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Pflege

17.04.2019

Wolf A. musste mit 49 Jahren ins Altenheim - weil ihn niemand mehr pflegen konnte

Wolf A. ist Mitte 50, dennoch lebt er seit fünf Jahren in einem Seniorenheim. Ein anderer Platz fand sich nicht für den Mann, der an Multipler Sklerose erkrankt ist.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Wolf A.'s Zustand verschlechtert sich rapide. Die Eltern sind bald mit den Kräften am Ende. Es ist ein Fall, der Lücken in der Betreuung Kranker offenbart.

Wolf A. war erst 49 Jahre alt, als er ins Altenheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) nach Königsbrunn zog. Für den Augsburger war das keine einfache Entscheidung. Für seine Eltern auch nicht. Sie wurden mit Vorwürfen konfrontiert, sie würden ihren Sohn abschieben. Doch für die Familie gab es ab einem gewissen Punkt keine Alternative. Auch, weil es für Fälle wie den von Wolf A., nicht genügend Einrichtungsangebote gibt. Das Leben von Wolf A. nahm die tragische Wendung, als er 37 Jahre alt war.

Es begann mit einem Druck auf den Waden, dann spürte er dieses Kribbeln in den Beinen. Die Diagnose war schnell gestellt: Wolf A. war an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Damals arbeitete er als Fernmeldetechniker und engagierte sich ehrenamtlich als Sanitäter bei den Johannitern. Wolf. A. half gerne anderen Menschen. Doch nach der Diagnose konnte er binnen weniger Jahre selbst nicht mehr ohne fremde Hilfe den Alltag bewältigen.

Eine besonders schwere Form von Multipler Sklerose

Der Augsburger leidet unter einer besonders schweren Form der neurologischen Erkrankung. Seine Mutter, Renate A., erzählt, wie sie zunächst eine behindertengerechte Wohnung für ihren Sohn besorgten. Ein ambulanter Pflegedienst kam, die Familie kümmert sich täglich bis zu zehn Stunden um den Erkrankten. Dessen Gesundheitszustand verschlechterte sich weiterhin. Irgendwann mussten sich die Eltern eingestehen, dass sie mit ihren Kräften am Ende waren.

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„Wir mussten unserem Sohn vermitteln, dass es für ihn und auch für uns Eltern das Notwendige und das Beste ist, dass er in ein Heim umzieht.“ Schweren Herzens habe Wolf A. dem zugestimmt. Doch nun tat sich ein neues Problem auf, wie Renate A. berichtet. „Wir stellten fest, dass es kaum Heim-Angebote für junge erkrankte Menschen gibt, die gepflegt werden müssen.“ Und schon gar nicht in näherer Umgebung. Die 76-jährige Frau sagt von sich, sie sei kein Mensch, der lange lamentiert und mit seinem Schicksal hadert. „Ich schaue, was ich machen kann. Und so ist unser Sohn auch.“

"Es hat uns allen viele Tränen gekostet"

Trotz dieses Pragmatismus war der weitere Schritt für alle bitter: „Wir mussten Wolf ein Altersheim vorschlagen.“ Furchtbar sei es gewesen, ihren gerade mal 49 Jahre alten Sohn in diese Überlegungen einzubinden. „Es hat uns alle viele Tränen gekostet.“ Gemeinsam schaute sich die Familie Seniorenheime an. „Es war grausam.“ Vorwürfe von empörten Freunden, die sagten, sie würden ihr Kind nie in ein Heim geben, hätten ihnen zusätzlich zu schaffen gemacht. Renate A. betont: „Es war kein Abschieben. Es war der Not gehorchen.“ Ihr Sohn habe das ebenfalls so gesehen. Moralische Unterstützung erhielten sie von einem Sozialarbeiter einer Klinik, in der Wolf A. auf Reha war. Allerdings war es schwer, für den damals 49-Jährigen einen Platz in einem Altenheim zu finden.

„Die meisten Heime sind voll. Auch wurde er abgelehnt, weil er noch zu jung war“, schildert die Mutter. Bei einer anderen Einrichtung hätte er unter Demenzkranken gelebt. „Das kam für uns nicht in Frage.“ Doch dann hatte die Familie Glück. „Im AWO-Seniorenheim in Königsbrunn wurde ein Platz frei und Wolf bekam ihn“, erzählt seine Mutter Renate A.

Seit knapp fünf Jahren nun lebt ihr Sohn in der Einrichtung. Langsam habe er sein neues Leben annehmen können. Die Pfleger hätten ihm dabei sehr geholfen. Wolf A. sagt selbst, dass es hier deutlich angenehmer sei, als in anderen Heimen, die er sich zuvor angeschaut hatte. „Hier passt einfach das Zwischenmenschliche.“ Dass Verhältnis mit Pflegern ist freundschaftlich. Auch mit einigen Bewohnern verstehe er sich gut. Dass Wolf A. ein für das Seniorenheim ungewöhnlicher Bewohner ist, sagt Leiter Holger Repenning.

„So junge Menschen wie er sind bei uns eine Ausnahme. Eigentlich dürfen wir Personen ab 60 Jahre aufwärts betreuen, aber mit Zustimmung der Aufsichtsbehörde ging das in diesem Fall.“ Eva Striegel arbeitet bei der Augsburger Beratungsstelle der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Sie bestätigt, dass für solche Härtefälle zu wenige Pflegeplätze angeboten werden. „Vor allem für jüngere Patienten gibt es nicht genug. Zum Glück aber treten so massive Formen der MS-Erkrankung nicht allzu häufig auf.“

Und dennoch hat die Familie das Lachen nicht verlernt

Beim Bezirk Schwaben, der als übergeordnetes Organ der örtlichen Sozialhilfeträger den Bedarf auslotet und entsprechende Verträge abschließt, räumt man ein, dass es für vergleichbare Sonderfälle wenige spezialisierte Einrichtungen gibt. „In Mauerstetten im Allgäu gibt es ein Pflegeheim, die Plätze für MS-Kranke haben“, sagt Birgit Böllinger, Sprecherin des Bezirks. „Ansonsten ist es so, dass wir selten Interesse signalisiert bekommen.“ Einzelfälle seien rar. Eva Striegel von der DMSG sieht hier die Politik gefordert, solche Schicksale in der Versorgung nicht durchrutschen zu lassen.

Wolf A.’s Gesundheitszustand hat sich im vergangenen halben Jahr weiter verschlechtert. Inzwischen kann er seine Gliedmaßen kaum noch bewegen. Essen, trinken, sich waschen oder das Telefon bedienen – für alles braucht er Unterstützung. Auch wenn es seiner Mutter angesichts der Hilflosigkeit manchmal den Magen umdreht, wie sie sagt, hat die Familie das Lachen nicht verlernt. Nach wie vor scherzen sie miteinander. „Ein herzhaftes Lachen gibt es bei mir öfter“, sagt auch Wolf A., der sich sein Zimmer im Altenheim mit vielen persönlichen Sachen gemütlich eingerichtet hat. Hier fühlt er sich inzwischen daheim. Er selbst bezeichnet sich als das „Küken“ im Seniorenheim. Seine große Leidenschaft ist die Rockmusik. Die hört er gerne etwas lauter. Er lacht: „Die meisten hier sind sowieso schwerhörig. Da macht das nichts.“

Wer von ähnlichen Schicksalsschlägen betroffen ist, kann sich an die Beratungsstelle des Bezirks Schwaben unter 0821/31010 wenden.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Es braucht mehr Angebote in der Betreuung

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