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Ausstellung

25.03.2015

Zwillinge ja, aber mit künstlerischen Eigenheiten

Annäherung in Person und Bild: Joachim Lothar Gartner und seine „rhythmic structure“ (links), Hansjürgen Gartner mit „Lichtlinien und Horizonte“ (rechts).  
Bild: hks

Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner begehen ein aufschlussreiches Doppeljubiläum im Holbeinhaus

Für „Künstlerpaare“ 2005/06 im Münchner Haus der Kunst waren die Zwillinge Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner vereint mit den Größten ihrer Zunft wie den Dürers, Schongauers, Brueghels, van Eycks, Carraccis, Asams. Diesmal im Augsburger Holbeinhaus stehen sie ganz für sich – wie schon bei etlichen bisherigen Präsentationen, zuletzt 2014 im Künstlerhaus Wien sogar mit demselben Ausstellungstitel „Gartner&Gartner an diesem Ort“.

Wien ging Augsburg voraus, denn die 1945 im böhmischen Steinschönau geborenen Gartners kamen als Vertriebene 1949 in die Donaumetropole und verbrachten dort die Schul- und frühen Bildungsjahre, bevor sie 1965 als diplomierte Textildesigner in die damals noch ergiebige Textilstadt Augsburg zogen. Hansjürgen blieb hier und bis heute in dem 1969 gemeinsam mit seinem Bruder gemieteten Atelier im Holbeinhaus. Dort residierte seinerzeit der als „Nachtwächter vom Holbeinhaus“ stadtbekannte Maler Günter Strupp mit all seinem „Struppzeug“, weshalb Kulturreferent Thomas Weitzel bei der Vernissage bemerkte, die Gartners seien in Wien dem übermächtigen Einfluss des Phantastischen Realismus entflohen und in Augsburg beim Skurrilen gelandet. Weitzel erinnerte daran, dass Augsburg damals noch bildkünstlerisches „Brachland“ gewesen sei und die Gartners auch durch ihr Wirken in Verbänden und Institutionen an der Verbesserung mitgewirkt hätten. Dem schloss sich Thomas Elsen als Kurator der Ausstellung an: „Sie haben was bewegt für die künstlerische Situation in der Stadt.“

Das ist die eine Seite des „Phänomens Gartner“; die andere ist die künstlerische Entwicklung, die sich auch in dieser Schau als ein Diskurs des Zwillingshaften mit der eigenen Identität erweist. Gemeinsam haben sie Kunstförderpreise entgegengenommen (1973 Augsburg, 1981 München, 1984 Esslingen). Aber die Suche nach ihrer Verschiedenheit hat das nicht aufhalten können.

Wie ähnlich sehen sich noch die nach Art der Wiener Phantastik gemalten sechs Bilder, die für die Ausstellung wie in einer Keimzelle gruppiert sind. Und wie unterschiedlich erscheinen im selben Raum die seltsame Schärfe der Naturbilder Joachim Lothars und das seltsam Diffuse der „Pompeji“-Akte Hansjürgens. Dieser bleibt dem Figürlichen treu – bis zur Hingabe des eigenen Leibes in den „Häutungen“ genannten Körperabdrucken und den mit Füßen auf der Malfläche erzeugten „Begehungen“. Abstraktion durch Körpereinsatz klingt widersprüchlich, doch das Ergebnis ist malerische Poesie. Für sie vertieft Hansjürgen die Primärfarben Rot, Gelb, Blau zu „Membranbildern“ und schichtet zigfach Lasuren über Lasuren, bis er Gemälde als „Dichte Durchsichtigkeit“ ausweisen kann.

Anders Joachim Lothar in seinem alsbald unfigürlichen Schaffen. Er ist 1989 für einen Lehrauftrag dauerhaft nach Wien zurückgekehrt, und man könnte meinen, die räumliche Distanz habe die Unterscheidung geschärft. Joachim Lothar greift mit „Schnittbildern“ in die Natur ein, verwendet vorgefundene Materialien wie Gummimatten für „Texturhaut“-Abdrucke und benutzt Lochwalzen für Rasterbilder auf Aluminium. Dabei reizt ihn auch eine „Ästhetik des Zufalls“, obwohl die doch seiner geometrischen, konstruktivistischen Ausrichtung zu widersprechen scheint.

Vielleicht bezeugt dieser Widerspruch aber nur, dass „Gartner&Gartner“ trotz unterschiedlicher Wegstrecken nahe beieinander geblieben sind. Auch Hansjürgens späte „Lichtlinien“- und „Lichtblitze“-Reduktionen sprechen dafür.

Siebzig Jahre werden nun beide alt (Hansjürgen hat ca. 30 Minuten voraus). Fünfzig Jahre verbinden beide mit Augsburg. Es ist ein zweifacher Grund zur Feier für diese Zwillinge.

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