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Augsburg

23.03.2017

Zuhälter machten Frauen mit Schlägen gefügig

Leid hinter Bordellfenstern: Die Frauen hofften auf ein besseres Leben und empfingen dafür beinahe rund um die Uhr Freier.
Bild: Arne Dedert, dpa (Symbolbild)

Drei junge Ungarinnen mussten rund um die Uhr als Prostituierte arbeiten. Jetzt wurden die Zuhälter verurteilt. Die Frauen glaubten an deren schöne Versprechungen.

Die drei jungen Ungarinnen sind arm, haben nie einen Beruf erlernt. Im Jahr 2014 lassen sie sich von Landsleuten anwerben, um in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Was die 20 Jahre alten Frauen nicht ahnen: Später müssen sie, obwohl sie tagsüber genauso wie nachts um vier Uhr Freier empfangen werden, fast alle Einnahmen den Zuhältern aushändigen.

Als die Kripo die Zuhälter festnahm, kamen die jungen Frauen vorübergehend in die Obhut der Hilfsorganisation Solwodi. Soni Unterreithmeier, die Leiterin der Augsburger Beratungsstelle, berichtet davon. Sie hätten die Frauen „tagelang an der Heizung sitzend erlebt, als willenlose Hüllen in Warteposition“. Sie beschäftigten sich ausschließlich mit gelegentlichem Rauchen und dem Konsum von Kaffee, gezuckerten Getränken und Chips. „Wir waren bestürzt darüber, wie felsenfest sie von der Chancenlosigkeit eigenen Bemühens überzeugt waren, und davon, dass mit 19 Jahren sowieso schon alles zu spät sei.“ Männer aus ähnlichen Milieus und mit vergleichbarer Geschichte böten sich oft als Retter an, schwärmten von Liebe – und sagten den unerfahrenen Frauen, was sie zu tun haben.

Der Vorwurf des gewerbsmäßigen Menschenhandels ließ sich nicht beweisen

Vor dem Augsburger Landgericht sind jetzt drei Männer und eine Frau zu Haftstrafen zwischen zwei und vier Jahren verurteilt worden – wegen ausbeuterischer Zuhälterei. Es hätte für die Angeklagten deutlich schlimmer kommen können. Die Staatsanwaltschaft hatte gewerbsmäßigen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung angeklagt. Damit drohten den Angeklagten Haftstrafen bis zu zehn Jahren. Doch der Vorwurf ließ sich im Prozess nicht beweisen. Zumal die betroffenen Frauen, da nicht bekannt ist, wo sie sich derzeit aufhalten, als Zeuginnen nicht zur Verfügung standen. Sie hatten bei ihrer Vernehmung durch die Polizei auf eine Strafanzeige verzichtet.

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Die Frauen hätten sich gar nicht als „Opfer“ gefühlt, berichtet Soni Unterreithmeier. Sie hätten sich nach einem „ruhigen Familienleben“ gesehnt. „Sie glaubten den Versprechungen der Täter, dass diese mit dem von den Frauen erwirtschafteten Geld eine gemeinsame Zukunft aufbauen würden“, erzählt die Leiterin von Solwodi in Augsburg. „Sie waren fassungslos und entsetzt, dass ihnen diese Zukunft durch die Verhaftung der Täter genommen wurde.“ Dabei sei es tatsächlich ein knallhartes Geschäft mit Zuckerbrot und Peitsche. „Mögliche Reste von Vertrauen und Selbstachtung werden in Kürze zerstört“, sagt Soni Unterreithmeier. Das Geschäft hinterlasse „menschliche Wracks“. Eine der Frauen arbeitet angeblich irgendwo in Deutschland weiterhin als Prostituierte. „Zu hoffen ist, in einem besseren Umfeld“, sagte Jugendrichter Lenart Hoesch, als er das Urteil verkündete.

Das Urteil basiert auf einen sogenannten Deal zwischen Verteidigern, Staatsanwaltschaft und Gericht. „Ich war mir nicht bewusst, dass ich eine Straftat begehe“, sagte der mit 24 Jahren jüngste Angeklagte. Ähnlich äußerten sich sinngemäß die übrigen Angeklagten. Staatsanwältin Kaja Baues hatte in ihrem Plädoyer auf die Rechtsprechung hingewiesen. Strafbar ist, wenn Prostituierte von ihrem Zuhälter gezwungen werden, mehr als 50 Prozent ihrer Einnahmen abzugeben. So mussten die drei Frauen mit 200 Euro in der Woche auskommen.

War das Geld zu wenig, gab es Schläge

Zoltan O. war der Chef. Der 26-Jährige verhandelte in ganz Deutschland mit Bordellbesitzern und Wohnungsvermietern. Ein Mitangeklagter, der als Einziger einen Führerschein besitzt, fuhr dann die Frauen nach Regensburg, Augsburg, Nürnberg und in andere deutsche Städte zu den Einsatzorten. Dort mussten sie dann praktisch rund um die Uhr Männer empfangen. So etwas habe er im Rotlichtmilieu noch nie erlebt, äußerte sich im Prozess erschüttert ein erfahrener Ermittler der Kripo.

Die angeklagte Frau, eine 29-Jährige, oder ein mitangeklagter Landsmann überwachten die Frauen, bestimmten Preise für die Freier und kassierten danach die Einnahmen. Das Geld ging per Western Union an Zoltan O. in Ungarn. War es nach Meinung der Zuhälter zu wenig, gab es Schläge und Fußtritte. Wie aus einem von der Polizei abgehörten Telefonat hervorgeht, hatte Zoltan O. den Frauen unter anderem damit gedroht, er werde ihnen „die Haut abziehen“, falls sie nicht spurten.

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