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Gedenkfeier

09.11.2020

Woher kam diese Unmenschlichkeit? Augsburger gedenken der Pogromnacht digital

In der großen Synagoge findet üblicherweise die Gedenkstunde zur Pogromnacht vom 9. November 1938 statt. Dieses Jahr musste sie in ein digitales Form ausweichen.
Bild: Annette Zoepf (Archiv)

Plus In der Nacht des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, Menschen wurden gequält und getötet. Wie Augsburg erstmals im digitalen Format des Pogroms gedachte.

"Woher kam dieser Hass, diese Verbohrtheit, diese Unmenschlichkeit?" Regionalbischof Axel Piper ließ die Frage offen. Sein Beitrag schloss die Augsburger Gedenkfeier an die Pogromnacht vom 9./10. November 1938, die am Montagabend erstmals im digitalen Format ausgestrahlt wurde. Aus Videoaufnahmen an vier verschiedenen Orten wurde sie zusammen geschnitten, sodass sich kein einheitliches Erscheinungsbild einstellte. Und schon gar nicht jene berührende Eindringlichkeit, die solche Gedenkfeiern in der Augsburger Jugendstilsynagoge sonst hervorrufen.

Grausame Ereignisse ruft diese Nacht vor 82 Jahren in Erinnerung: Rund 400 Synagogen und jüdische Gebetsäle wurden geschändet, zerstört und in Brand gesetzt. An tausenden jüdischen Geschäften gingen die Schaufenster zu Bruch, sie wurden verwüstet und geplündert. Rund 800 Juden wurden in der Nacht ermordet, hunderte begingen in den folgenden Tagen Suizid, rund 30.000 jüdische Männer wurden in die Konzentrationslager verschleppt und dort übel misshandelt. Die Fakten nannte Barbara Staudinger, die Leiterin des Jüdischen Museums Augsburg. "Und was in ganz Deutschland geschah, passierte auch in Augsburg", fuhr sie fort. Gegen ein Uhr nachts drangen 30 Männer in die Synagoge an der Halderstraße ein, raubten die silbernen Geräte, plünderten die Thorarollen und legten Feuer, das nur wegen einer gegenüber liegenden Tankstelle bald wieder gelöscht wurde.

Antisemitismus macht die Oberbürgermeisterin fassungslos

"Wir verneigen uns vor den Gefallenen. Wir trauern und werden nie vergessen, was geschah", betonte Alexander Mazo, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben. Damals habe das Stillschweigen vieler Menschen zu einer Tragödie von beispiellosem Ausmaß geführt, nämlich der systematischen Auslöschung der europäischen Juden. Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber will genau dieses Schweigen durchbrechen. Leidenschaftlich rief sie auf dem Hintergrund der Gedenkstätte im Rathaus zum entschiedenen Kampf gegen den Antisemitismus auf. Mit Worten und immer öfter auch körperlicher Gewalt würden jüdische Menschen in Deutschland angegriffen. "Oft bin ich fassungslos", gestand Weber.

Es gelte, eine stabile Grundhaltung der Wertschätzung in der Gesellschaft zu verankern und das Miteinander als Schlüssel dazu zu begreifen. "Wir brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung über den Antisemitismus heute - in direktem Austausch mit den Betroffenen, was oft noch zu selten vorkommt", sagte die Oberbürgermeisterin. In Augsburg sei dafür der Runde Tische der Religionen der geeignete Ort. Jeder Deutsche solle sich mit der jüdischen Gegenwart befassen, Literatur von Juden lesen und jüdische Plattformen in den sozialen Medien nützen. Jeder möge sich fragen: Was kann ich in meinem Alltag tun, um dem Antisemitismus entgegenzutreten.

"Sie waren hier ein Jahrhundert lang aktive, angesehene Bürger"

Regionalbischof Axel Piper nannte die Pogromnacht ein "Symbol der Trauer und Scham, der Gewalt, der Diskriminierung, der Vertreibung und der Shoah". Es habe damals keinen Grund gegeben, Juden als Fremde zu betrachten. "Sie waren hier ein Jahrhundert lang aktive, angesehene Bürger, sie halfen, spendeten, gestalteten die Stadt mit, sie stifteten, waren fleißig, oft erfolgreich, einige vermögend. Und plötzlich wurden aus Mitbürgern Feinde." Der Judenhass sei schleichend, erst leise, dann laut mit Worten und bestialischen Taten in die Stadt eingedrungen. Die Nationalsozialisten erklärten sich zu Herrenmenschen, die Juden machten sie zu Untermenschen.

Wie jüdische Menschen diese Schreckensnacht erlebten, machten Barbara Staudinger und Evgenia Shulmann, die Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins, mit vier Zeitzeugen-Berichten deutlich. Ein Streichquartett der Augsburger Philharmoniker steuerte getragene Klänge bei.

Lesen Sie dazu auch: Als Kind allein in Auschwitz: Wie haben Sie das durchgestanden, Frau Melcer?

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