Julia Bauer ist 34 Jahre alt. Die Architektin arbeitet in Teilzeit, kümmert sich um ihre beiden Kinder und geht regelmäßig in den Sport. Sie ist schlank, ihr Körper entspricht einem gesellschaftlichen Schönheitsdeal, ihr Body-Mass-Index (BMI) geht in Richtung Untergewicht und dennoch ist sie unzufrieden. Wo andere eine athletische Figur sehen, entdeckt sie Hautfalten. Diese Wahrnehmungsverzerrung nennt sich Körperschemastörung, erklärt Monika Welz von der Suchtfachambulanz Augsburg-Stadt der Caritas in der Diözese Augsburg. Essstörungen betreffen nicht nur Mädchen und junge Frauen, weiß die Diplom-Sozialpädagogin. Zu einer Gesprächsgruppe kommen Frauen aus der ganzen Region nach Augsburg.
Die 34-Jährige sei ein Manager-Typ, ordnet Monika Welz ein. Eine Frau, die während des Studiums das erste Kind bekommen und dennoch das Studium schnellstmöglich durchgezogen hat. Sie wolle stets das Beste geben – ob im Beruf oder in der Familie. Neben Kindern und Büro gehe sie noch dreimal wöchentlich ins Fitnessstudio. Mit dem Joggen habe sie ebenfalls begonnen – das nehme Julia Bauer alles in Kauf, um an ihrer Figur zu arbeiten. „Dabei ist sie schon schlank“, sagt die Familientherapeutin. Doch das sieht die 34-Jährige anders. Oft vergesse sie zu essen oder zu trinken, erklärt sie in der Beratungsstelle. Natürlich koche sie für ihre Familie, aber oft esse sie dann gar nicht mit. Oder sie muss sich nach dem Essen übergeben.
Besonders akute Fälle werden im Josefinum oder im Bezirkskrankenhaus behandelt
Essstörungen betreffen Frauen jeden Alters. „In Augsburg gibt es viel Beratungsbedarf“, weiß Monika Welz. Während sich das Team „Schneewittchen“ im SOS-Kinderdorf vor allem auf die Beratung von Mädchen und jungen Frauen konzentriere, kümmere sich die Suchtfachambulanz der Caritas um Frauen ab 26 Jahren. Besonders akute Fälle würden im Josefinum oder im Bezirkskrankenhaus Augsburg behandelt, so Welz. „Wir sind alle miteinander vernetzt und tauschen uns aus. Ein Anstieg an Frauen, die unter Essstörungen leiden, ist auch in Augsburg spürbar“, sagt sie. Der Bedarf übersteige das Angebot. Zahlen, wie viele Frauen aus der Region an Essstörungen leiden, habe sie nicht. Die Sozialpädagogin verweist aber auf Daten der Krankenkasse DAK, die besagen, dass in Deutschland 2024 allein rund 23.000 jugendliche Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren die Diagnose Essstörung erhielten – 38 Prozent mehr als im Vor-Pandemie-Jahr 2019.
Dabei bleibt es aber oft nicht. „Natürlich kann eine Essstörung geheilt werden. In vielen Fällen zieht sie sich aber durch das Leben der Frauen“, so Welz. Teils würde sich die Erkrankung chronifizieren, teils in bestimmten Lebenssituationen wieder aufbrechen, etwa nach einer Trennung oder einem Jobwechsel. So wie bei Julia Bauer, die bereits als Jugendliche magersüchtig war und durch ihre Partnerschaft und ihren Kinderwunsch viele Jahre geheilt schien. „Durch Mehrfachbelastungen ist sie wieder in ein altes Muster gefallen“, sagt Welz.
Die häufigste Form der Essstörung ist die Binge-Eating-Störung
Am häufigsten erkranken Frauen an einer Binge-Eating-Störung, bei der es zu wiederkehrenden Essanfällen kommt. Die zweithäufigste Form der Essstörung ist die Bulimie. Die bekannteste, die Magersucht, tritt am seltensten auf. Natürlich treten auch Mischformen auf. Jungen und Männer erkranken ebenfalls an den genannten Essstörungen, allerdings deutlich weniger als Frauen.
Auf Anraten von Monika Welz löschte Julia Bauer als Erstes eine App, auf der sie sich täglich mit Bildern von dünnen Frauen verglich. Viele seien anfällig für „Idealbilder“, die in den sozialen Netzwerken kursieren. Selbst geißelten sie sich dann durch „Selbstoptimierung“. „Es fühlt sich für die Frauen gut an, wenn sie die Kontrolle über das Essen behalten. Andererseits kreisen die Gedanken permanent ums Essen.“ Die Frauen würden mitten im Leben stehen und ihrem Beruf als beispielsweise Krankenschwester, Lehrerin oder Bürokauffrau nachgehen. „Die Frauen leben trotzdem ihr Leben und funktionieren. Es gibt eine hohe Dunkelziffer, die keine Hilfe in Anspruch nimmt“, erklärt Welz. Dabei würden die Frauen durch die Essstörungen ihrem Körper dauerhaft schaden.
Die Caritas bietet in Augsburg ein Gruppenangebot für erwachsene Frauen an, die unter Essstörungen leiden. „In der Region gibt es oftmals Gruppen, die sich um Mädchen und junge Frauen kümmern, deshalb kommen Frauen bis aus Nördlingen und Landsberg zu uns.“ Weitere Informationen sind bei der Suchtfachambulanz Augsburg-Stadt unter der Telefonnummer 0821/3156-432 oder per E-Mail suchtfachambulanz.augsburg@caritas-augsburg.de erhältlich.
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