Theater I

29.09.2015

Zeitloser Klassiker

Ron Williams in der Stadthalle Gersthofen.
Bild: Siegfried Kerpf

„Onkel Toms Hütte“ in ansprechend aktualisierter Form

„Willkommen im Gefängnis! Erwarten Sie keine teuren Kostüme! Das hier ist sicher nicht ,Vom Winde verweht‘.“ Gut so, denkt man sich bei den einführenden Worten von Ron Williams in der Stadthalle Gersthofen, denn der Erfolg einer Inszenierung des 1852 veröffentlichten Romanklassikers von Harriet Beecher Stowe hängt nicht von einer opulenten Ausstattung ab. Dass „Onkel Toms Hütte“, am Samstag in Gersthofen (nur einen Tag nach der Premiere) durch die Kempf-Theatergastspiele zur Aufführung gebracht, verdientermaßen mit Stehapplaus bedacht wurde, hatte andere Gründe.

Die Kernbotschaft des Romans, dass die Versklavung der Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts ein himmelschreiendes Unrecht ist, wurde in dem Schauspiel mit (viel) Musik (Regie: Frank Lenart) wirkungsvoll vermittelt. Dazu trug eine in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung bei. In dieser lässt Tom Rutherford (Ron Williams), ein Sozialarbeiter mit Gangstervergangenheit, in einem US-Knast vier junge Inhaftierte das Stück „Onkel Toms Hütte“ aufführen.

Theater im Theater wurde also gespielt, wobei die Essenz des Romans in auf das Wesentliche reduzierter Form herausgearbeitet wurde. In rascher Abfolge schlüpften der Schwarze Billy (Simon Berhe), die Asiatin Hitomi (Anna Takenaka) und die beiden Weißen Sugar (Stephanie Marin) und Dave (Karsten Kenzel) in die Rollen diverser Figuren. Für die Häftlinge wie fürs Publikum taten sich ungewohnte Perspektiven auf, wenn etwa Billy (als weißer Sklavenhändler!) Veränderungen an sich wahrzunehmen begann: „Ich spürte, dass es mir allmählich Spaß machte, diesen Schinder Haley zu spielen.“

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Das kleine, sehr feine Ensemble um Ron Williams, der in der Titelrolle glänzte, agierte homogen. Da alle fünf Akteure auch famos sangen, entfalteten Spirituals („Go Down, Moses“, „Old Man River“), Evergreens („Over the Rainbow“), Rap-Nummern („Born in the Streets“) und neue Songs (von Ron Williams) große Kraft. Haindling-Tastenmann Michael Mufty Ruff war als „lebenslänglich verurteilter Barney“ für die (souveräne) musikalische Leitung zuständig.

Dass in dieser Inszenierung über das tragische Schicksal des selbstlosen Christen Onkel Tom und der rechtlosen Sklaven des 19. Jahrhunderts auch polizeiliche Gewalt- und Willküraktionen gegenüber Afroamerikanern in den heutigen USA zur Sprache kamen, trug zum Gelingen des herzhaft-kraftvoll gespielten Stückes zusätzlich bei.

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