Familienvater und plötzlich Witwer: „Für die Kinder musste ich trotzdem funktionieren“
Region Augsburg
Familienvater und plötzlich Witwer: „Für die Kinder musste ich trotzdem funktionieren“
Foto: Ralf Schneider
Region Augsburg
Familienvater und plötzlich Witwer: „Für die Kinder musste ich trotzdem funktionieren“
Man bekommt Kinder – dann passiert die Katastrophe: Ein Elternteil stirbt. Drei Väter aus der Region erzählen von Abschied, Schuldgefühlen, trauernden Kindern – und davon, wie sie weitermachen.
In Bayern gibt es mehr als 11.000 Witwer im Alter von 20 bis 59 Jahren – Männer, die früh ihre Partnerin verloren haben. Viele von ihnen sind Väter. Wie macht man als Familie nach einem solchen Schicksalsschlag weiter? Drei Betroffene aus der Region Augsburg berichten.
Ralf Schneider, 49, verlor seine Frau Sandra
„Ich habe meine Frau vor knapp zwölf Jahren kennengelernt. Es hat sofort gefunkt. Wir haben im Schnelldurchlauf gelebt: zusammengezogen, kurze Zeit später war sie schwanger, dann kamen die Zwillinge. Sie hatte bereits eine Tochter, plötzlich war ich Teil einer Großfamilie.
Früher war mein Leben der Motorsport. Ich bin Motorradrennen gefahren, war jedes Wochenende auf der Rennstrecke. Als meine Frau hochschwanger in der Boxengasse stand, habe ich gemerkt: Jetzt wirst du Vater. Ich habe alles verkauft und mit dem Sport aufgehört. Ich wollte nichts mehr riskieren.
Wir hatten viele Tiere – Pferde, Hunde, Schafe, Katzen. Eine Art Auffangstation. Meine Frau hat das geliebt. Nach ihrem Tod war das zu viel. Ich musste Tiere abgeben, weil ich gemerkt habe: Ich schaffe das nicht allein. Manche habe ich behalten, weil sie zu ihr gehörten.
„Am meisten geholfen hat es, wenn Menschen ganz normal mit mir gesprochen haben, über Alltägliches.“
Ralf Schneider
Meine Frau hatte schon lange gesundheitliche Probleme, ein schwaches Herz. Aber dass sie mit 35 Jahren stirbt, damit rechnet man nicht. An dem Tag waren wir noch gemeinsam auf dem Markt, haben Kuchen gekauft. Mittags sagte sie, ihr gehe es nicht gut, sie legte sich hin. Später kam meine Tochter zu mir und sagte: Mama atmet nicht mehr. Eigentlich wusste ich sofort, dass es vorbei ist. Als es mir dann in der Klinik gesagt wurde, brach meine Welt zusammen. Die Fahrt nach Hause war die schlimmste meines Lebens. Ich rief einen Freund an und bat ihn, einfach zu reden – egal über was.
Sechs Wochen war ich wie gelähmt. Ich fuhr los, um einzukaufen, und stand plötzlich an einem See. Ich wusste nicht mehr, wo ich hinwollte. Für die Kinder musste ich trotzdem funktionieren. Es war von Anfang an klar, dass alle drei bei mir bleiben – auch meine älteste Tochter, die einen anderen Vater hat. Das stand nie zur Debatte. Ich habe schnell gemerkt: Ich kann das nicht allein. Ich habe Hilfe angenommen – von der Familie, vom Jugendamt, aus Trauergruppen. Wir führten Strukturen ein, Wochenpläne, Aufgaben. Das kommt aus meinem Job, ich bin Ingenieur. Es hilft den Kindern – und mir.
Wir reden viel über ihre Mutter. Im Flur hängt eine Bildercollage. Am Todestag stellen wir Kerzen vor die Tür, am Geburtstag fahren wir gemeinsam zum Grab. Die Kinder dürfen bei vielen Entscheidungen mitreden. Wir haben schnell renoviert, Dinge weggegeben, Räume verändert. So ist es jetzt unser Zuhause.
Nach fünf Wochen bin ich wieder arbeiten gegangen. Die Arbeit tut mir gut, mein Team hat mich enorm unterstützt. Viele Freunde haben sich gemeldet. Am meisten geholfen hat es, wenn Menschen ganz normal mit mir gesprochen haben, über Alltägliches. Ich bin kein emotionaler Mensch, meine Töchter hatten mich vorher nie weinen sehen. Nach dem Tod meiner Frau habe ich viel geweint – und den Kindern gesagt: Weint, wenn ihr weinen müsst. Papa weint auch.
In einer Kur habe ich eine Frau kennengelernt. Die Beziehung hielt nicht, aber ich habe gemerkt: Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich wieder nach vorne schaue. Was ich allen sagen würde: Regelt Dinge, solange ihr lebt. Testament, Vollmachten. Die Bürokratie danach ist brutal und kostet die Hinterbliebenen enorm viel Kraft.“
Oliver Schönwälder, 44, verlor seine Frau Bettina
Familie Schönwälder im Juli 2021, fünf Monate vor der zweiten Krebsdiagnose. Mutter Bettina starb im August 2024.Foto: Oliver Schönwälder
„Wir waren 17 Jahre ein Paar. Meine Frau Bettina wurde 45 Jahre alt. Sie hatte ein Glioblastom, einen sehr aggressiven Hirntumor. Die Diagnose kam 2016, als unsere Kinder ein und vier Jahre alt waren. Uns wurde von Anfang an gesagt: Das ist nicht heilbar. Sie wurde mehrfach operiert, bekam Chemo und Bestrahlung, hatte schwere Komplikationen. Trotzdem: Von 2017 bis 2021 war eine gute Zeit. Dann kam das Rezidiv, der Tumor kehrte zurück. Ab Frühjahr 2022 war sie ein Pflegefall, irgendwann musste ich mich rund um die Uhr um sie kümmern.
Im März 2024 kam sie ins Hospiz. Ich wollte das lange nicht wahrhaben, hatte große Schuldgefühle, aber im Nachhinein war es die richtige Entscheidung. Sie war fünf Monate dort – ungewöhnlich lang – und hatte einen enormen Lebenswillen. Ich war bei ihrem Tod dabei, es war ein gutes Gehen. Unsere Kinder waren nicht dabei. Dem Großen habe ich Monate vorher gesagt, dass Mama sterben wird, dem Kleinen erst am Tag davor.
„Organisatorisch kriegt man das irgendwie hin, emotional ist es viel schwerer.“
Oliver Schönwälder
Eigentlich war ich die letzten drei Jahre schon alleinerziehend, es war, als hätte ich noch ein drittes Kind – eines, das schwer krank ist. Organisatorisch kriegt man das irgendwie hin, emotional ist es viel schwerer. Ich habe meine Gefühle lange beiseitegeschoben, nie vor den Kindern geweint. Nach Bettinas Tod musste ich erst wieder lernen, Zugang zu meinen eigenen Gefühlen zu finden. Ich bin Lehrer in Augsburg, habe weitergearbeitet, erst in Teilzeit, inzwischen wieder Vollzeit. Arbeiten war wichtig für mich. Nach ihrem Tod war da die Trauer, natürlich, aber ich hatte auch für einen Moment ein Gefühl von Erleichterung.
Lange sagte ich, dass ich nie wieder eine Beziehung wollte. Doch nach wenigen Monaten habe ich gemerkt, dass ich nicht allein bleiben will. Heute habe ich wieder eine Partnerin. Auch das war nicht frei von Schuldgefühlen. Darf ich wieder glücklich sein? Meine neue Freundin trägt das alles mit, begleitet mich zum Grab – ein großes Glück.
Oliver Schönwälder mit seiner neuen Partnerin. Darf ich wieder glücklich sein? Diese Frage hat den 44-Jährigen lange umgetrieben.Foto: Oliver Schönwälder
Meine Söhne gehen sehr unterschiedlich mit der Trauer um. Der Jüngere kann besser darüber sprechen, der Ältere macht vieles mit sich selbst aus. Wir alle tauschen uns regelmäßig in Trauergruppen aus, das hilft sehr. Manchmal denke ich: Vielleicht hätte meine Frau manches sensibler begleitet. Ich bin oft hart, zu mir und zu anderen. Überhaupt gibt es Momente, in denen sie besonders fehlt, etwa an Silvester, das sie so gerne feierte. Oft denke ich: Das hätte ihr gefallen. Oder: Sie hatte viel zu wenig Zeit.
Was mich verändert hat, ist die Angst. Bei jeder Kleinigkeit denke ich oft gleich an das Schlimmste. Daran arbeite ich. Gleichzeitig wird man bei anderen Dingen gelassener. Man weiß: Vieles ist einfach nicht so wichtig. Ein Teil meiner Trauer begann wohl schon lange vor ihrem Tod. In den letzten Jahren war sie nicht mehr die Partnerin, die mich so viele Jahre begleitet hatte. Vielleicht konnte ich deshalb danach wieder schneller ins Leben finden.“
Christoph Otto, 39, verlor seine Frau Theresia
„Meine Frau, die Kinder und ich waren ein eingespieltes Team. Unser Alltag war manchmal wild, aber wir hatten so viel Spaß. Theresia war 37, als sie starb. Viel zu jung. Im Winter 2022 bekam sie die Diagnose Zungenkrebs. Es folgten Operation und Bestrahlung, ein kurzer Sommer mit Hoffnung, dann das Rezidiv. Irgendwann konnte sie nicht mehr sprechen, wir unterhielten uns über Gebärdensprache und eine Tafel. Die Kinder haben das oft besser gemeistert als ich. Ab Herbst 2023 war sie lange im Krankenhaus, im darauffolgenden Juli starb sie zu Hause. Es ging sehr schnell. Die Beerdigung war bunt, mit Seifenblasen – so, wie sie es sich gewünscht hatte.
Er will nach vorne schauen: Christoph Otto hat 2024 seine Frau verloren. „Mir war wichtig, dass der Alltag weitergeht“, sagt er.Foto: Christoph Otto
Nach ihrem Tod war ich nur kurz zu Hause, dann gingen die Kinder auch wieder in den Kindergarten und. Mir war wichtig, dass der Alltag weitergeht. Nicht, weil alles gut war, sondern weil Struktur hilft. Mein Arbeitgeber hat mich sehr unterstützt; ich konnte kommen und gehen, wie es ging. Was sehr kräftezehrend war: Man muss neben der Trauer viele bürokratische Hürden überwinden, für die es kaum Anlaufstellen gibt. Kompetente Beratung zu finden, für alle Fragen, die ich hatte, ist schwierig. Oft richtet sich Unterstützung eher an Frauen, die ihren Partner verlieren, nicht andersherum.
„Manchmal setzt sich mein Sohn einfach auf meinen Schoß und schaut nach oben. Dann weiß ich, was er meint.“
Christoph Otto
Zu Hause sprechen wir viel über Theresia. Die Kinder dürfen traurig sein, und ich auch, aber wichtiger ist, sie dürfen auch lachen und sich freuen. Manchmal sprechen sie offen, manchmal zeigen sie es anders. Mein Sohn, er ist jetzt sechs, setzt sich manchmal auf meinen Schoß und schaut nach oben – dann weiß ich, was er meint. Ich habe vieles verändert, wir renovieren immer noch. Manche Dinge mussten nach ihrem Tod weg, anderes habe ich bewusst aufgehoben. Für unsere Tochter hat meine Frau noch einen Haarreif besorgt, den sie bei ihrer Kommunion tragen kann, wenn sie möchte.
Unser Alltag ist jetzt anders, aber er funktioniert. Ich nehme Hilfe an. Bei den vielen Nachmittagsaktivitäten zum Beispiel hilft mir eine befreundete Mutter, die meine Tochter regelmäßig mit dem Auto mitnimmt. Ich habe gelernt, dass es keine Schwäche ist, Unterstützung zuzulassen – im Gegenteil. Was mich überrascht hat, sind die Berührungsängste vieler Menschen. Dabei darf man mich alles fragen, offen und direkt. Ich weiß, es ist nicht leicht, auf Trauernde zuzugehen. Aber Offenheit, ehrliches Nachfragen und die Bereitschaft zuzuhören, bedeuten viel.
Über unsere Trauergruppe, die meine Kinder und ich regelmäßig besuchen, habe ich gute neue Freunde kennengelernt. Wir verstehen uns, ohne viel erklären zu müssen. Über diese Begegnungen und die neue Leichtigkeit in manchen Momenten bin ich sehr froh.“
Alle drei Familien werden von Lacrima Augsburg begleitet, einem kostenfreien Angebot der Johanniter-Unfall-Hilfe für trauernde Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie deren Familien. Die Gruppen treffen sich alle 14 Tage im Holzweg 35a in Augsburg. Anmeldung über Gabriela Becker, Telefon 0821/25924-291.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren