberbürgermeisterin macht sich rar". Dass hinter den Kulissen Nächte zum Tag werden und Weber ebenso wie die Referenten rund um die Uhr in Krisenstäben tagen, nimmt "draußen" ja kaum einer wahr. Die Bürger wünschen sich eine Oberbürgermeisterin, die in der Krise offensiv auftritt und so zeigt, dass sie das Heft in der Hand hält.

Es wurden ja auch Entscheidungen getroffen. Die einer Maskenpflicht erst in der Innenstadt und dann in großen Teilen Augsburgs. Die über eine Absage des Christkindlesmarkts, der Grindtec und anderer Events. Immer aber ging diesen Beschlüssen ein Zaudern voran, ein Ja, Vielleicht, Unter Umständen - meist so lange, bis die Entscheidung in München oder Berlin gefallen war und Augsburg nur noch mitziehen musste. Die Stadtregierung will den Bürgern so viel Normalität wie möglich schenken - deshalb gab es einen Plärrer light und eine abgespeckte Dult - aber sie bietet offene Flanken. Während Berchtesgaden bereits bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 250 den zweiten Lockdown verhängte - inklusive einer Schließung von Schulen und Kitas - beschränkte man sich hier noch auf Warnungen. Erst als ganz Deutschland herunterfuhr, schloss man sich in Augsburg an. Dass die Einschränkungen wegen der hohen Infektionszahlen drei (!) Tage vorher in Kraft traten als im Rest der Republik, wirkte eher bemüht als entschlossen.

Gesundheits- und Umweltreferent Reiner Erben (Grüne)
Bild: Silvio Wyszengrad

Die größte Angriffsfläche aber bietet das Gesundheitsmanagement im Referat von Reiner Erben (Grüne). Ausgerechnet in der Hochphase der Pandemie wird dort eine neue Software eingeführt, was am Donnerstag dazu führte, dass die Sieben-Tage-Inzidenz von über 350 auf 319 sank. Wer sich schon über eine mögliche Entspannung gefreut hatte, musste bis zum Schluss der Mitteilung lesen, um mehr zu erfahren: Der Rückgang sei, so Erben, "leider noch kein Zeichen dafür, dass die Neuinfektionen in Augsburg auch tatsächlich zurückgehen“. Man habe aufgrund der EDV-Umstellung nur nicht alle erfassen können. Die Frage, warum angeblich alle neuen Fälle bekannt sind, sie aber nicht zusammengezählt werden können, um den korrekten Inzidenzwert zu errechnen, blieb Erben den Bürgern schuldig. Dabei bräuchten wir alle gerade jetzt verlässliche Fakten.

 

Es liegt nicht nur an der Augsburger Stadtregierung

Doch wer die "Schuld" nur bei der Stadtregierung sucht, macht es sich zu einfach. Wenn Augsburger bei Händlern anrufen, um sich zu erkundigen, ob denn die Geschäfte geöffnet haben, wenn Mütter erst nach drei Tagen bemerken, dass in den Schulen ihrer Kinder Maskenpflicht gilt, wenn hier noch immer Familienfeiern mit über 150 Leuten stattfinden, dann scheint auch im Krisenmanagement der Gesellschaft vieles schief zu laufen. Das trifft nicht auf die Mehrheit der Bürger zu, offenbar aber doch auf einen beträchtlichen Teil.

 

Viele Informationen, die Stadt, Land und Bund ausgeben, kommen im Alltag einiger nicht mehr an. Vielleicht, weil in ihren sozialen Netzwerken nicht der "richtige" Algorithmus hinterlegt ist. Vielleicht, weil sie nicht so gut Deutsch sprechen, um sich informieren zu können. Vielleicht aber auch, weil viele nur noch in ihrer eigenen Blase leben und alles andere ignorieren. Wer sich nicht informieren möchte, darf die Schuld daran aber nicht bei anderen suchen.

Wie man die Information an die Menschen bringt, ist das eine Problem dieser Krise, wie Entscheidungen angenommen werden, das andere. Oberbürgermeisterin Weber muss sich derzeit viele Vorwürfe anhören. Sie müsste es auch, hätte sie jede ihrer Entscheidungen diametral anders getroffen. Denn das ist eine Erkenntnis aus der Krise: Egal, wie man es macht - für irgendjemanden ist es immer falsch.

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09.11.2020

Was hat eigentlich die Stadtspitze in Sachen Corona das letzte halbe Jahr getan.
Nichts außer komplett versagt.

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09.11.2020

Meine Mutter, 94 Jahre alt, lebt seit 2 Jahren in einem Altenheim in Augsburg.
Seit einem halben Jahr hört man von der Politik ( auch von Söder ), wie wichtig der Schutz der alten Menschen sei.
Nach dem Lockdown habe ich besuche ich meine Mutter regelmäßig . Die Schutzmaßnahmen im Heim sind top, Abstand die Bediensteten und ich mit Maske, kurze Besuchszeiten, Fiebermessen für Besucher .
Wenn ich aber die PflegerInnen fragte, ob sie regelmäßig getestet würden, kam als Antwort : " Erst, wenn ein Coronafall auftritt "
Jetzt ist seit letzter Woche Corona im Heim, jetzt wird getestet, meine Mutter und einige MitbewohnerInnen haben den Virus.
Das ist die Coronawirklichkeit in Bayern und in Augsburg.
Es ist eine Schande.

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09.11.2020

Ich habe aus einem Heim gehört ... die Angestellten sollen sich doch selbst um ihren Test kümmern.
Haut genau in Ihre Kerbe.

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08.11.2020

Große Teile der Augsburger Führungsriege auswechseln - die letze Chance für Augsburg. Auch die zweite Ebene, wie z.B. das Gesundheitsamt scheint nicht nur personell überfordert. Wenn mir zu Ohren kommt, daß in gewissen Einrichtungen der pandemische Umgang äußerst lax ist - wundert mich nichts mehr. Wie bereits angesprochen: Schulen, ÖPNV - so wird das nichts.

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07.11.2020

Absolut ist die Schuld nicht nur bei der Stadt zu suchen.

Das ganze können sich auch alle QuerdenkerInnen sowie Leichtsinnigen auf die Fahnen schreiben.

Dennoch ist es jetzt Aufgabe der Stadt, bei solchen Zahlen aktiv zu werden. Die Verantwortung wegzuschieben, obwohl man die Möglichkeit hat, zu handeln, zeugt von völliger Verantwortungslosigkeit.

Am Montag sind dann an den GS alle Kinder wieder gleichzeitig im Klassenzimmer. Die Lehrkräfte werden völlig allein gelassen. Hauptsache, sie halten ihren Kopf dafür hin, dass ein paar Menschen Party gemacht haben, ihre Freiheit genossen haben oder weil es ach so schlimm ist keine Maske tragen. Hauptsache, niemand macht sich bei diesen Menschen unbeliebt mit einschränkenden Maßnahmen.

Auf das Wohlgefallen dieser Menschen stellt man ab. Dabei lässt man die allein, die es am eigenen Leib ausbaden müssen. Das kann nicht sein, und das darf nicht sein.

Die Verantwortungslosigkeit der Stadt Augsburg muss ein Ende haben, vom zuschauen wird es nicht besser.

Es hilft nichts, jetzt einen schwarzen Peter hin und her zu schieben. Allerdings sollte, nachdem sich die einen ausgetobt haben, jetzt die Priorität im Schutz der anderen liegen - die sich ohnehin einschränken, jetzt aber ihren Kopf für den Exzess und das Zögern anderer hinhalten.

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07.11.2020

"Das ganze können sich auch alle QuerdenkerInnen sowie Leichtsinnigen auf die Fahnen schreiben". Komisch, die Andersdenkenden sind immer schuld. Wenn ich mir die Infektions- und Todeszahlen in den Alten- und Pflegeheimen anschaue, in Krankenhäusern und Asylbewerberunterkünften, dann frag ich mich wer die denn kontrolliert?!? Das sind doch die Hotspots. Und gehen sie mal in die Supermärkte und Discounter: dort werden immer noch in den Gängen Stände mit Sonderangeboten und anderen Artikel aufgebaut, sodass man nur schwer durchkommt. Hier und in den oben genannten Einrichtungen wird nicht kontrolliert. Aber Hotels und Gaststätten, bei denen viele meist hohe fünfstellige Summen investiert hatten, um alle Sicherheits- und Hygienevorschriften zu erfüllen, die schließt man und in freier Flur ist Maskenpflicht.

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