Domsingknaben

19.12.2017

Wunderbarer Bach

Das „Weihnachtsoratorium“ ist hinreißend

Wie kein Zweiter interpretiert Domkapellmeister Reinhard Kammler über Jahre hinweg Bachwerke und lässt den Komponisten musikalisch ambitioniert für sich sprechen. Das Weihnachtsoratorium en bloc in der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche aufzuführen, schmiedet die sechs Kantaten zu den weihnachtlichen Festtagen eng zusammen, als erklinge das imposante Opus aus einem Guss. Prägnant zeigte sich in diesem dichten Konnex Bachs markantes Profil: Vielseitig, kunstvoll kontrastreich zieht der Thomaskantor alle Register.

Kammler, immer vom Cembalo aus leitend, wird ein hoher Qualitätsstandard zum Maß aller Dinge: von den Domsingknaben voller Hingabe erreicht, von den ausgezeichneten Solisten profiliert und vom vortrefflichen Residenz-Kammerorchester München voller Elan auf den Punkt gebracht. Die prächtigen Portalchöre der Kantaten stiegen in seltener Jubelstimmung auf. Im Brustton der Überzeugung stellte der Knabenchor die sakrale Herzensfreude ebenso intonationssicher wie homogen in den Raum: Federnd dieser Enthusiasmus, wie er sich zuerst im Trompetenglanz widerspiegelt, wie er im Hörnerklang zu inniger Emphase changiert und voller Impetus in „Ehre sei Dir Gott gesungen“ mitreißt.

Bach als „5. Evangelist“ kreierte aus tiefem Glauben eine Tonsprache, die den Text in feinsten Nuancen abtönt. Empfindsam leuchtete der Chor das aus. Das berührte tief. Der Choral „Herzliebes Jesulein“ zeigte die Duplizität im Bethlehemstall: im schlichten Chorsatz das Jesukind, dort mit Pauken und Trompeten den Weltenkönig.

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Bachs überlieferter Grundsatz, alles sei möglich, forderte die Solisten heraus: Mit Tenor Matthew Swensen und Johannes Kammler als Bariton traten jugendfrische, schon international reüssierende Sänger auf. Dennoch hielten alle Knabensolisten Schritt: Es verblüffte, wie souverän Sopran Julian Romanowski und Altist Valentin Wohlfahrt die Balance wahrten, sei es im Terzett oder im Rezitativ-Quartett. Tief beeindruckten die Sopran-Bass Duette: Da passte sich Kammler feinfühlig an, hier ging Romanowski klangvoll wie beherzt aus sich heraus, dort entfaltete engagiert Vinzenz Löffel Präsenz.

Krönend die Solo-Arien: Hell, klar wie obertonreich profilierte Matthew Swensen in „Frohe Hirten“ im Duett mit Petra Schiessels Flöte, in „Ich will nur dir zu Ehren“ bestachen seine geschmeidigen Koloraturen in trefflicher Übereinstimmung mit Peter Riehms und Alexander Möcks virtuosen Soloviolinen. Raumfüllende Ausstrahlung gewann Johannes Kammler, kraftvoll rhythmisiert huldigte er dem „großen König“, seine Koloraturen in „Erleucht auch meine finstre Sinnen“ entfalteten sich in nobler Korrespondenz mit der Oboe.

Als verginge Bach wie im Fluge – so konsequent blieb in dem Weihnachtsoratorium der kühne Spannungsbogen gewahrt: Großer Jubel.

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