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Augsburger Geschichte 

29.06.2017

Wo Kanonen und Kunstwerke gegossen wurden

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3 Bilder
Unter den mächtigen Gewölben, unter denen in den 1930er-Jahren Hasenbräu-Fahrzeuge abgestellt sind, stehen jetzt Regale der Stetten-Schulbibliothek.
Bild: Sammlung Häußler

 Heute beherbergt die Holl-Halle 27000 Bücher der Stetten-Schulbibliothek. Stadtbaumeister Elias Holl errichtete das Gebäude am Katzenstadel vor 415 Jahren.

Im Jahr 1372 erwähnt der Stadtchronist Burkard Zink erstmals einen Katzenstadel zwischen Klinkertor und Wertachbrucker Tor. Hier lagerten Augsburgs „Katzen“. So hießen um diese Zeit Wurfmaschinen, mit denen große Steine geschleudert werden konnten. Anno 1370 kaufte die Reichsstadt Augsburg die ersten beiden Pulvergeschütze, 1373 begann sie selbst mit der Fertigung von Feuerbüchsen.

Nach Brand wiederaufgebaut

Verwahrt wurden die schweren Schusswaffen im „Katzenstadel“ beim Wertachbrucker Tor. 1501 ließ die Stadt in der Nachbarschaft ein Zeughaus und eine „Werckstatt, die grosse Geschütz darinnen zu giessen“ erbauen. Ab 1502 wurden darin Kanonen gegossen, die größte zum Verschießen von 65-Pfund-Kugeln. Diese erste „Gießhütte“ beim Katzenstadel brannte am 14. Oktober 1546 teilweise ab und wurde umgehend wiederaufgebaut.

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In dieser Metallschmelze goss 1590 Stadtgießer Peter Wagner den bronzenen Kaiser Augustus für den Brunnen vor dem Rathaus. Der gewaltige Herkules entstand darin 1597, im Jahr darauf Merkur. Die drei Kunstbronzen stehen jetzt unter dem schützenden Glasdach des Viermetzhofs im Maximilianmuseum. Die großteils hölzerne Gießhalle, in der sie entstanden, brannte am 27. Juli 1601 ab.

Ein Göppel sorgte für die Drehung

Der 28-jährige Elias Holl erhielt daraufhin 1602 seinen ersten städtischen Auftrag: den Neubau einer Gießerei. Auf dem Platz der niedergebrannten „Gießhütte“ errichtete er eine sehr massive dreischiffige Gewölbehalle mit einem Satteldach und einem Turm. Die Halle bot Platz für zwei Schmelzöfen und Gussgruben. Der angebaute Turm diente zum Ausbohren der hohl gegossenen Geschützrohre. Sie hingen im Turm, und die an einer Bohrstange befestigten Meiselstähle fraßen sich von unten durch das Rohr. Ein von Pferden bewegter Göppel sorgte für die Drehung.

Auch die neue Stadtgießerei war nicht nur ein Rüstungsbetrieb zum Guss von Geschützrohren und Feldschlangen – darin wurden weiterhin kunstvolle Metallplastiken, Bildwerke für den Kreuzaltar in St. Ulrich und Afra (1605) und Glocken gegossen. In den Holl’schen Bauplänen ist eine sieben Meter tiefe Gussgrube eingezeichnet. Sie war für Großbronzen wie den 21 Zentner schweren Adler für das Siegelhaus (1606) und St. Michael am Zeughaus bei St. Moritz (1607) ausgelegt.

Nach 1620 endete der Geschützguss im großen Stil. Es gab zwar noch städtische Geschützgießer, doch sie fungierten hauptsächlich als Glockengießer. Wann letztmals in der Holl’schen Gießhalle zu Reichsstadtzeiten Bronze geschmolzen wurde, ist bislang unbekannt. Sie war lange ungenutzt, ehe sie 1722 zum Verkauf stand. Paul von Stetten erwarb das Gebäude samt drei Nachbargrundstücken. Er besaß nun einen stattlichen Grundbesitz mit mehreren Gebäuden und Gärten. Am 2. Mai 1810 ging das große Areal in königlich-bayerischen Besitz über. Das bayerische Kriegsministerium reaktivierte das Holl’sche Gießhaus und verlegte die staatliche Stückgießerei von München nach Augsburg.

Neue Schmelzöfen mit bis zu 220 Zentnern Kapazität zum Guss schwerer Kanonen wurden eingebaut. In einem Tiegelofen schmolzen Metalle für Massenware vom Säbelgriff bis zur Radbuchse. Der Bohrturm hatte ausgedient, Kanonenrohre bohrte man nun horizontal in dem etwa 60 Meter entfernten ehemaligen reichsstädtischen Getreidemagazin (Am Katzenstadel 6/8). Die Produktion war gewaltig: Zwischen 1830 und 1850 verließen rund 1500 Geschützrohre den Rüstungsbetrieb. Im Jahr 1885 konzentrierte das Militär die bayerische Waffenproduktion in Ingolstadt. Der Standort Augsburg wurde zum 1. April 1885 aufgegeben, Areal und Gebäude standen zum Verkauf.

Bau bekam einen Bombentreffer ab

Kronenbräu an der Wertachbrucker-Tor-Straße erwarb 1886 die stillgelegte Geschützgießerei und nutzte sie zum Einstellen ihres Fuhrparks. 1921 ging Kronenbräu in Hasenbräu auf. Nun standen darin deren Kraftfahrzeuge. 1944 bekam der Holl-Bau einen Bombentreffer ab. Zwei Gewölbebögen wurden aufgerissen und das Dach abgehoben, doch der Großteil des massiven Bauwerks blieb erhalten.

Die äußerlich verwahrloste Brauerei-Großgarage war bis dahin nicht im Blickfeld gestanden. Nun wurden Denkmalschützer auf den frühen Holl-Bau aufmerksam. Sie sorgten dafür, dass die Gewölbe 1948 in alter handwerklicher Technik ergänzt wurden. Eine angemessene Verwendung gab es jedoch lange nicht. Das änderte sich erst 1969, als das Stetten-Institut vom Martin-Luther-Platz in ihre neuen Schulgebäude Am Katzenstadel übersiedelte. Das historische Bauwerk auf dem Schulgelände wurde restauriert und in den Schulbetrieb integriert. Unter den Gewölben fanden Veranstaltungen und wichtige schriftliche Prüfungen statt.

Perfekte Konversion

Eine Fotoserie von 1982 zeigt die eindrucksvolle Halle lediglich mit weißen „Prüfungstischen“ bestückt, in ihrer ganzen Größe. Seit 1988 ist sie eine stilvolle Schulbibliothek mit Lese- und Arbeitsplätzen, umgeben von derzeit rund 27000 Büchern in den Regalen. Eine perfekte „Konversion“ ist vollzogen: die Umwandlung einer Kanonengießerei in eine Bücherei!

Bei uns im Internet Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie unter www.augsburger- allgemeine.de/augsburg-album

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