Kolumne Radlerleben

06.05.2017

Wir müssen umdenken!

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Sollte man Kinder mit dem Auto zur Schule bringen – oder besser mit dem Rad? Unser Kolumnist Sven Külpmann hat dazu eine klare Meinung.
Bild: Sven Külpmann

Sollte man Kinder mit dem Auto zur Schule bringen – oder besser mit dem Rad? Unser Kolumnist Sven Külpmann hat dazu eine klare Meinung.

Sven Külpmann, 35, wuchs als Sohn eines Fahrlehrers auf und lebt dennoch seit 13 Jahren autofrei. Er schreibt in unserer Kolumne Radlerleben und in seinem Blog.

Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge meine Runden zog: Immer um den Block, oft Stunden lang, fuhr ich mein Rad. Ich liebte es, mit dem Rad um die Nachbarschaft zu düsen: rechts aus dem Hof raus, nach dem Nachbarhaus wieder rechts in die Spielstraße hinein. Scharf bremsen, schauen, es könnte Gegenverkehr kommen! Nach rechts um die Ecke. Auf der Geraden beschleunigen, dann noch mal eine Rechtskurve und wieder in Richtung der großen Straße, an der ich wohnte. Ein letztes Mal rechts und die Runde begann von Neuem. Nie mehr als 100 Meter von zuhause entfernt, aber mitten drin in der Großen Freiheit. Ich träumte davon, weiter wegzufahren. Aber zur Grundschule, 1,5 Kilometer entfernt, musste ich laufen.

Endlich alleine fahren

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Erst in der vierten Klasse machten wir die Fahrradprüfung und durften offiziell zur Schule fahren. Zum Wechsel ins Gymnasium war es endlich soweit und ich durfte den Weg allein mit dem Fahrrad zurücklegen. Knapp zwei Kilometer voller Freude über die selbstbestimmte Mobilität. Jeden Morgen bei Wind und Wetter. Heute stehe ich wieder an der Ampel auf dem Weg zur Schule und ertappe mich bei einem neidischen Blick auf das Schulmädchen neben mir. Die Ampel wird grün und wir fahren los. Kurz darauf trennen sich unsere Wege. Es muss wohl zu einer nahe gelegenen Schule an der Frölichstraße. Ich überlege, ob ich wohl etwas falsch gemacht habe bei der Erziehung: Unser Großer fährt noch nicht selbst zur Schule. Nein, ich bin noch der Chauffeur. An der nächsten Ampel stehe ich neben einem Audi, der auf Grün wartet. Eine Mutter mit Sohn sitzt darin. Sie macht dasselbe wie ich. Sie im Auto – ich auf dem Rad. Von ihr gibt es viele – manche mögen sagen zu viele. Von denen, die das Kind mit dem Lastenrad transportieren, sieht man dieser Tage immer mehr, und ich freue mich über jeden, den man inspirieren kann, umzudenken. Denn wir müssen Umdenken. Wir können nicht weiter mehr Schultaxiverkehr generieren und dabei darüber stöhnen, dass die Straßen zu gefährlich für unsere Kinder geworden sind. Schließlich sind wir Teil des Problems und eines noch größeren: Wir spielen Hol- und Bringservice für die Kleinen und nehmen ihnen dabei genau diese Selbstbestimmtheit, die ich als Junge auf dem Weg zur Schule fühlte. Wir nehmen ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Wege wortwörtlich zu er-fahren und klagen gleichzeitig, dass sie nicht mehr so selbstständig sind wie wir.

Ein leiser Fluch

Ich passiere die Karmelitengasse entlang der Maria-Ward-Schulen. Während ich mich in einer Engstelle befinde, zwängt sich das entgegenkommende SUV eines anderen Vaters zügig zwischen mir und parkenden Autos durch. Ich fluche leise. Leise, denn ich will nicht, dass mein junger Fahrgast es hört. Der hat es sich vor mir, auf der Sitzbank unseres Lastenrads, gemütlich gemacht und soll nicht den Eindruck bekommen, dass die Situation gefährlich sei. Ich möchte ihm zeigen, dass es geht. Dass man in Augsburg entspannt Radfahren kann. Für ihn versuche ich, ein bisschen weniger Kampfradler zu sein. Was macht der andere Vater seinem Kind nur vor, denke ich. Ich wische den Gedanken beiseite, ich bin auch kein Heiliger.

Am Gymnasium bei Sankt Stefan wird es noch mal eng. Ich bin kurz dreist und schlängle mich zwischen den wie ineinander verkeilt wartenden Autos durch. Ich überlege, wie ich meinem Passagier das Selbstbewusstsein und die Umsichtigkeit vermitteln kann, die man als Radfahrer braucht. Er sieht nicht meine Augen und wohin mein Kopf sich dreht, immer auf der Suche nach Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern und dem Unbekannten, das hinter der Ecke wartet.

Wir haben noch viel zu lernen. Er und ich. Und die anderen Kinder und Eltern. Damit unser Nachwuchs das Rad wieder als einen Zugewinn an Mobilität wahrnehmen kann und nicht nur als Spielzeug. Schließlich ist es ein Werkzeug, das einen Menschen schon früh ermächtigt, sich selbstbestimmt und schneller als Schrittgeschwindigkeit fortzubewegen. Diese Erfahrung sollten wir ihnen nicht aus Angst um ihre Sicherheit nehmen. Stattdessen sollten wir ihnen Hilfe bieten, ihre Grenzen auszuloten und die Sinne zu schulen, die ihnen die nötige Sicherheit geben.

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