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Augsburg

13.06.2019

Wilde Siedlung muss geräumt werden: Wo sollen die Bewohner jetzt hin?

Die Wilde Siedlung in Lechhausen muss bis November geräumt werden. Die Stadt sagt, sie findet kein Alternativgrundstück.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus In weniger als einem halben Jahr muss das Areal in Lechhausen geräumt werden. Die Suche nach einem Ersatzgrundstück gestaltete sich bisher schwierig.

Die Tage der „Wilden Siedlung“ am Ostrand von Lechhausen neigen sich dem Ende zu. Wie berichtet müssen die Bewohner des alternativen Projekts, die seit 15 Jahren in selbst gebauten Hütten und Häuschen leben, kommenden November das Gelände räumen. Und auch die Suche nach einem Alternativgrundstück, so die Stadt auf Anfrage, sei ergebnislos verlaufen.

Hintergrund der anstehenden Räumung ist, dass das Privatgrundstück an der Derchinger Straße, auf dem die Siedler – großteils Leute zwischen 30 und 40 Jahren – mit Zustimmung des Eigentümers leben, baurechtlich von der Stadt nie zur Wohnbebauung freigegeben wurde. Rechtlich handelt es sich bei den Behausungen um Schwarzbauten. Um keinen Präzedenzfall zu schaffen, beschloss der Bauausschuss des Stadtrats im vergangenen November, dass das Areal, das auch nicht ans Abwassernetz angeschlossen ist, geräumt werden muss. Eine entsprechende Verfügung wurde schon verschickt. SPD und Grüne stellten immerhin den Antrag, dass die Stadt versuchen solle, alternative Flächen bereitzustellen, auch die anderen Fraktionen ließen Sympathien für das Projekt erkennen.

Städtische Wohnbauprojekte sind für andere Projekte vorgesehen

Allerdings ist die Suche im Sand verlaufen. Städtische Alternativflächen seien nicht vorhanden, so die Stadt. Der von SPD und Grünen vorgeschlagene Bereich am Autobahnsee sei Privatgrund. Städtische Gewerbegrundstücke, so das Liegenschaftsreferat, beispielsweise direkt neben dem Flughafen oder im Lechhauser Gewerbegebiet, kämen schon baurechtlich nicht in Frage. „Gesunde Wohnverhältnisse“, wie sie das Baurecht fordert, seien dort nicht gegeben. „Städtische Wohnbaugrundstücke, welche sich derzeit in Planung befinden, sollen im Rahmen von Förderprogrammen vorwiegend an junge Familien vergeben werden, um dort ein ,festes’ Gebäude zu errichten“, so die Stadt.

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17 Bilder
Einblick in die "Wilde Siedlung" in Lechhausen
Bild: Silvio Wyszengrad

Betroffen sind von der Räumung etwa zehn Menschen. Sie arbeiten als Handwerker, Angestellte oder studieren noch. Vor allem, dass man im Hüttendorf Freiheit und Gemeinsamkeit gleichzeitig hat, ist die Motivation fürs Zusammenleben. Trinkwasser kaufen die Siedler im Supermarkt, als Toilette dient ein Dixi-Klo, Strom gibt’s aus der gemeinsamen Photovoltaikanlage. Man sei, so ein Bewohner, dazu gezwungen, sich aufs Wesentliche zu beschränken, aber habe einen Lebensstandard, der über dem eines Großteils der Menschheit liege.

Dass die Stadt nach 15 Jahren die Räumung will, liegt daran, dass das Wohnprojekt bei der Stadt vorher niemandem als Schwarzbau aufgefallen war. Die Bewohner zahlten Grundsteuer, Rundfunkgebühr, Müllgebühren – und auch die Post vom Finanzamt kam an. Doch als ein Bewohner eine offizielle Hausnummer bei der Stadt beantragte, nachdem ein Brief als unzustellbar an den Absender zurückgeschickt worden war, fiel erstmals auf, dass das Areal nicht zur Wohnbebauung zugelassen ist. Das löste eine ämterinterne Lawine aus, an deren Ende der Räumungsbescheid stand.

Video: Silvio Wyszengrad, Marcus Bürzle

Noch ist unklar, wo die Bewohner künftig unterkommen werden. Mit der SPD-Stadtratsfraktion gab es zuletzt Gespräche. Man biete weiterhin Unterstützung an, so SPD-Stadträtin Sieglinde Wiesniewski. Allerdings ist seitens der Siedler wohl noch nicht abschließend klar, wie das weitere Vorgehen sein soll. Denkbar, so Wiesniewski, sei, die Suche nach einem Alternativgrundstück auf Nachbarkommunen auszudehnen. Die Siedler selbst wollten keine Stellungnahme abgeben. Den großen Zeitdruck sieht die SPD ohnehin nicht mehr, nachdem die geplante Erweiterung des Lechhauser Gewerbegebiets (Umweltpark) zwischen Derchinger und Südtiroler Straße momentan auf Eis liegt. SPD und Grüne hatten Widerspruch geäußert. Das Hüttendorf liegt ganz am Rande des Areals.

Lesen Sie dazu auch diesen Artikel: So leben die Bewohner der "wilden Siedlung" in Lechhausen

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Die Diskussion ist geschlossen.

15.06.2019

Man hat erkannt, dass gravierende Fehler gemacht wurden, was den sozialen Wohnungsbau betrifft.
Jetzt, wo die Wohnungsnot offensichtlich wird und die Immo-Mafia mit Geldwäschehintergrund mit zusätzlich billigem Geld die Wohnpreise explodieren lässt - jetzt lässt man sich an den "unteren" Bevölkerungsschichten aus.
Hier kann man zeigen, wie man Ordnung schafft - anstatt für günstige Wohnungen und menschenwürdige Einkommen zu sorgen.
Gleichzeitig haben hier die Mafias ihren Rückzugsort und können, wie sonst nirgends in Europa mit Bargeld ohne Herkunftsnachweis ganze Viertel aufkaufen. Verbrechen rentieren sich halt nur im großen Stil!

Hat Brecht recht?
Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank!

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13.06.2019

@ Hans M.
Bitte erst genau lesen und dann kommentieren. Es geht hier darum, dass auf dem Grundstück keine Wohnbebauung zulässig ist. Das hat überhaupt nichts damit zu tun ob ich eine Hütte oder Haus darauf errichte. Also wie soll dann durch Umbaumaßnahmen der Zustand legalisiert werden? Hier darf halt nur Gewerbe angesiedelt werden.
Es ist halt schlicht schade, dass für so eine alternative Lebensform kein geeigneter Platz gefunden wird. Und warum muss jemand, der so eine Form des Wohnens bevorzugt gleich in einer schlechten sozialen Situation sein? Ihr gesamter Kommentar erschließt sich mir in keiner Weise. Auch wenn für mich so eine Lebensweise nie in Frage käme, möchte ich mir über die Bewohner kein Urteil erlauben warum und weshalb sie da so wohnen.

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13.06.2019

Ich finde das schon etwas paradox: da soll die Stadt jetzt ein alternativ Grundstück suchen, um die "illegale" Siedlung an anderer Stelle weiterführen zu können? Entweder es ist so eine Bebauung für eine dauerhafte Bewohnung unzulässig, dann gibt's keine alternative Stelle für einen vergleichbaren Wohnzustand. oder man versucht durch Umbauten diesen Zustand zu legalisieren.
Alles andere ist Unsinn und man braucht auch kein Mitleid für die Bewohner zu haben. Die dort lebenden sind auch in keiner prekären, sozial schlechten Situation. Man kann auch den gewollten Lebensstandart in einer rechtlich unbedenklichen Bebauung führen.
Eigentlich ist hier auch der Eigentümer des Grundstücks gefragt, der so eine illegale Bebauung zulässt oder sogar fördert.

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