Ein ehemaliges Autohaus an einer Autobahn wurde Ende Januar Schauplatz eines kleinen Medienspektakels. Auf der Bühne im brandenburgischen Vetschau sollten Martin Sellner und Lena Kotré sprechen – er der Rechtsextremist und Kopf der Identitären Bewegung (IB), sie die AfD-Politikerin mit starkem Hang nach Rechtsaußen. Der gemeinsame Auftritt schlug Wellen, vielen galt er als weitere Grenzverschiebung der Partei Richtung Extremismus. Was niemand ahnte: Ein 29-jähriger Mann, der als „Vorprogramm“ zu Sellner und Kotré auftrat, hatte diese Grenze längst eingerissen: Maximilian Märkl. Der Augsburger ist Chef der IB in Deutschland – und war über Jahre AfD-Mitglied, trotz Unvereinbarkeitsbeschluss. Am Donnerstagabend hat Märkl Konsequenzen aus der nun aufgedeckten Affäre gezogen.
Wie Stephan Protschka, Vorsitzender der Bayern-AfD, mitteilte, sei IB-Chef Märkl einem Rauswurf aus der AfD zuvorgekommen und habe seine Mitgliedschaft in der Partei gekündigt. Eine Mitgliedschaft in der IB und der AfD vertrage sich nicht, so Protschka. Zuvor hatte der bayerische AfD-Chef Recherchen unserer Redaktion und von Welt bestätigt. Demnach war Märkl bereits seit Februar 2023 Parteimitglied. Gleichzeitig gab sich Protschka unwissend über den rechtsextremen Aktivismus des Augsburgers. Gegenüber unserer Redaktion sagte Protschka, er habe erst jetzt von den Aktivitäten Märkls erfahren und finde dazu nirgends offizielle Informationen. Dabei tritt Märkl bereits seit rund einem Jahr unter diesem Titel auf, auch öffentlich. Unter anderem in der Berichterstattung unserer Redaktion bestätigte Märkl im vergangenen Jahr, dass er gemeinsam mit Vincenzo Richter IB-Bundessprecher sei.
Trotz Unvereinbarkeitsbeschluss: Märkl ist IB-Chef und war AfD-Mitglied
Protschka erklärte weiter, Märkl habe die IB bei seiner Parteiaufnahme nicht angegeben. Die Angelegenheit sollte geprüft und am kommenden Montagabend im AfD-Landesvorstand besprochen werden. Nach Recherchen unserer Redaktion stand Märkl tatsächlich der Rausschmiss aus der Partei bevor. Diesen verhinderte er nun, indem er selbst die AfD-Mitgliedschaft kündigte.
Auf der Plattform X erklärte Maximilian Märkl am Donnerstagabend: „Dass ein rechter Aktivist in einer rechten Partei Mitglied ist, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.“ Seine Mitgliedschaft habe der AfD nie geschadet, im Gegenteil. Er sei der Meinung, dass die Unvereinbarkeitsliste der Partei abgeschafft gehöre. Um eine Debatte darüber zu ermöglichen, beende er seine AfD-Mitgliedschaft. „Mein Fokus liegt ohnehin darauf, die stärkste rechte Jugendbewegung aufzubauen“, so Märkl weiter.
Die Identitäre Bewegung steht auf einer Unvereinbarkeitsliste der AfD, eine gleichzeitige Mitgliedschaft ist demnach eigentlich ausgeschlossen. Unklar ist bislang, ob Märkl trotz seiner Aktivitäten auch formelles Mitglied des Vereins „Identitäre Bewegung Deutschland“ ist – im Vereinsregister ist Vincenzo Richter als verantwortlicher Vorstand hinterlegt, nicht er. Die Vereinsstrukturen sind undurchsichtig, Märkl äußerte sich auf Anfrage dazu wie auch zu seiner AfD-Mitgliedschaft nicht.
Rechtsextreme Identitäre Bewegung wird vom Verfassungsschutz beobachtet
Dass es Märkl gelang, seine AfD-Mitgliedschaft so lange unter Verschluss zu halten, ist nach Recherchen unserer Redaktion auch Ergebnis eines Versteckspiels. 2015 trat Märkl der Jungen Union (JU) bei, der Nachwuchsorganisation der CSU; zum Studium zog es ihn dann nach Ungarn. Auf halber Strecke von Augsburg aus liegt Wien – Österreichs Hauptstadt, Heimat von Martin Sellner und der IB. Ab 2019 nahm Märkl dort an Demos der Identitären teil und rutschte immer tiefer in deren Kosmos. Er hatte sich also längst im IB-Umfeld bewegt, als er im Februar 2023 offiziell der AfD beitrat.
Nach Informationen unserer Redaktion stellte Märkl, ein Augsburger, seinen Aufnahmeantrag damals im AfD-Kreisverband Augsburg-Stadt. Der Antrag wurde bewilligt, Märkl offiziell als AfD-Mitglied aufgenommen. Aus dem Umfeld der Augsburger AfD heißt es dazu, es habe damals keine Hinweise auf extremistische Gesinnung gegeben, auch nicht auf Aktivitäten für die schon damals vom Verfassungsschutz beobachtete IB. Märkl habe nur angegeben, einst CSU-Mitglied gewesen zu sein.
Maximilian Märkl wechselte in den AfD-Kreisverband Aichach-Friedberg
Dem Vernehmen nach ließ sich Märkl bei Veranstaltungen der Augsburger AfD hin und wieder blicken, trat aber nicht sonderlich in Erscheinung. Er sei „unauffällig“ gewesen, heißt es. Doch das sollte sich ändern. Anfang 2025 trat Märkl erstmals öffentlich als Bundessprecher der Identitären Bewegung auf. Brisant dabei ist, dass er kurz zuvor offenbar einem anderen AfD-Kreisverband beigetreten war: Nach Informationen unserer Redaktion wechselte Märkl aus Augsburg in den benachbarten Kreisverband Aichach-Friedberg.
Dieser Schritt ist aus mehreren Gründen bemerkenswert – und fügt sich in ein Bild. Der AfD-Kreisverband in Aichach-Friedberg gilt selbst in Parteikreisen als anfällig bis offen für rechtsextreme Einflüsse. Vorsitzender Paul Traxl etwa war Obmann des inzwischen aufgelösten, Höcke-affinen Flügels in Bayern; deutliche Bezüge zur Identitären Bewegung bestehen über Simon Kuchlbauer. Er ist zweiter stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands, tritt demnächst als Landratskandidat an – und nahm im November 2023 an einem geheimen Vernetzungstreffen in Dasing (ebenfalls Landkreis Aichach-Friedberg) mit Martin Sellner teil.
Der österreichische Rechtsextremist stellte damals seinen „Masterplan für Remigration“ vor – schon zwei Wochen vor einer ähnlichen Veranstaltung in Potsdam, die bundesweit Wellen schlug und Demonstrationen auslöste. Sellner und die IB meinen mit „Remigration“ nicht nur die Abschiebung ausreisepflichtiger oder krimineller Flüchtlinge, sondern auch die Vertreibung von deutschen Staatsbürgern mit ausländischen Wurzeln.
Mit dabei in Dasing war damals auch: Maximilian Märkl. Man kann also davon ausgehen, dass bereits Kontakte bestanden, als er seinen Wechselwunsch im Kreisverband Aichach-Friedberg hinterlegte. Dazu passt auch, dass mehrere IB-Aktivisten aus dem Landkreis Aichach-Friedberg stammen.
Landtagsabgeordneter Franz Schmid steht Märkl nahe
Mit dabei in Dasing war damals auch Franz Schmid. Der AfD-Landtagsabgeordnete, der selbst vom Verfassungsschutz beobachtet wird, gilt als zentraler Akteur in der Vernetzung zwischen AfD und Identitären. Er steht Märkl schon länger auffällig nahe. Der Augsburger IB-Mann war für den AfD-Politiker als Fotograf tätig, beide posieren demonstrativ für gemeinsame Fotos und zeigen gegenseitige Unterstützung in sozialen Netzwerken.
Kurz vor Weihnachten 2025 wurde Schmid in Greding zum Chef des neu gegründeten, bayerischen Ablegers der „Generation Deutschland“ gewählt. An der Gründungsversammlung der AfD-Nachwuchsorganisation nahm auch Maximilian Märkl teil. Augenzeugenberichte und Fotos von dort zeigten, dass er das blaue Armband der Stimmberechtigten trug und Abstimmungskarten bei sich hatte. Offenbar hatte er also mit abgestimmt – was den Statuten zufolge eigentlich nur Parteimitgliedern vorbehalten war.
Verbindung zu Generation Deutschland: „Menschenverachtende Allianz“
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Cemal Bozoglu aus Augsburg fragte unter Verweis auf das Bildmaterial zuletzt bei der bayerischen Staatsregierung nach; Innenminister Joachim Herrmann (CSU) antwortete Ende Januar, die Fotos legten zwar nahe, dass Märkl als AfD-Mitglied vor Ort gewesen sei. Ein Nachweis über die Parteimitgliedschaft lag dem bayerischen Verfassungsschutz aber nicht vor. Dies hat sich geändert. Wobei sich der Verfassungsschutz auf Anfrage zu Märkl und AfD vor allem auf aktuelle Erkenntnisse aus „Presseberichterstattung“ beruft.
Bozoglu sagte, Märkls AfD-Mitgliedschaft zeige, „dass die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der AfD-Bundespartei in Bayern vollkommen ignoriert werden“. Die IB habe schon großen Einfluss auf die Vorgänger-Organisation der „Generation Deutschland“ gehabt, die formell unabhängige Junge Alternative (JA). „Diese menschenverachtende Allianz wird nun von der neuen Jugendorganisation bruchlos fortgesetzt.“
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