Grenzenlos-Festival

12.06.2012

Zwischen den Genres

Das Bratschen-Ensemble „Bracc“ kombiniert selbstironisch und überraschend Klassik, Rock und Pop

Irgendwo im Niemandsland zwischen Geigen, Celli und Kontrabässen sitzen im Orchester die Bratschen, oft ein wenig unauffällig, immer etwas in die Ecke gedrängt. Acht Bratschisten der Münchner Philharmoniker wollen sich aus diesem Schattendasein befreien. Unter dem Namen „Bracc“ treten sie gemeinsam mit einer Pianistin auf – zuletzt auf dem Grenzenlos-Festival in Augsburg.

Das Programm der Profimusiker spiegelt den Geist des Festes wider. Es geht um das Aufbrechen von Grenzen und Stilformen, gewolltes Ironisieren und die Demontage zugewiesener Rollenbilder. So fließen bei den Musikern die Übergänge zwischen Bach und Beatles, zwischen Josquin Desprez und Deep Purple – ein musikalischer Balanceakt zwischen Konzertsaal und Rock-Kneipe.

Bracc gibt es seit Oktober 2009. Die Idee, acht Bratschen und ein Klavier auf der Bühne zu vereinen, hatte Musiker Gunter Pretzel, der mit seinen Kollegen aus den Reihen der Münchner Philharmoniker die Gruppe gründete. Die meisten der Stücke arrangiert Pretzel selbst.

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Die Idee, klassische Kompositionen mit zeitgenössischer Musik zu kreuzen, ist nicht neu. Die Londoner und Berliner Philharmoniker geben Cross-over-Konzerte, David Garrett füllt so ganze Stadien. Zwei scheinbare Gegensätze zu kombinieren, funktioniert auch andersherum. Die Metal-Band Metallica spielte gleich ein ganzes Album mit symphonischer Begleitung ein. Diese Vorliebe des Publikums für Genre übergreifende Musik greift auch Bracc auf.

Laut, energisch, mit Ecken und Kanten

Das Präludium von Bach, mit dem die Musiker das Konzert am vergangenen Sonntag eröffnet hatten, glitt nahtlos in ein Stück über, das viele wahrscheinlich kaum mit einer Bratsche in Verbindung gebracht hätten – zu steif die Streicher-Attitüde, zu sanft der Klang, zu wenig roher Lärm, zu wenig metallisch, hätte man denken können. Doch das Ensemble bewies, dass Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ tatsächlich auch auf der Bratsche funktioniert – laut, energisch, mit Ecken und Kanten. Auch bei „Lady Madonna“ von den Beatles, „Smoke on the Water“ von Deep Purple oder Michael Jacksons „Billie Jean“ konnte man zuweilen vergessen, dass keine Band mit Schlagzeug und E-Gitarren auf der Bühne stand, sondern ein Streicherensemble.

Doch es waren nicht nur Rock- und Popklassiker, welche die Musiker im Ofenhaus auf dem Gelände des Augsburger Gaswerkes vortrugen. Klassische Stücke wie der Säbeltanz von Chatschaturjan, der Hummelflug von Rimski-Korsakow und der Ungarische Tanz Nr. 1 von Brahms wurden neu interpretiert. Letzteren benannten die Musiker in „Hungarian Breakdance“ um.

Vor allem das Wort „Break“, zu Deutsch „Bruch“, verdeutlichte, worauf es Bracc ankommt: sich vom Gewohnten befreien, das eigene philharmonische Schaffen ironisieren, vertraute Muster zerstückeln und neu zusammensetzen. Manchmal hat der Zuhörer das Gefühl, er würde das Ensemble bei einer privaten Probe beobachten – so intim, gelöst und leicht chaotisch sind die Darbietungen.

Am Ende des Abends sind die Geigen, Celli und Kontrabässe vergessen, die sonst während eines philharmonischen Konzertes oft im Mittelpunkt der Wahrnehmung stehen. Genau das war eines der Ziele von Bracc, zumal das Verhältnis zu den Geigen von Haus aus nicht das beste sei, wie Gunter Pretzel sagt: „Die Geigen sind das, was im Münchner Straßenverkehr die 3erBMW sind – ziemlich lästig. Wir Bratschen sind da eher ein Volvo oder ein VW-Bus.“

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