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Augsburg

07.10.2015

Zockt die Polizei beim Blitzen ab?

Polizist bei einer Verkehrskontrolle: Während die Zahl der Alkoholsünder zurückgeht, nehmen Fahrten unter Drogeneinfluss zu. Und Raserei bleibe ein Problem, sagt Polizeipräsident Michael Schwald.
Bild: A. Kaya

In der Stadt die Radfahrer, auf dem Land die Raser – das sind die Sorgenkinder des Polizeipräsidenten. Michael Schwald erklärt, warum Aufklärung allein nicht reicht.

Herr Schwald, tragen Sie eigentlich einen Helm, wenn Sie mit dem Rad zum Polizeipräsidium fahren?

Michael Schwald: Ja, ich fahre seit einigen Monaten mit Helm – und mit einer gelben Warnweste.

Die Polizei wirbt offensiv dafür, sich beim Radfahren entsprechend zu schützen. Sollte man diese Entscheidung nicht jedem selbst überlassen?

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Schwald: Die Erfahrung zeigt, wie wichtig es ist, sich zu schützen. Als Radfahrer habe ich keine Knautschzone. Der Helm macht oft den kleinen Unterschied zwischen Überleben und Tod aus. Über 50 Prozent der Radfahrer, die im Straßenverkehr tödlich verunglücken, haben ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Es geht darum, nicht alles über Vorschriften zu regeln, sondern mit Überzeugung zu arbeiten. Wenn mehr Menschen einen Helm tragen, ziehen sie auch andere mit.

Wo liegen derzeit die größten Probleme bei der Verkehrssicherheit?

Schwald: Man muss zwischen Stadt und Land unterschieden. Innerstädtisch sind Fußgänger und Radfahrer stark gefährdet. Bei den Radfahrern hatten wir zuletzt eine Steigerung der Unfallzahlen um sieben Prozent. Außerorts machen uns nach wie vor die Landstraßen Sorgen. Hier ereignen sich viele schwere Unfälle. Die Unfallursache ist oft zu hohe Geschwindigkeit.

Autofahrer schimpfen ja oft über die „Abzocke“ durch Radarkontrollen. Was sagen Sie dazu?

Schwald: Allein im vergangenen Jahr haben 15 Menschen in Bereich unseres Präsidiums durch Geschwindigkeitsunfälle ihr Leben verloren. Wenn man diese Unfallursache bekämpft, ist das keine Abzocke. Es muss klar sein, dass Raserei kein Kavaliersdelikt ist. Man schämt sich heute dafür, wenn man betrunken am Steuer erwischt wird. Wenn man mit zu hohem Tempo erwischt wird, wird das eher noch belächelt.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Disziplin beim Thema Alkohol und Drogen entwickelt?

Schwald: Beim Alkohol hat der Wandel im Bewusstsein schon stattgefunden, den wir uns beim Thema Geschwindigkeit noch wünschen. Vor allem bei jungen Leuten hat sich etwas verändert. Wenn sie abends weggehen, bleibt der Fahrer nüchtern. Bei den Drogen haben wir leider einen gegenläufigen Trend. Da steigt die Zahl der Fälle.

Ist es ein Problem, dass viele Drogen durch Schnelltests nicht erkannt werden?

Schwald: Ja. Drogenfahrten sind leider nicht so leicht zu erkennen. Beim Alkohol bemerkt man es ja oft schon am Geruch. Wir haben aber inzwischen Geräte, die eine ganze Reihe von Drogen erkennen. Und wird schulen die Beamten. Im Zweifel muss ein Autofahrer dann mit zur Dienststelle und dort wird eine Blutprobe genommen.

Wie erklären Sie sich die steigende Zahl von Unfällen mit Radfahrern?

Schwald: Radfahren liegt im Trend. Viele Menschen nutzen das Rad, um zur Arbeit zu fahren. Wenn mehr Radler unterwegs sind, steigen auch die Unfallzahlen. Dazu kommt, dass Radfahrer durch E-Bikes heute oft schneller unterwegs sind als früher. Zudem ist bei Radfahrern die Disziplin, sich an die Verkehrsregeln zu halten, nicht ganz so ausgeprägt.

Polizeipräsident Michael Schwald.
Bild: Annette Zoepf

Was ist zu tun?

Schwald: Wir betreiben klassische Polizeiarbeit, die auf zwei Säulen fußt: Aufklärung und Kontrolle. Wir machen immer wieder Schwerpunktkontrollen, etwa gegen das Geisterradeln. Wir belassen es zunächst oft bei Ermahnungen, es geht uns ja nicht um Abzocke. Aber es sind Kontrollen nötig, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Alleine mit Aufklärung funktioniert das leider nicht.

Wie gefährdet sind Kinder und Jugendliche im Straßenverkehr?

Schwald: Sie gehören im Straßenverkehr zu den am stärksten gefährdeten Gruppen, weil sie die Schwächsten sind. Vor allem kleinere Kinder können außerdem Geschwindigkeiten nur schlecht einschätzen. Dazu kommt noch ein weiteres Problem, das leider stark wächst: Viele schauen mehr auf ihr Handy als auf den Verkehr. Die Zahl der Unfälle, die deshalb passieren, steigt.

Wie viel nutzt Verkehrserziehung?

Schwald: Ich meine, dass es sehr wichtig ist, mit den Kindern das richtige Verhalten zu üben. Ich kann mich selbst noch gut an den Fahrradführerschein erinnern, den ich als Kind auf dem Übungsplatz am Senkelbach gemacht habe.

Wird im Bereich Verkehrserziehung genug getan?

Schwald: Grundsätzlich ja. Wir haben im Präsidium 23 Verkehrserzieher, die jährlich tausende Kinder schulen. Was ich mir in Augsburg wünsche, ist eine dritte Jugendverkehrsschule. Die beiden vorhandenen Plätze reichen nicht aus. Wir müssen mit den Kursen schon an Ostern beginnen und sie dauern bis in den November. Was alle lernen sollten, nicht nur Kinder, ist Rücksicht. Mit etwas mehr Gelassenheit im Straßenverkehr wäre vieles einfacher. Interview: Jörg Heinzle

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Die Diskussion ist geschlossen.

09.10.2015

»Es geht darum, nicht alles über Vorschriften zu regeln, sondern mit Überzeugung zu arbeiten. Wenn mehr Menschen einen Helm tragen, ziehen sie auch andere mit.«
Ich würde diesen Elan doch gerne mal bei Hinweisen der Art »Halte Abstand beim Überholen!« oder »Unterlasse Belästigungen mit der Hupe!« oder »Fahr nicht auf Gehwegen!« sehen. Von wegen mit Überzeugung arbeiten und so...
»Dazu kommt, dass Radfahrer durch E-Bikes heute oft schneller unterwegs sind als früher.«
Sorry, aber das ist doch Käse. Jeder halbwechs gesunde Mensch kann in der Ebene ohne zu viel Gegenwind mit einem einigermaßen aktuell ausgestatteten Rad unproblematisch in diese Geschwindigkeitsgefilde kommen. 25 km/h ist angenehme Reisegeschwindigkeit für Leute, die jeden Tag aufm Rad sitzen. Mehr schaffen diese Dinger doch eh nicht. Ansonsten fallen sie ja schon wieder in die Kategorie Leichtkraftrad, was wieder eine ganz andere Baustelle ist. Wenns danach ginge, müsste es ja schon lange laufend krachen, weil angeblich zu schnell gefahren würde.
»Zudem ist bei Radfahrern die Disziplin, sich an die Verkehrsregeln zu halten, nicht ganz so ausgeprägt.«
Halte ich für eine maßlose Unterstellung. Wie passt das jetzt dazu?
»Es muss klar sein, dass Raserei kein Kavaliersdelikt ist. Man schämt sich heute dafür, wenn man betrunken am Steuer erwischt wird. Wenn man mit zu hohem Tempo erwischt wird, wird das eher noch belächelt.«
Heißt doch, auch unter Autofahrern ist es mit Verkehrsregeln nicht soo weit her. Wer kennt nicht »Tempolimit + MwSt.«? Damit haben diese Unschuldslämmchen ja auch keine Probleme... Ist es nicht viel eher so, dass man da die Hand nicht umzudrehen braucht? Die Linksfahrerei des einen ist die Tempolimitüberschreitung des anderen. Jeder verstößt nach seinen eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen gegen die StVO. Warum genau zeigt man mal wieder explizit auf »die Radfahrer« obwohl man das genau so mit allen anderen machen könnte? Aber passt dann sicher gut zu:
»Was alle lernen sollten, nicht nur Kinder, ist Rücksicht. Mit etwas mehr Gelassenheit im Straßenverkehr wäre vieles einfacher.«
Wenn schon der Herr Polizeipräsident auf »die Radfahrer« zeigt, wirds schon stimmen. Davon wird das Verkehrsklima bestimmt bedeutend besser...
»Wir machen immer wieder Schwerpunktkontrollen, etwa gegen das Geisterradeln.«
Macht das doch mal geregelt, nicht nur ein zwei mal im Jahr. In der Innenstadt mag es ja Ecken geben, wo öfter mal einer steht. Aber in den Randbezirken ist was das angeht vollkommen tote Hose. Ich sag mal, bei FCA-Heimspielan kann man im Umkreis 1 km ums Stadion vermutlich das Geschäft seines Lebens machen. Da kommen sie dann (löblicherweise) recht häufig mit dem Rad, fahren aber trotzdem viel zu oft genau so, wie sie es besser nicht täten. Genau so kurz vor und nach den Vorlesungen um die Uni rum. Was da manchmal ab geht, das hält man im Kopf nicht mehr aus.
»Wir belassen es zunächst oft bei Ermahnungen, es geht uns ja nicht um Abzocke.«
Das hilft auch nichts. Insbesondere, wenn man an 364-365 Tagen im Jahr dort nicht erwischt werden wird, weil man sich genau ein mal da hin stellt, um »Schwerpunktkontrolle« zu spielen. Die Nachhaltigkeit ist da nicht gegeben.
»Aber es sind Kontrollen nötig, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Alleine mit Aufklärung funktioniert das leider nicht.«
Das sicher! Allerdings findet die Aufklärung ja auch nicht in einem Maße statt, dass sie wirksam sein könnte. Jedes Jahr das Geheule wegen Licht oder nicht Licht, obwohl das in der Statistik als Unfallursache ganz weit unten steht, während Geisterfahrerei und Rechtsabbiegerunfälle die beiden ganz dicken Punkte sind. Da höre ich viel zu wenig, insbesondere was den letzteren Punkt angeht.
»Wir müssen mit den Kursen schon an Ostern beginnen und sie dauern bis in den November.«
Naja, das langt auch nicht aus. Viele der Kids werden täglich vom Mamma-Taxi in die Schule gebracht und sitzen dann in der vierten Klasse kurz vor Schuljahresende das erste mal Richtung Schule auf dem Rad. Einige wissen heute gar nicht mehr, wie man ein Rad fährt. Da entfällt die Prüfung wegen »ist nicht«. Denn es müsste ja erst mal gelernt werden, wie man nicht von dem Ding runter fällt. Da hilft es nicht, wenn man erst an Ostern daher kommt. Das muss schon viel früher los gehen. Die Herrenbachschule machts vor: Das muss schon in der zweiten oder dritten Klasse angeleiert werden. Wenn Mammi Zeit hat, um Taxi zu spielen, hat sie bestimmt auch Zeit, beim Radfahren zu begleiten. Sonst wird das nie was mit dem mündigen Verkehrsteilnehmer. Weil das was da am Ende der vierten Klasse mal ein paar Wochen gepaukt wird, ist am Ende der fünften schon wieder weg. Die Eltern machens ja schließlich oft genug vor, wie wenig davon hängen geblieben ist. Trotz Fahrerlaubnis & Co...

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