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Neues Forschungsprojekt

29.06.2018

Wie sah die Region vor bis zu 7000 Jahren aus?

Ist das Natur – oder ist da mehr? Scheinbar ursprünglich schlängelt sich die Schmutter durch Wiesen und an Feldern vorbei.
Bild: Marcus Merk

Die Menschen haben die Natur immer schon verändert und geprägt. Was davon noch da ist - auch unsichtbar - will jetzt ein Forschungsvorhaben herausfinden.

Seit ungefähr 7000 Jahren siedeln Menschen im Augsburger Land – und sie haben dabei viel mehr Spuren hinterlassen, als heute auf einen ersten oder auch zweiten Blick zu sehen ist. Doch diese Spuren sind immer noch da. Davon sind die Kreisheimatpflegerin für Archäologie, Gisela Mahnkopf, und Geograf Dr. Markus Hilpert von der Universität Augsburg überzeugt. Sie stehen hinter einem Projekt, das diese Kulturspuren nun aufdecken soll. Und das Großes vorhat: Es soll beispielhaft für neue Forschungen diesen Umfangs in ganz Deutschland werden.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Gisela Mahnkopf in der Archäologie mit dem, was zwar im Boden liegt, aber offensichtlich nichts mit der Natur zu tun hat. Tonscherben, alte Waffen, Grabstätten oder Bergbaugruben – all das hat sie in diesen Jahren schon entdeckt. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass die komplette Landschaft, die uns umgibt, keine ursprüngliche Natur-, sondern eine reine Kulturlandschaft ist. Jeder Acker, jeder Bachlauf zu einer Mühle, jede Siedlung sowieso – alles haben Menschen im Laufe der Jahrtausende so angelegt und umgeformt, wie sie es für ihr Überleben am besten nutzen konnten.

Vieles bleibt bestehen, weil sich der Denkmalschutz heute um den Erhalt oder zumindest um eine Erfassung kümmert. Anderes, etwa alte Alleen, sind durch Naturschutzvorgaben vor einer willkürlichen Zerstörung sicher. Doch was ist mit all den Dingen, die dazwischen liegen? Erdwällen im Wald, die auf die Anlage von Feldern nach mittelalterlicher Landwirtschaft hindeuten etwa, mit einer alten Wolfsgrube oder einem Vogelherd, einer Anlage, mit der die Menschen vor Jahrhunderten Vögel für ihren Fleischbedarf gefangen haben?

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Gefahr für das Alte: Das Raster zwischen Natur- und Denkmalschutz

Nicht länger sollen diese etwas unscharfen Relikte durch das Raster zwischen Natur- und Denkmalschutz fallen. Nur wer weiß, auf welch kulturell bedeutsamem Boden er steht, der könne auch entscheiden, was er schützen und erhalten will, sagt Gisela Mahnkopf. Mithilfe eines Budgets in Höhe von 140.000 Euro, zur Hälfte finanziert vom Landkreis Augsburg sowie über Zuschüsse des europäischen Leader-Projekts und der bayerischen Staatsregierung, sollen nun im Landkreis Augsburg so viele dieser Kulturspuren gesichert werden wie noch nirgendwo.

Das zumindest hat sich Projektleiter Markus Hilpert, Privatdozent an der Uni Augsburg, vorgenommen. Mindestens 1000 Spuren will er in den nächsten Monaten finden und auswerten. Hinweise, die heute in der Landschaft noch auf Siedlungen, Straßen, Landwirtschaft oder Bergbau hinweisen – auch wenn es die Dinge selbst gar nicht mehr gibt. Bereits jetzt ist sein Team um Projektbearbeiter Philipp Daschmann dabei, alte Karten zu sichten, in alten Büchern oder Wanderführern über den Landkreis Augsburg oder auch in Katasterauszügen all das zu finden, was heute nicht mehr allen bewusst ist: etwa die Lage des ehemaligen Sommerkellers eines Dorfes oder des Eisweihers für eine Brauerei, die es längst nicht mehr gibt.

Projektleiter wollen auch auf Stammtisch-Wissen zurückgreifen

Doch alleine werden die vier Projektbearbeiter das nicht stemmen können: Bereits ab der kommenden Woche sind deshalb sechs Wirtshaus-Treffen mit all jenen geplant, die glauben, sich an alte Dinge erinnern zu können. In ungezwungener Atmosphäre soll dabei Unbekanntes ans Licht kommen, stellt sich Markus Hilpert vor. Außerdem treffen sich die Projektmitarbeiter auch noch mit ausgewiesenen Experten vor Ort, Heimatkundlern oder Altbürgermeistern.

Was das Projekt anders als jene macht, die es in dieser Richtung bereits gibt, ist der Umfang, stellt Hilpert heraus. Aus den 1000 Kulturspuren sollen die 60 markantesten ausgewählt werden. Mit diesen wird eine Landkarte erstellt und geschichtlich oder touristisch Bedeutsames herausgearbeitet. Dann geht das Projekt noch weiter in die Tiefe. Mit einem Fachgremium werden daraus noch einmal die 15 Interessantesten herausgepickt. Bei ihnen werden tiefer gehende historische Analysen durchgeführt, sie bekommen vor Ort Stelen, die auf diese Kulturspuren hinweisen. Außerdem werden sie in einer großen Wanderausstellung samt Katalog vorgestellt. Bis März 2020 soll das komplette Projekt abgeschlossen sein, erklärt Philipp Daschmann.

Auch der Tourismus will profitieren

„Die touristischen Aspekte passen wunderbar in unser Konzept“, sagt Benjamin Walther, Geschäftsführer des Regionalentwicklungsvereins ReAL West, der vor allem im westlichen und nördlichen Landkreis Augsburg angesiedelt ist. Die Ergebnisse könnten beispielsweise den archäologischen Radweg von Meitingen nach Oberschönenfeld ergänzen. Sein Kollege Benjamin Früchtl, der das Begegnungsland Lech-Wertach im Süden des Landkreises vertritt, spricht den identitätsstärkenden Charakter des Projekts an: Gerade in einer Zuzugsregion interessierten sich viele Menschen für ihre alte und neue Heimat.

Denn die verändere sich aktuell so schnell, dass auch Alteingesessene zwischen neuen Bau- und Gewerbegebieten oder veränderten Straßentrassen nicht alles historisch oder kulturell Wichtige behalten könnten. Für sie ist deshalb wichtig, dass die Kulturspuren nicht nur zurück in die Vergangenheit weisen sollen, sondern richtungsweisend für die Zukunft sein können. Nur wenn das alte Kulturgut bekannt sei, könne es auch erhalten werden.

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