Uraufführung

10.02.2014

Wo bleibt die Moral?

Mit Worten und Handgreiflichkeiten tragen Karl (Ralph Jung) und Franz (Florian Fisch) ihre Konflikte aus.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Sebastian Seidels „Böser Bruder“ im Sensemble-Theater

Sie sind Brüder, der eine als politischer Aktivist in der Welt unterwegs, der andere zu Hause bei Vater und Geschäft. Sie heißen Karl und Franz, und in ihrer Jugend haben beide für ein Mädchen namens Amalia geschwärmt. Natürlich denkt man an Schillers „Räuber“ bei der Inhaltsangabe zu Sebastian Seidels Stück „Böser Bruder“, das am Freitag im Sensemble-Theater uraufgeführt wurde. Der Autor, der das Auftragsstück für das Brechtfestival selbst inszenierte, verwendet den klassischen Bruderkonflikt als Vorlage und verknüpft ihn mit Bert Brechts epischem Theater und seiner grundsätzlichen Frage, ob es möglich ist, ein moralisch gutes Leben zu führen.

Seidel erzählt nicht linear, sondern verschränkt den Dialog der beiden Brüder mit zusätzlichen Elementen: mit Protest-Songs der DDR-Jugendbewegung, die vom Allgäuer Sänger Rainer von Vielen interpretiert werden, mit einer Videoprojektion, in der der Vater (Heinz Schulan) das kaschubische Märchen vom „Bösen Bruder“ erzählt, und mit einem Vortrag, in dem Karl sich ans Publikum wendet und Fakten über die Welternährungsproblematik vorträgt. Eine kluge und in ihrer szenischen Ausführung äußerst gelungene Montage, die das Thema auf mehreren Ebenen durchdringt.

„Ich kümmere mich nicht um die einzelnen Menschen, sondern um die Versorgung ganzer Völker.“ Mit diesem Satz meint Karl, auf der richtigen Seite zu stehen. Jahrelang hat er im Auftrag der Uno Programme für die Ernährung hungernder Menschen erarbeitet. Sein Bruder Franz ist derweil zu Hause geblieben, hat Amalia geheiratet, einen Sohn großgezogen und den elterlichen Lebensmittelladen, der jetzt pleite ist, übernommen. Der Vater wird nur noch durch eine Magensonde am Leben gehalten, die beiden Söhne sollen entscheiden, ob er so weiterlebt. Hier geht es nicht um Prinzipien, sondern um den konkreten Fall – und damit prallen die unterschiedlichen Denk- und Lebensweisen der beiden Brüder aufeinander.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Nach den üblichen Floskeln wie „Gut siehst du aus“ und „Du bist ganz der Alte“ kommen sie schnell zur Sache. Franz ist angewidert von der Selbstgerechtigkeit Karls. Der wiederum fühlt sich unverstanden in seinem Engagement. Die Konflikte reichen bis in die Kindheit und Jugend zurück, in die Zeit, als sie mit den Kameraden am Lagerfeuer saßen, als sie beide in Amalia verliebt waren und Franz sie seinem Bruder ausgespannt hat. Mit diesem Schwenk ins Individuelle und Private gewinnt das Stück an Intensität und Berührungskraft, weil Thesen und Argumente zu Emotionen werden. Das gibt auch den beiden sehr überzeugend agierenden Darstellern Florian Fisch als Franz und Ralph Jung als Karl die Möglichkeit, in ihrem Spiel nicht nur als Vertreter gegensätzlicher Positionen auf der Bühne zu stehen, sondern als glaubhafte Menschen.

Das Stück spielt mit den als selbstverständlich geltenden Wertvorstellungen und ihrer individuellen Umsetzung, und es lohnt sich, genau hinzuhören, denn viele Sätze bekommen eine absurde Doppelbedeutung. „Werde doch nicht moralisch“, wirft da Karl, der die Moral für sich gepachtet haben will, seinem Bruder vor. Der Zuschauer gerät in einen Zwiespalt, denn Verständnis bringt man natürlich für den im Stich gelassenen und böse betrogenen Franz auf, aber wer möchte Karls Einsatz für die Weltbevölkerung verurteilen, und wer versteht nicht seine Sehnsucht nach dem Vater, die er all die Jahre doch hatte? Es bleiben also – nach guter Brecht’scher Tradition – Betroffenheit und viele offene Fragen.

Aufführungen am 14., 15. 21. und 22. Februar und im März

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an digital@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WYS9095.tif
Augsburg

Fugger-Parkhaus: CSU geht auf Ignaz Walter zu

ad__web+mobil@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Zugang zu allen Inhalten, mtl. kündbar, 4 Jahre Abopreis-Garantie.
So attraktiv waren Heimatnachrichten noch nie!

Zum Web & Mobil Starterpaket