Es ist ein sonniger, warmer Herbsttag an jenem 15. September 2025. Auf der langen Beton-Bank am Manzu-Brunnen mitten auf dem Königsplatz sitzt eine Gruppe von jungen Leuten. Zwei Männer stehen davor, diskutieren. Wie aus heiterem Himmel schnellt eine Faust aus der Gruppe, trifft einen der stehenden Männer ins Gesicht. Und genauso schnell kommt es zu einer wilden Prügelei zwischen den beiden Männern, die sich auf dem Pflaster wälzen, mit Fäusten und Füßen traktieren. Was auf dem Überwachungsvideo der Polizei nicht genau zu sehen ist: Einer der Männer hält ein Teppichmesser in der Hand, fügt dem Opfer vier Schnitte am rechten Oberarm und an der linken Wade zu. Der Mann mit dem Cuttermesser ist der Afghane Saboor A., 21. Er sitzt zurzeit mit seinem Landsmann Khan M., 18, unter der Anklage des versuchten Totschlags vor der 1. Jugendkammer unter Vorsitz von Richterin Caroline Hillmann. Die Geschichte hat eine weitere interessante Komponente.
Der jüngere Angeklagte soll seinem Kumpel das Tatmesser gegeben haben, im Wissen, dass dieser auf das Opfer einstechen werde. Das Besondere am Verfahren: Das Opfer ist derjenige 19 Jahre alte Afghane, der erst kürzlich vom Amtsgericht wegen Vergewaltigung einer 16-Jährigen zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt worden ist. Nader S. hatte das betrunkene und nahezu willenlose Mädchen dem Urteil zufolge in einer Julinacht 2025 vom Königsplatz auf seinem Rücken zu einer Wohnung am Oberen Graben geschleppt und es dort vor den Augen einer ganzen Clique vergewaltigt. Zwischen den Verbrechen soll es aber vom Hintergrund her keinen Zusammenhang geben.
Prozess in Augsburg: Tat ist durch ein Überwachungsvideo gut dokumentiert
Offenbar ist der Königsplatz seit einiger Zeit Treffpunkt für viele junge Geflüchtete und junge Männer und Frauen aus aller Herren Länder. Sie hängen dort stundenlang ab, trinken Alkohol und konsumieren offenbar auch diverse Drogen. Was an jenem Septembernachmittgag auf dem Kö geschah, ist durch das Überwachungsvideo gut dokumentiert. Was aber zuvor geredet wurde, was genau Ursache des folgenden blutigen Geschehens war, das bleibt auch im Prozess ziemlich schleierhaft. Angeblich soll es am Abend zuvor zu gegenseitigen Beleidigungen und Bedrohungen gekommen sein. Als man sich am folgenden Tag am Königsplatz wieder traf, soll das spätere Opfer Nader S. den Angeklagten Saboor A. geschmäht, ihn mit der Faust attackiert haben. Während der nun folgenden wilden Rauferei soll Saboor A. auch versucht haben, seinen 19-jährigen Kontrahenten mit dem Teppichmesser an Kopf und Hals zu treffen. Deshalb geht die Anklage auch von Tötungsabsicht und einem Verbrechen des versuchten Totschlags aus.
Das Opfer war damals quer über den Königsplatz in Richtung Wallstraße geflüchtet, verfolgt von Saboor A. Ein 20 Jahre alter Passant erkannte die Situation, ging dazwischen. Als Zeuge im Prozess erinnert er sich: „Ich habe ihn an den Schultern gepackt und angeschrien, er soll das Messer wegpacken. Das hat er dann auch gemacht.“ Wenig später hatte die Polizei alle Beteiligten in Gewahrsam genommen, nachdem das Geschehen per Video in der Einsatzzentrale beobachtet worden war. Der Ermittlungsrichter erließ schließlich Haftbefehl am folgenden Tag gegen die beiden Afghanen. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft. Blut- und Haaruntersuchungen bei beiden Angeklagten ergaben, dass Saboor A. vor der Tat Cannabis und Ecstasy konsumiert hatte. Bei Khan M. fanden sich nur geringe Spuren von Drogen.
Der Prozess wird am 21. Mai fortgesetzt. Dann werden voraussichtlich Staatsanwältin Emilia Berkovic, die beiden Verteidiger Jörg Seubert und Frank Thaler sowie der Anwalt des Opfers, Hannes Maletzke, plädieren. Ein Urteil wird am darauf folgenden Tag erwartet.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren