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Augsburg

23.03.2018

Wie lebt man in Augsburgs Multi-Kulti-Viertel?

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5 Bilder
Ercan Balci hat einen kleinen Laden in der Nähe der Löweneckschule. Die Mischung ist eher ungewöhnlich: Es gibt Schulsachen, Süßigkeiten, Snacks und Getränke.
Bild: Silvio Wyszengrad

Nirgends ist der Ausländeranteil so hoch wie in den Vierteln Links der Wertach in Oberhausen. Beide gehören auch zu den ärmsten der Stadt. Ein Spaziergang.

Thomas Zwingers wohnt seit drei Jahren hier. Das ist lange genug, um ein Gespür für die Gegend entwickelt zu haben, in der man lebt; lange genug auch, um zu wissen, wie es einem dort gefällt. Zwinger gefällt’s gut. Er ist damals aus Aystetten nach Oberhausen gezogen, genauer: ins Viertel Links der Wertach Nord.

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Gegensätzlicher können zwei Orte eigentlich kaum sein. Aystetten ist eine wohlhabende Gemeinde, viele große Villen, Swimmingpools, Straßennamen wie „Schloßberg“ und „Birkenallee“. Das Gebiet nördlich der Wertachbrücke hingegen ist laut Statistik eine der ärmeren Ecken Augsburgs. Knapp 16,8 Prozent der Haushalte hier bilden eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft, in der eine oder mehrere Personen Hartz-IV-Leistungen erhalten. Der zweithöchste Wert in Augsburg. 70 Prozent der Menschen hier sind Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund, nirgends sonst ist dieser Wert in der Stadt so hoch.

Es gibt auch weitere Zahlen, die man so interpretieren kann, dass hier manches vielleicht problematisch ist, und einige Augsburger sehen Oberhausen ja auch als Problemquartier an. Doch Zwingers, 68, der als Statistiker arbeitet, steht an diesem Tag vor seinem Haus und lobt die Vorteile des Viertels: die ruhige Lage in der Spielstraße, in der das Haus steht, die gute Verkehrsanbindung in die Innenstadt.

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Wie sieht das leben dort aus?

Die Zahlen sind das eine. Doch was bedeuten sie konkret? Oder anders gefragt: Wie sehr spiegeln sie das Leben vor Ort wider? Dass Oberhausen durch Migration geprägt ist und nicht zu den reicheren Ecken gehört, sehen auch Menschen schnell, die in der Stadt nur zu Besuch sind. Die vielen kleinen Restaurants, die Döner und Lahmacun verkaufen. Die türkischen Brautmodeläden in der Ulmer Straße, von denen eines wirbt, „islamische Kleidung“ anzubieten. Im Quartier „Links der Wertach Süd“, in dem laut Strukturatlas der Stadt 19 Prozent der Haushalte Hartz-IV-Leistungen beziehen, bröckelt von einigen Gebäuden der Putz, in der ansonsten beschaulichen Branderstraße wird ein geschlossenes Geschäft für Ski-Bedarf eingerahmt von zwei Bauruinen. In einigen Straßen in der Ecke stehen hübsch renovierte Häuser neben trostlosen grauen Klötzen, an denen seit Jahrzehnten nichts gemacht wurde. Draußen sieht man mehr Frauen mit Kopftuch als andernorts in der Stadt.

In den Schulen hat die Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund. In machen Klassen in der Löweneckschule beispielsweise sitzen nur vereinzelt Kinder, die keinen haben. In der Schule, sagt Schulleiterin Britta Siemer, werde natürlich Deutsch gesprochen. Zu Elternabenden aber müssen manchmal die Schüler mitkommen, um für ihre Eltern zu übersetzen. Drei Mal die Woche bieten hier Sozialarbeiterinnen Frühstück für Schüler aus ärmeren Familien an, ein Projekt, das die Tafel und die Kartei der Not unterstützen. Die Voraussetzungen klingen nicht günstig. Aber größere Probleme? Die habe man nicht an der Schule, sagt Schulleiterin Siemer. Auch keine Konflikte der Kinder, die darauf basieren, dass sie unterschiedlichen Nationalitäten haben. Die Kinder, sagt Siemer, seien untereinander offen, ihnen sei eigentlich egal, wer woher komme.

Auch auf den Straßen nördlich der Wertachbrücke trifft man meist Menschen, die ihre Wurzeln irgendwo im Ausland haben. Theofilou Antonios kommt aus Griechenland. Er steht auf einem Grundstück in der Flurstraße und räumt einen kleinen Transporter ein, während er erzählt. 1971 ist er nach Augsburg gekommen, 1990 baute er hier in der Nähe ein Haus. Heute ist er 65 Jahre alt und betreibt ein kleines Unternehmen, er richtet Tennis-Plätze her. Eigentlich sei er ja fast schon mehr Deutscher als Grieche, sagt er und lacht. So lange, wie er schon da sei. Ob es ihm hier gefällt? „Aber wie“, sagt er. Klar, es gebe viele Vorbehalte, der Ruf sei schlecht. „Klein-Istanbul und so weiter.“ Aber was mache das schon?

„Ich fühle mich zuhause“

Eine Ecke weiter, kurz vor der Löweneckschule, hat Ercan Balci einen Laden. „B&B-Markt“ heißt das kleine, von außen unscheinbare Geschäft. Nichts kostet hier viel Geld. Es gibt Kaffee für einen Euro, Süßigkeiten für Centbeträge, außerdem Snacks und Schulsachen: Bleistifte, Blöcke, Lineale. Ab und an kommen Schüler herein und kaufen Süßigkeiten, einige Kunden schauen neugierig, was die Presse hier so macht. Balci bietet Tee an. Seit zehn Jahre arbeitet er hier, berichtet er. Einige der Kunden scheinen ihn persönlich zu kennen und andersherum, der Umgang wirkt vertraut. Weiter hinten im Geschäft sitzen Bekannte von Balci. Arven Potros ist einer von ihnen. Potros, 24, stammt aus dem Irak. Hier im Laden war er als Schüler oft, erzählt er. Und heute schaue er eben immer noch gerne vorbei. „Ich fühle mich hier wie zuhause“.

Später wird ein junger Mann, ein Teenager eher, nicht weit vom Laden entfernt auf der Straße lautstark in sein Handy schimpfen. Er ist nicht ganz glücklich damit, dass ihm Sozialstunden aufgebrummt wurden, so viel wird klar. „Nur weil ich vorbestraft bin“, ruft er laut und fügt eine Beleidigung an. So laut, dass ihn weithin alle hören können und müssen, ob sie wollen oder nicht. Symptomatisch für das Viertel ist dieser, nun ja, Ausbruch nicht. Die Stadt hat vor einigen Jahren mal ausgewertet, in welchen Stadtteilen wie viel Prozent der Straftaten passieren. Die Auswertung ergab zwar, dass Links der Wertach Nord und Süd der Anteil der Tatverdächtigen an der wohnberechtigten Bevölkerung mit am höchsten ist. Die meisten Straftaten allerdings spielen sich, wenig überraschend, in der Innenstadt ab. Die beiden Viertel Links der Wertach landeten im Mittelfeld.

Stefan Lanzinger, Chef der Polizeiinspektion in Oberhausen, sagt, Kollegen aus der Innenstadt seien oft überrascht, wie vergleichsweise ruhig es im Bereich seiner Inspektion zugehe. Auch aus seiner Sicht laufe vieles entspannter ab als in der Innenstadt. Für das dortige Revier hat Lanzinger 25 Jahre gearbeitet. Dennoch hat die Polizeiarbeit in Oberhausen ihre Besonderheiten. Dass einige der Beamten türkisch sprechen, sei schon hilfreich, sagt Lanzinger. Zudem sei man vermutlich die Dienststelle, die am häufigsten einen Dolmetscher beanspruchen muss.

In der Flurstraße geht an diesem Tag ein Mann zu seiner Wohnung, der von all den Statistiken nichts weiß, weil er erst seit Kurzem hier lebt und bald auch schon wieder weg ist. Seinen Namen will er nicht nennen, nur seinen Spitznamen, Diego. Diego also ist Ingenieur, kommt aus Frankreich und arbeitet für drei Monate bei Siemens in München, wie er berichtet. Er hat sich entschieden, für die Zeit nach Augsburg zu ziehen. Dass er in dem Viertel mit der höchsten Migrantendichten gelandet ist? Eine vergleichsweise arme Gegend? Ein Zufall, sagt er. Er wirkt überrascht. Er habe sich mehrere Wohnungen angeschaut, auch in der Innenstadt. Jene in der Flurstraße habe ihm einfach am besten gefallen.

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