Newsticker
Söder: Müssen auf Dauer über "Sonderoptionen" für Geimpfte reden
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Wo Archäologen mit schwerem Gerät auffahren

Augsburg

29.06.2017

Wo Archäologen mit schwerem Gerät auffahren

Beim Bau des Innovationsparks im Univiertel schiebt ein Bagger den Humus weg, um zu den Spuren bronzezeitlicher Besiedlung im Kies vorzudringen. Im Hintergrund sind Archäologen mit Feinarbeiten beschäftigt.
Bild: Stadtarchäologie

Wenn in Haunstetten-Südwest gebaut wird, warten riesige Flächen auf die Begutachtung durch die Wissenschaftler. Die müssen dabei ganz anders arbeiten als auf anderen Baustellen in der Stadt.

Wenn in Augsburg ein Bauherr auf seinem Grundstück in die Tiefe gehen will, etwa um ein Fundament oder eine Tiefgarage auszuheben, dann rückt zunächst einmal ein Team der Stadtarchäologie auf der Baustelle an. Was in der Enge der Innenstadt zumeist mit einem Zelt und einer Handvoll Mitarbeiter getan ist, nimmt bei der Erschließung neuer Baugebiete erheblich größere Formen an, berichtet Stadtarchäologe Sebastian Gairhos. Wenn in Haunstetten West in den kommenden Jahren Wohnraum für bis zu 30000 Menschen geschaffen werden soll, stellt das auch die Archäologen vor gewaltige logistische Herausforderungen.

Der Süden von Augsburg war schon in der Bronzezeit beliebtes Siedlungsgebiet, so der Archäologe. Die Hochterrasse des Lechtals besteht aus fruchtbarem Lössboden, die Niederterrasse war gutes Weideland, außerdem war hier das Grundwasser mit Brunnen leicht erreichbar. „Die Menschen haben sich so angesiedelt, dass sie in die eine Richtung zu ihren Tieren und in die andere Richtung zu ihren Äckern gehen konnten“, erzählt er. Das war an Orten der Fall, wo die eine Landschaft in die andere übergeht - direkt am Übergang von der Hoch- zur Niederterrasse. Von der Augsburger Altstadt bis nach Haunstetten und Königsbrunn und weiter südlich zieht sich die Hochterrasse des Lechs, die man auf Luftbildern gut erkennen kann. So steht an der Universität beispielsweise die Bibliothek auf der Terrasse, die Hörsaalgebäude sind bereits im tieferen Gebiet.

In den letzten Jahren konnten die Archäologen wichtige Funde machen

Nur rund 300 bis 500 Meter breit ist der Streifen, in dem immer wieder Reste von Siedlungen und Grabanlagen aus der Bronzezeit gefunden werden. In den letzten Jahren konnten die Archäologen bei Bauprojekten hier wichtige Funde machen, die das Verständnis der frühen Besiedlung erheblich verbesserten, so Gairhos. So stießen sie zuletzt im Innovationspark beim Technologiezentrum auf insgesamt 18 Grabhügel und 24 Gräber, die wohl zwischen 1600 und 1500 vor Christus angelegt wurden.

Wenn große Flächen untersucht werden sollen, kommen nicht nur Schaufel und feine Werkzeuge zum Einsatz sondern Bagger. „Die durch die jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung völlig durchpflügte Humusschicht wird großflächig bis zum Kies weggeschoben“, sagt der Chefarchäologe. Wenn man dann aus einer gewissen Höhe auf das Gelände schaut, kann man dunkle Flecken erkennen, die sich deutlich vom übrigen Boden abheben und die gewisse Muster ergeben. „Alles Holz ist natürlich längst verrottet, aber die Löcher, in denen beispielsweise Pfähle für Gebäude steckten, sind mit dunklem Humus gefüllt und heben sich deshalb vom Kiesboden deutlich ab, sodass man ganze Gebäudegrundrisse erkennen kann“, erklärt Gairhos.

Gräben von Grabhügeln zeichnen sich als große Ringe ab

Auch die Gräben, die zum Ausheben von Grabhügeln angelegt wurden, zeichnen sich als große Ringe ab. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Die Funde werden erfasst und vermessen und dann vorsichtig von Hand freigelegt. Transportable Gegenstände wie Grabbeigaben kommen zur weiteren Behandlung ins Depot. Erst wenn alles dokumentiert und geborgen ist, dürfen die Baumaschinen anrücken. Für die Wissenschaftler ist diese Art der Ausgrabung erheblich ergiebiger als die Arbeit an einzelnen Grundstücken, wie sie in der Stadt erfolgen muss. Denn wenn mehrere Hektar auf einmal bearbeitet werden, gibt dies ganz andere Rückschlüsse auf die Größe und Anordnung beispielsweise von Siedlungen.

Wesentlich kleinteiliger geht die Arbeit in der Innenstadt vonstatten. Wenn hier ein Bauprojekt ansteht, können die Archäologen immer nur einen kleinen Ausschnitt eines Gebietes bearbeiten – schließlich stehen rundum Gebäude auf etwaigen weiteren Objekten.

In der Innenstadt wurden die Spuren der Vorgänger in aller Regel nicht weggeräumt, wenn neue Häuser entstanden, sondern immer wieder überbaut, sodass sich die Wissenschaftler durch unzählige Schichten durch die Jahrhunderte graben müssen. Hier findet man vor allem Zeugnisse aus der 2000-jährigen Geschichte der Stadt: vom frührömischen Kastell des 1. Jahrhunderts nach Christus, vom Munizipium Aelia Augusta, der Hauptstadt der Provinz Rätien, von der mittelalterlichen Stadt, die Bischof Ulrich gegen die Ungarn verteidigte, in der die Fugger und Welser ihren Geschäften nachgingen und die Kaiser und Päpste zu Gast hatte.

 In Oberhausen sind besondere Funde zu erwarten

Ganz besondere Funde sind zu erwarten, wenn in Oberhausen gegraben wird. Hier hat die Wertach mehrfach ihren Lauf geändert und ganze römische Grabanlagen mit Kiesbänken überdeckt.

Dort haben auch größere Stücke wie ganze Grabdenkmäler die Jahrhunderte überdauert und warten metertief verschüttet auf Entdeckung. Einer der spektakulärsten Funde, ein Teil eines römischen Grabmals, ziert sogar das Wappen des Stadtteils.

Auch im Lechviertel und in der Jakobervorstadt gibt es im Lechgeschiebe solch spektakuläre Fundstücke. So entdeckten die Archäologen beim Bau des Ärztehauses am Vincentinum nicht nur einen Grabstein für zwei Kinder, sondern große Mengen Münzen, Waffen und Schmuckstücke aus römischer Zeit. „Die Flussfunde aus Augsburg sind deutschlandweit etwas ganz Besonderes“, sagt Chefarchäologe Gairhos.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren