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Augsburg

02.09.2019

Wie wird Augsburg zum "Insekten-Hotspot"?

Es fällt kaum ins Auge, doch das Dach der Augsburger Stadtbücherei ist begrünt. Die Fläche umfasst rund 800 Quadratmeter, der Pflegeaufwand hält sich laut Auskunft des Gebäudetechnikers in Grenzen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hat die Bürger für das Thema sensibilisiert. In Augsburg könnte viel für mehr Artenvielfalt getan werden. Die Stadtwerke haben eine Idee, die auch Wissenschaftler gut finden.

Nein, es ist kein Scherz: In der niederländischen Stadt Utrecht gibt es seit Kurzem „Bienenstopps“ im öffentlichen Nahverkehr. Dort wurden über 300 bienenfreundliche Bushaltestellen – sogenannte Bee Stops – mit begrünten Dächern eingerichtet. Damit könnte Utrecht zu einem Vorbild für Augsburg werden. Denn auch hier prüfen die Stadtwerke Dachbegrünungen an ihren Haltestellen.

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Das große Ziel hinter diesen Plänen ist, mehr Lebensraum für bedrohte Insektenarten zu schaffen und im Sommer das Mikroklima in der Stadt zu verbessern. Stadtwerke-Sprecher Jürgen Fergg sagt, im Unternehmen gebe es schon seit einiger Zeit Überlegungen, Haltestellen zu begrünen. Nun machen sich auch andere für diese Idee stark.

Der Lebensraum für Insekten wird kleiner

In den vergangenen Wochen gab es dazu Anfragen von Bürgern oder über Social Media bei den Stadtwerken. Die Grünen haben beantragt, nach dem Vorbild von Utrecht „Bee Stops“ in Augsburg einzuführen. Die Stadtratsfraktion argumentiert, durch die zunehmende Flächenversiegelung gebe es weniger Lebensraum für Insekten. Asphalt und verschwundene Grünflächen seien aber nur einige Gründe der sinkenden Insektenpopulation. Besonders in den heißen Wochen des Jahres fänden Wildbienen, Hummeln oder Schmetterlinge auch immer weniger Nahrung.

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In Augsburg gäbe es durchaus Möglichkeiten, „Bee Stops“ einzurichten. Die Stadtwerke haben nach eigenen Angaben 412 kombinierte Fahrgastunterstände im Bus- und Tramverkehr. Fergg sagt jedoch, die Bauweisen seien sehr unterschiedlich. „Gerade an Straßenbahnhaltestellen haben wir vornehmlich Glasdächer, die sich für eine Dachbegrünung weniger eignen – vielleicht aber ja für eine anderweitige Begrünung.“ Zusammen mit dem städtischen Amt für Grünordnung sollen nun Ideen entwickelt werden. Fergg sagt, eine wichtige Frage sei, ob die Haltestellenhäuschen von der Statik und Bauart her für Dachbegrünung geeignet sind. Möglicherweise könne statt der Häuschen auch die unmittelbare Umgebung bepflanzt werden.

Bei den städtischen Verkehrsbetrieben läuft darüber hinaus ein Pilotprojekt für eine neue Generation von Fahrgastunterständen. Der erste steht an der Haltestelle „Hochschule“. Er bietet mehr Informationen für Fahrgäste und sieht moderner aus. Diese Haltestellen sollen auch entlang der Verlängerung der Linie 3 errichtet werden, so Fergg. „Auch hier sind wir mit dem Amt für Grünordnung dabei, eine mögliche Begrünung zu planen.“ Wann die „Bee Stops“ kommen, dazu will man sich bei den Stadtwerken aber noch nicht festlegen.

Pflanzen wie der Mauerpfeffer sind pflegeleicht und gut für Insekten.
Bild: Eberhard Pfeuffer

Begrünte Dächer können einen großen Beitrag leisten

Bleibt die Frage: Was bringen Bienenstopps der Natur? Eberhard Pfeuffer vom Naturwissenschaftlichen Verein für Schwaben findet die Idee mit den begrünten Haltestellen richtig gut. „Es wäre ein nicht unerheblicher Baustein in meiner Idee einer neuen Stadtökologie.“ Dachbegrünungen seien selbst auf kleinstem Raum schön anzuschauen. Mit Pflanzen wie hitzebeständigen Mauerpfefferarten seien sie auch pflegeleicht und dauerhaft. Und sie würden für Insekten einen großen Gewinn bringen. Pfeuffer sagt, die Summe der kleinen Biotope auf den Dächern der Haltestellenhäuschen sei flächenmäßig nicht unerheblich. Die einzelnen Dachbegrünungen könnten als Trittsteine für ein innerstädtisches Verbundsystem fungieren.

Bei den Grünen geht man davon aus, dass es in Zukunft in Augsburg ohnehin mehr Begrünung auf Gebäudedächern geben wird. Fraktionsvorsitzende Martina Wild sagt, „grünes Bauen ist unumgänglich, um dem Klimawandel in unserer Stadt zu begegnen“.

Wenn man sich in der Stadt genauer umschaut, findet man schon jetzt größere Bauten mit bepflanzten Dächern. Dachbegrünungen gibt es im Zentrum beispielsweise auf dem Anbau des Finanzamtes Augsburg-Stadt am Prinzregentenplatz, aber auch ganz oben auf der neuen Stadtbücherei am Reuter-Platz. Wie sind dort die Erfahrungen?

Gebäudetechniker Günther Zott von der Stadtbücherei sagt, die rund 800 Quadratmeter große Begrünung sei vor rund zehn Jahren von einer Spezialfirma angelegt worden. Aus seiner Sicht hat sie sich gut bewährt. „Der Pflegeaufwand hält sich in Grenzen, und die Effekte für die Natur sind gut.“ Auch für die Mitarbeiter in den angrenzenden Büros sei das grüne Dach angenehm. Begehbar sei es allerdings nicht.

Eine Pflanze, die sonst nur im Gebirge wächst

Große begrünte Flachdächer gibt es in Augsburg auch an der Hochschule für angewandte Wissenschaften und an der Universität. Dort macht man damit ebenfalls gute Erfahrungen. Jens Soentgen vom Wissenschaftszentrum Umwelt der Uni verweist auf neue Untersuchungen, wonach die begrünten Dächer ein wesentlicher Beitrag zur Biodiversität auf dem Augsburger Campus sind. Auf dem Dach der Jurafakultät beispielsweise hat sich eine seltene Pflanze angesiedelt, die sonst nur im Gebirge vorkommt: das Kleine Seifenkraut. Für Insekten und Vögel seien die begrünten Dachlandschaften eine beliebte Anlaufstelle, so Soentgen. „Es sind Flächen, die wenig gestört werden.“ Aus Sicht des Wissenschaftlers wären auch bemooste Dächer ein großer Gewinn. Studien hätten ergeben, dass sie ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Artenvielfalt leisten könnten, aber auch für das Klima innerhalb von Gebäuden. Soentgen sagt, neue Lebensräume für vielfältige Lebewesen zu schaffen, sei in der heutigen Zeit eine zentrale Aufgabe in Deutschland. „Unser Ziel muss der ökologische Wiederaufbau unseres Landes sein.“

Lesen Sie hier den Kommentar von Nicole Prestle: Warum für ein grüneres Augsburg neu gedacht werden muss

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