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Benefizkonzert

25.01.2012

Winterreise zu den Wohnungslosen

In der Ulrichsbasilika wandelten Sänger und Sprecher umher, hier Michael Fitz (l.) und Dirk Schneider.
Bild: Foto: Caritas

Schuberts Liederzyklus verbindet sich in Ulrichsbasilika mit eindringlichen Texten

Es liegt eigentlich auf der Hand und ist dennoch ein genialer Einfall des Journalisten Stefan Weiller, die „Winterreise“, Franz Schuberts 1827 komponierter „Kreis schauriger Lieder“ und ein Kelch voll Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, der in 24 Liedern ausgetrunken wird, mit Zitaten heutiger Wohnungsloser zu verbinden. Die Musik drückt aus, was nicht gesagt und was nicht verschwiegen werden kann.

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Eindrücklicher als bei dem Gastspiel in St. Ulrich und Afra kann man die Situation Wohnungsloser kaum nahebringen. Veranstaltet wurde die „Augsburger Winterreise“ in zweimonatiger intensiver Vorbereitung mit bewundernswertem Engagement und vorbildlicher Organisation vom SKM Augsburg. Der Eintritt war frei und stand so auch den eigentlichen Hauptpersonen offen. Die Resonanz war riesig und die Ulrichsbasilika mit 1000 Gästen voll besetzt. Die Spenden des Abends, insgesamt 7627 Euro, gingen an die Wärmestube und Wohnungslosenhilfe des Verbandes.

Die Verzweiflung des Einsamen vertonte Schubert so eindringlich wie kein Zweiter: „So zieh ich... durch helles frohes Leben einsam und ohne Gruß“ singt der Wanderer etwa im Lied „Einsamkeit“, der von der Stätte seiner enttäuschten Liebe bis zum Leiermann „drüben hinterm Dorfe“ geht. Auch das 2009 uraufgeführte Kunstprojekt wandert durch die Städte und wandelt sich dabei. An jedem Spielort werden Menschen ohne Obdach interviewt, die Texte anonym als ausdrucksstarke Miniaturen in das mehrdimensionale Programm eingeflochten. Lieder und Lesung themenverwandter Texte wechseln einander nicht monoton ab.

Winterreise zu den Wohnungslosen

Mal werden vielmehr Aussagen zwischen die Strophen geschoben, das Zitat mit einem Klavierpart-Motiv (meisterlich begleitend Hedayet Djeddikar) unterlegt, Anfangs- und Schlusslied werden von der Orgel (Eva-Maria Hodel) gespielt, „Der Lindenbaum“ im Volksliedteil wunderschön von einem Vokalquartett übernommen und das „Irrlicht“ gar am Cembalo begleitet. Das holt den Kunstliedzyklus aus seinem konzertanten Charakter heraus, macht ihn hautnah lebendig und schmiegt hin untheatralisch dem Konzept an.

Auch der Gesangsteil wird geteilt und mal von Sopran (lyrisch samtig Christina Schmid), Tenor (Wolfgang Vetter) oder Bariton (Dirk Schneider) gesungen. Die Sänger wandern dabei unauffällig durch den Raum. Als Sprecher las der Schauspieler, Sänger und Komponist Michael Fitz betont unprätentiös, aber nicht emotionslos, sondern authentisch wirkend. Die Texte sprachen für sich.

Abgerundet wurde die Darbietung durch die Porträtreihe „Es steht Dir ins Gesicht geschrieben“ von Marko Petz, die noch bis 29. Februar in St. Ulrich und Afra zu sehen ist (täglich 10 – 17 Uhr).

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