Suiziden liegen häufig psychische Erkrankungen zugrunde
Krisendienste sind rund um die Uhr für Menschen in seelischen Notlagen erreichbar
In der Notfallambulanz am Augsburger Josefinum werden suizidale Menschen behandelt
Jährlich sterben etwa 10.000 Menschen in Deutschland an Suizid. Das sind mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, Mord, Totschlag sowie illegale Drogen zusammen. Seit 1980 – damals gab es rund 18.000 Fälle – ist die Zahl der Suizidtoten allerdings deutlich zurückgegangen. Wie ist die Lage in Augsburg? Zwei Mediziner und die Leiterin eines Krisendienstes berichten, wie sie den Umgang mit suizidalen Menschen und Suiziden erleben. Und die Polizei nennt Zahlen zu Suiziden in Augsburg.
Prof. Alkomiet Hasan ist Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg. Die mit Abstand wirksamste Strategie zur Prävention von Suiziden sei laut ihm eine frühzeitige und leitliniengerechte Behandlung von psychischen Störungen, denn nahezu alle Suizidversuche und Suizide erfolgen im Kontext einer psychischen Erkrankung. Daneben betrifft es Männer im höheren Lebensalter und Menschen, die einsam sind, so Hasan.
Insgesamt gibt es unter Männern mehr Suizide, unter Frauen hingegen mehr Suizidversuche. Hasan betont, dass Angehörige jede Ankündigung eines Suizids wirklich ernst nehmen müssen. „Erklärungsmodelle wie die ‚Gier nach Aufmerksamkeit‘ greifen zu kurz und sind in nahezu allen Fällen falsch. Angehörige sollen die Menschen ansprechen, offen mit dem Thema umgehen und Hilfe holen“, sagt Hasan.
Hilfe für Menschen in Ausnahmesituationen bietet etwa der Krisendienst Schwaben. Dort gibt es telefonisch rund um die Uhr kostenlos professionelle Soforthilfe von Fachkräften. Dr. Lena Grüber ist Leiterin der Leitstelle Krisendienst am Bezirkskrankenhaus Augsburg. Laut Grüber spielte im Jahr 2025 bei etwa neun Prozent der Anrufenden Suizidalität in unterschiedlichem Maße eine Rolle. Ein grundlegender Teil der Arbeit sei, einzuschätzen, wie akut die Situation ist.
„Es gibt Warnsignale und Risikofaktoren, die eine Rolle spielen und auf die im Gespräch professionell eingegangen wird. Menschen sprechen nicht immer direkt aus, dass sie (so) nicht mehr leben wollen“, berichtet Grüber. Häufig zeige sich eine Veränderung im Verhalten oder in der Stimmung. „Viele Menschen wissen nicht, dass Suizidalität oft zeitlich begrenzt ist und mit Unterstützung überwunden werden kann. Durch offenes, wertfreies Ansprechen können Menschen auch in akut-suizidalen Krisen entlastet werden“, sagt Grüber. Sie betont, dass sich der Krisendienst auch an Angehörige, Mitbetroffene und Fachstellen richtet. „Suizidprävention steht in unserer Beratung im Fokus. Je früher sich Betroffene Hilfe holen, desto besser“, so die Leiterin.
Die Zahl der Suizide im Augsburger Stadtgebiet ist teils stark schwankend. Während es vergangenes Jahr laut Polizei 118 versuchte Suizide gab, waren es 2024 188. Die Zahl der vollendeten Suizide bewegte sich in den vergangenen fünf Jahren zwischen 32 (2021) und 49 (2025). Der Großteil der Betroffenen hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch in Augsburg sind unter den versuchten Suiziden mehr Frauen, bei den Suiziden mehr Männer. Die meisten Betroffenen sind zwischen 18 und 60 Jahre alt. Wenige Fälle dahinter liegen die über 60-Jährigen. Die wenigsten Fälle gibt es laut Polizei in der Altersgruppe sechs bis unter 18. Doch auch hier gab es vergangenes Jahr ein Dutzend versuchte Suizide – und auch einige Todesfälle.
Dr. Tomasz Jarczok ist seit 2022 Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Josefinum in Augsburg. „Grundsätzlich ist Suizidalität ein Spektrum, das von sehr unspezifischen Gedanken an Suizid bis zu tatsächlichen Handlungen geht. Wir haben in Augsburg mehr als 1000 Notfallvorstellungen im Jahr in unserer Notfallambulanz, von denen ein großer Teil wegen suizidaler Symptome vorgestellt wird“, sagt Jarczok. Auf der Akutstation werden jährlich mehrere Hundert Patientinnen und Patienten behandelt, die ebenfalls unterschiedliche Ausprägungen suizidaler Gedanken hätten.
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien vor allem Patientinnen und Patienten ab dem Jugendalter betroffen. „In der Regel liegt eine psychische Erkrankung vor, die mit einem erheblichen Leidensdruck einhergeht. Die häufigsten Diagnosen in diesem Zusammenhang sind Depressionen“, sagt Jarczok.
Präventiv sei zum einen wichtig, Verhaltensweisen zu fördern, die sich positiv auf das psychische Befinden auswirken, beispielsweise das Pflegen positiver sozialer Kontakte, regelmäßiger Schlaf und die Vermeidung von Alkohol und anderen Suchtmitteln. Zum anderen müsse man den Menschen, die bereits Symptome haben oder manifest erkrankt sind, deutlich machen, dass bei psychischen Störungen die Inanspruchnahme von Behandlungsangeboten wichtig ist.
Und wie ist es, beruflich immer wieder mit so einem schweren Thema konfrontiert zu werden? Die Arbeit könne belastend sein, sagt Jarczok. „Wer aber einmal gesehen hat, dass Personen auch nach schweren Krisen wieder Lebensmut fassen, der fokussiert das Ziel, den Betroffenen zu helfen.“ In den allermeisten Fällen finde man mit Patientinnen und Patienten einen Weg aus der schwierigen Situation. „Diese positiven Erlebnisse gleichen die Belastung aus.“
Haben Sie selbst suizidale Gedanken oder haben diese bei Angehörigen festgestellt? Hier finden Sie Hilfe: Die Krisendienste Bayern erreichen Sie rund um die Uhr kostenlos unter 0800 / 655 3000.
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