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Augsburg

22.01.2019

Wie tickt der Augsburger? Das sagen Bekanntheiten der Stadt

Wer ist „der“ Augsburger? Das lässt sich kaum sagen. Dennoch finden manche, dass sich die Stadt und ihre Menschen positiv verändert haben.
Bild: Stefan Puchner dpa

Ein ehemaliger Münchner hat berichtet, wie schwierig er die Augsburger finde. Was bekannte Augsburger wie Kurt Gribl oder Ignaz Walter dazu sagen.

Als verstockt, wortkarg und zurückhaltend hat Rüdiger Bergmann die Augsburger geschildert. Wie berichtet, hat der 61-Jährige in einem Leserbrief in einer Münchner Zeitung seinen Frust über die Augsburger niedergeschrieben. Was sagen bekannte Augsburger dazu? Der frühere Baukonzern-Chef Ignaz Walter etwa verteidigt die Augsburger. Oberbürgermeister Kurt Gribl findet, dass die Zeiten der Selbstbezichtigung der Augsburger längst vorbei sind. Das Stadtoberhaupt findet am Augsburger eine Eigenschaft besonders liebenswert.

Rüdiger Bergmann lebt bereits seit 17 Jahren in der Fuggerstadt. Doch mit ihren Menschen wird der alleinstehende Mann, der zuvor in München wohnte, nicht warm. Er macht das an dem abweisenden Wesen des Augsburgers fest. Werden Augsburger von Fremden angesprochen, schrieb Bergmann in einem Brief an die Süddeutsche Zeitung, drehten diese sich oftmals demonstrativ zur Seite.

Kabarettist Silvano Tuiach: Der Augsburger ist wenig kontaktfreudig und muffig

Kabarettist Silvano Tuiach.
Bild: Richard Mayr

Wer solche Situationen auch beobachtet, ist Silvano Tuiach. Als Kabarettist, der in Oberhausen aufwuchs, nimmt der 68-jährige Tuiach den Augsburger mit seinen Eigenheiten gerne auf die Schippe. „In den Vorstellungen bekomme ich auf diese Szenen die positivsten Resonanzen. Das ist doch das Schöne, dass der Augsburger über sich lachen kann.“ Er selbst müsse wohl oder übel Herrn Bergmann zustimmen.

Am Montag erst habe er wieder eine Begegnung gehabt, wo er jemanden mit „Guten Morgen“ begrüßte, aber keine Reaktion erhielt: „Da hätte ich genausogut einen Pfosten grüßen können.“ Solche Momente sind für den Kabarettisten Gold wert. „Mit meinen Aussagen über den Augsburger verdiene ich meinen Lebensunterhalt“, sagt Tuiach und lacht. Wie er den Augsburger beschreibt? „Er ist wenig kontaktfreudig, mufflig und – ganz wichtig – er ist nicht bösartig.“ Es brauche halt eine Anlaufzeit, bis man mit ihm warm werde.

Klaus Dietmayer: Der Augsburger ist längst offen

So ganz falsch liegt der Briefschreiber, nicht, meint auch Klaus Dietmayer, früherer Chef von Erdgas Schwaben. Allerdings, fügt der gebürtige Haunstetter hinzu, hätte Bergmann seinen Leserbrief vor rund 40 Jahren schreiben müssen. Damals habe es Tendenzen gegeben, wo man Augsburger als „Muhaggl“ bezeichnen konnte. „Oder als zurückhaltend, um es netter zu formulieren.“ Inzwischen sei der Augsburger längst offen. Dietmayer macht den Wesenswandel am Jahr 1985 fest.

„Ich erlebte den Zeitpunkt, als Augsburg seine 2000-Jahr-Feier beging, als einen Aufbruch“, erzählt der 60-Jährige. Drei Wochen lang sei draußen gefeiert worden, man kam mit wildfremden Menschen ins Gespräch.

Natalie Böck.

Auch Natalie Böck, die mit Ehemann Istvan Nemeth die Tanzschule DanceCenter No1 betreibt, stellt eine Veränderung bei den Augsburgern fest. „Die ältere Generation war sicherlich nicht einfach“, räumt sie ein. So hätten die Menschen auch gerne erst mal etwas abgelehnt, bevor sie sich dann doch von einer Sache überzeugen ließen. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei, findet die 51-Jährige, die im Bärenkeller groß geworden ist.

Ob die Tatsache, dass Leserbriefschreiber Rüdiger Bergmann in Augsburg keinen Anschluss findet, alleine der Stadt und seinen Bewohnern angelastet werden muss, sei die Frage, gibt CSU-Stadträtin Katja Scherer (50) aus Pfersee zu Bedenken.

Boxerin Nikki Adler (31), die aus Lechhausen stammt, meint: „Wenn man ein offener Mensch ist, ist man überall willkommen.“

Kurt Gribl spricht von einer rationalen Herzlichkeit des Augsburgers

Geht es nach Oberbürgermeister Kurt Gribl, sollten solche Diskussionen gar nicht mehr geführt werden. „Wir sollten uns über das spürbare neue Selbstvertrauen der Augsburger freuen und nicht nach Negativbotschaften suchen. Auch und erst recht nicht in München.“ Viele Menschen zögen in die Fuggerstadt, weil sie attraktiv ist.

OB Kurt Gribl.

„Wir verändern uns ständig, und ich habe noch nicht wahrgenommen, dass die Augsburger der Veränderung ablehnend gegenüber stehen“, betont Gribl, der aus Kriegshaber stammt. „Im Gegenteil“, ergänzt er: „Die rationale Herzlichkeit, die uns ausmacht, hat viel Vernünftiges in der Stadt zu Wege gebracht.“ Gribl betont die Vielfältigkeit des Augsburgers. „Wir sind fleißig und weltoffen. Herzlich, aber nicht oberflächlich. Kritisch, aber nicht zynisch. Hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. Endlich selbstbewusst, aber nicht aufschneiderisch.“ Eines finde er vor allem liebenswert.

„Optimismus und Freude werden nicht zur Schau gestellt, sondern sind beim typischen Augsburger eher eine endogene Erscheinung, also eine hauptsächlich innere Haltung.“

Ignaz Walter hält nichts von Pauschalurteilen

Der einstige Baukonzernchef Ignaz Walter verteidigt „mein Augsburg, wo ich nur kann“. Er halte nichts von Pauschalurteilen, so der 82-Jährige, der in Lechhausen aufwuchs. Der Augsburger an sich sei etwas in sich gekehrt und denke erst, bevor er rede – aber seine Mentalität sei nicht besser oder schlechter als andere, beharrt Walter. „Augsburger sind ganz normale Menschen.“ Das Einzige, das er bemängelt, ist der Dialekt. „Der ist sehr breit.“ Und was sagt Rüdiger Bergmann über die Debatte, die er ausgelöst hat?

„Wenn man die Verschlossenheit in Augsburg erleben will, muss man alleine losziehen.“ Manche Augsburger scheinen nun mit ihm in Kontakt treten zu wollen. Nach dem Artikel, sei er, erzählt Bergmann, 20 Mal mit unterdrückter Nummer angerufen worden. Er habe nichts gegen eine offene Diskussion. Aber solche Anrufe findet er inakzeptabel.

Lesen Sie dazu: Leserbriefschreiber: "Manchmal hasse ich es, in Augsburg zu leben"

Lesen Sie dazu den Kommentar: Debatte um Augsburger zeigt: Begeisterung für die Stadt lebt

Lesen Sie außerdem die Leserreaktionen: Sind die Augsburger wirklich so schlimm?

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Die Diskussion ist geschlossen.

22.01.2019

Augsburger sind Bayrische Schwaben und wie die Mehrheit der Bayrischen Schwaben haben diese auch bayrisch-schwäbische Eigenschaften. Darin unterscheiden sie sich auch von den Württembergischen Schwaben. Sie (die Bayrischen Schwaben) lassen sich nicht gerne einen Spiegel vorhalten, sind eher in sich verschlossen, neigen zum Centfuchser, mehr geizig als großzügig, granteln gerne, haben eine Neigung zur Vetterleswirtschaft und "i kenn da jemand" und versuchen gerne Hemdsärmlig und mit Ellenbogen ihre Interessen durchzusetzen. Handelsreisende haben es in Bayrisch-Schwaben schwer bis sehr schwer, Geschäfte zu tätigen vor allem auch wenn diese von außen kommen. Nicht umsonst gab es ja in Augsburg lange Zeit den Plim (oder so ähnlich) der regelmäßig durch seine Stadt ging und darüber in der AZ auch berichtete.

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22.01.2019

Ich verstehe nicht, wie man diesem Thema einen solchen Raum gibt. Das haben sich übrigens auch viele SZ-Leser gefragt, nachdem die Süddeutsche Zeitung diesen ungewöhnlich langen Leserbrief veröffentlichte.
Ich wurde in München geboren und habe 30 Jahre dort gelebt. Vor 40 Jahren kam ich der Liebe wegen nach Augsburg und lebe seither in Friedberg. Dazwischen war ich beruflich 15 Jahre in Nürnberg und bezeichne mich manchmal als "Multikulti-Bayern".
Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es nicht "den" Münchner, "den" Augsburger" oder "den" Franken gibt. Hier wie da laufen solche und solche herum. Aber man kann überall mit Menschen in Kontakt kommen. Freundlich ohne Vorurteile auf sie zugehen, ist die beste Voraussetzung dafür. Wenn jemand wie Herr Bergmann - noch dazu in einem sozialen Beruf - nicht nur in Augsburg solche Probleme damit hat, sollte er sich mal selbst hinterfragen. Wenn ich mit dem Finger auf einen Menschen zeige, weisen immer 4 Finger auf mich zurück. Ich bezweifle, dass er in Passau glücklicher wird.

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22.01.2019

Der Beschreibung des Augsburgers von Herrn Ignaz Walter und unserem Oberbürgermeister Griebl kann ich nur voll und ganz zustimmen. In den 70-iger Jahren war es für neu zu gezogene wirklich schwer mit den alteingesessenen Augsburgern Kontakt zu bekommen, das haben mir viele Freunde berichtet, bzw beklagt. Dafür hielten sie uns Augsburger immer für „overdressed“ und zu modisch (Kommentar von Franken und Oberbayern). Wir waren eben Textilstadt bis in die 80-er Jahre. Seit der Gründung der Universität Augsburg haben sich die Augsburger immer mehr geöffnet, die Gehsteige wurden plötzlich nicht mehr um 22:00 hochgeklappt. Man fing an auswärts zu essen, die Zahl der Lokale stieg stark an. Verstärkt wurde dieser Trend durch unseren hohen Migrations Anteil, der in Augsburg bei allen Unterschieden zu einer überdurchschnittlich toleranten, harmonischen und weltoffenen Stadt-Bevölkerung geführt hat.
Die Verschlossenheit der AUGSBURGER rührte wohl ursprünglich von der jahrhundertelangen Prägung als Handwerks- und Industriestadt. Menschen in diesen Branchen arbeiten zwangsläufig mehr mit Händen und Kopf als mit dem Mundwerk - und die Schwäbischen Gene. Da sind Rheinländer und Berliner von Haus aus extrovertierter gestrickt.
Bis heute liebe ich meine Heimatstadt und meine Mitbürger, sie sind genau richtig. „Ein Hoch auf uuuuns....“ dem, der hier zu wenig Abschluss hat, rate ich sich gesellschaftlich oder sozial zu engagieren und siehe da, sofort hat man Kontakt!

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