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Augsburg

11.04.2019

Wie zwei Ur-Oberhauser ihren Stadtteil sehen

Das Drei-Auen-Quartier mit neuen und sanierten Wohnhäusern und einem neu gebauten Bildungshaus mit Grundschule (weißes Gebäude) befindet sich in Oberhausen. Hier hat sich auch mithilfe des Förderprogramms „Soziale Stadt“ viel getan.
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Das Drei-Auen-Quartier mit neuen und sanierten Wohnhäusern und einem neu gebauten Bildungshaus mit Grundschule (weißes Gebäude) befindet sich in Oberhausen. Hier hat sich auch mithilfe des Förderprogramms „Soziale Stadt“ viel getan.
Bild: Annette Zoepf

Oberhausen war früher als Augsburger Getto gebrandmarkt. Seitdem hat sich viel verändert. Eine Spurensuche zwischen renovierten Wohnblocks und rasantem Wachstum.

Ein erloschener Fabrikschornstein ragt einsam aus dem Gewerbegebiet hervor, fast schon nostalgisch an längst vergangene Zeiten erinnernd. Dazwischen Discounter und Werkshallen, die Bundesstraße 17 in Sicht- und Hörweite. Nur ein paar Straßen weiter, hinter Hecken und Zäunen, offenbart sich so etwas wie amerikanisches Vorstadtleben: makellose Fassaden, sorgsam gepflegte Grundstücke, blitzsaubere Kleinwagen am Straßenrand, linealgleich am Bordstein ausgerichtet.

Wohnbaugruppe hat 1600 Wohnungen in Oberhausen

Oberhausen-Nord ist ein Stadtteil im Umbruch. Altes und Neues, Tristesse und Idylle leben in scheinbar friedlicher Koexistenz. Auf den zweiten Blick rücken Schutthaufen und Industriebrachen in den Fokus. Aus der Innenstadt kommend, scheint die Straßenbahnlinie 4 den Stadtteil in zwei Sphären zu teilen. Auf der linken Seite überwiegen schlichte, pastellfarbene Häuserreihen. Hier, in der Bleicherbreite, beginnt Dieter Benkard eine Stadtteilfahrt. Er ist Stadtrat der SPD und engagiert sich sein ganzes Leben für diesen, seinen Stadtteil. Wenn er darüber spricht, ist seine Stimme energisch, er gestikuliert, hält dafür auch mal an, um beide Hände vom Lenkrad nehmen zu können. Durch die Windschutzscheibe seines Wagens deutet der 74-Jährige auf die Wohnblocks, von denen einer dem anderen gleicht. „Das sind großteils WBG-Wohnungen“, sagt er, „alle auf dem neuesten Stand.“ Rund 1600 Wohnungen besitzt die Wohnbaugruppe Augsburg (WBG) in Oberhausen. Benkard sitzt seit 30 Jahren im WBG-Aufsichtsrat.

Rechts der Gleise trainiert, gut sichtbar, der Nachwuchs des Fußballbundesligisten FC Augsburg. An die Sportanlagen grenzt im Nordwesten eine Kleingartensiedlung. Dahinter reihen sich moderne Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften aneinander, mit großzügig angelegten Vorgärten und akkurat gestutzten Hecken. Die Siedlungsgebiete galten vor wenigen Jahrzehnten noch als zwielichtiges Pflaster. „Das war damals so schlimm, da hast du ein Polizeirevier gebraucht“, sagt Benkard, während er durch die Schönbachstraße steuert. „Drogengeschäfte, Prostitution, das war alles da unten.“ In drei Bauabschnitten erfolgte ab 1990 der Umbruch. „Eine gewaltige Aufwertung“, sagt Benkard, „heute ist das alles schön.“

Einwohnerzahl in Oberhausen-Nord steigt

Oberhausen-Nord boomt. Ende 2016 lebten rund 8600 Menschen in dem Stadtteil, zehn Prozent mehr als noch 2011. Wachstum bedeutet aber zunächst einmal: Neuer Wohnraum muss her. Noch bedeckt Schutt die ehemaligen Firmengelände der Molkerei Cema und des Automobilzulieferers Zeuna. In den kommenden Jahren sollen hier Tausende neue Wohnungen entstehen.

Im Süden Oberhausens sitzt Theo Gandenheimer in seiner Etagenwohnung im zweiten Stock. Ein Arm ruht auf der Stuhllehne, die Beine hat er übereinandergeschlagen. Vom Wohnzimmerfenster aus blickt der Bürgermeister im Ruhestand auf den nahe gelegenen Regionalbahnhof. So richtig im Ruhestand ist der „Libero des Oberbürgermeisters“, wie er sich selbst scherzhaft nennt, aber nicht. Erst kürzlich hat er einem Ehepaar zum 70. Hochzeitstag gratuliert. „Oberhausen ist lebens- und wohnenswert“, betont der 85-Jährige. In den vergangenen Jahren habe sich sehr viel verändert. Die Politik habe aber nicht genug für die bauliche Gestaltung getan. Vor allem in Erhalt und Qualität des bestehenden Wohnraums müsse mehr investiert werden.

Auch ausländische Mitbürger verlassen Oberhausen

Besorgt ist der frühere CSU-Stadtrat auch darüber, wie sich die Wohnungspolitik auf die Demografie auswirkt. „Junge Leute sind teilweise nicht im Stadtteil geblieben, aufgrund der ganzen Situation, und haben ihre Häuser verkauft.“ In der Folge habe man den Wohnraum Migranten und Asylbewerbern zugewiesen. „Und dadurch hat die Bevölkerungsstruktur meines Erachtens ein bisschen gelitten.“ Er wünsche sich, dass die Stadt diese Menschen besser verteilt, dass sich Stadtteile wie Oberhausen nicht zu „Ballungszentren“ entwickelten. Auch ausländische Mitbürger würden Oberhausen teilweise verlassen, weil sie sich unwohl fühlten. Rückblickend sagt Gandenheimer: „Da sind Fehler gemacht worden.“

Benkard sieht das Thema gelassen. Auf den hohen Anteil an Migranten sowie Menschen mit Migrationshintergrund angesprochen – in Oberhausen Nord sind es rund zwei Drittel –, zuckt er die Achseln und sagt: „Wir sind halt gemischt. Wir sind ein Einwanderungsland. Aber sozial klappt alles. Es wird ja auch sehr viel getan.“ Später wird er sagen: Dass die AfD bei der Landtagswahl ausgerechnet in Oberhausen-Nord ihr stadtweit bestes Ergebnis (rund 23 Prozent) eingefahren hat – „das hat mir wehgetan“.

Bürgerumfrage lässt Benkard seufzen

Konfrontiert man Benkard mit der jüngsten Bürgerumfrage der Stadt Augsburg, dann seufzt er. Ihr zufolge identifizieren sich die Menschen in Oberhausen-Nord nur sehr wenig mit ihrem Wohnumfeld im Vergleich zu anderen Stadtteilen. „Die Leute, denen kannst du alles machen, was du willst. Ihre Wünsche erfüllen, alles Drum und Dran. Und dann sind sie trotzdem unzufrieden. Ich krieg das jeden Tag hautnah mit.“

In solchen Momenten schwingt Frust in seiner Stimme mit. Während er durch die Zollernstraße navigiert, zeigt Benkard auf das Gelände der Werner-Egk-Grundschule. „Diese Turnhalle zu bauen, das hat 30 Jahre gedauert. Oder dieser Kindergarten an der Ecke, das hat 25 Jahre gedauert.“ Die letzte Etappe führt wieder durch die Schönbachstraße, diesmal in die andere Richtung über den Drei-Auen-Platz, und endet vor der gleichnamigen Drei-Auen-Schule. Für Dieter Benkard ist es „meine Schule“. Das betont er ganz besonders: „Das ist mein ganzer Stolz, dass ich das geschafft habe.“

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