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Rückblick

30.12.2020

2020 geht in die Kultur-Annalen als das Jahr der Absagen ein

Lange war im Frühjahr nicht sicher, ob auf der Freilichtbühne gespielt werden kann. Das Staatstheater Augsburg wollte unbedingt. Statt „Kiss me Kate“ gab es dort dann die Musical-Gala „The Show Must Go On“ zu sehen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Die Corona-Pandemie hat das kulturelle Leben seit März komplett bestimmt. In den Schatten traten da sogar die größeren personellen Entscheidungen des Jahres.

Schon ohne die Pandemie hätte es einiges zu sagen gegeben bei einem Rückblick auf das kulturelle Jahr 2020 in Augsburg: Zum Beispiel war es ein Jahr, in dem wichtige personelle Entscheidungen getroffen worden sind: hier ein Neuanfang und dort Verlängerung. Nach der Kommunalwahl entschied sich die neue Rathauskoalition CSU und die Grünen dazu, Thomas Weitzel als Kulturreferenten abzulösen. Im Oktober trat Jürgen Enninger die Nachfolge im neu zugeschnittenen Referat an. Enninger ist gleichzeitig auch für den Sport in der Stadt zuständig.

Groß Gelegenheit, eigene Akzente zu setzen, hatte Enninger noch nicht. Da findet nun doch die Corona-Pandemie ihren Weg in diesen Text. Es geht einfach nicht ohne in diesem Jahr. Durch den zweiten Lockdown jetzt im Herbst und Winter ist Enninger von Anfang als Krisenmanager gefordert. Eine seiner wichtigsten kulturellen Aufgaben ist gerade, die Strukturen zu erhalten – sowohl die städtischen Kulturinstitutionen als auch die der freien Szene, die durch den Lockdown in ihrem Fortbestand bedroht sind.

Im Kulturreferat hat die neue Stadtregierung auf einen Neuanfang gesetzt: Enninger wird eine Nähe zu den Grünen zugeschrieben, man kann gespannt sein, welche Ideen er verfolgt, wenn Corona, die Maßnahmen und ihre Auswirkungen nicht mehr das bestimmende Thema sind. An der Spitze des Staatstheaters setzen Stadt und Freistaat auf Kontinuität: Die Verträge mit Staatsintendant André Bücker und Generalmusikdirektor Domonkos Héja wurden um jeweils fünf Jahre verlängert.

Das große Streitthema des Jahres: die gestiegenen Kosten der Theatersanierung

In den Schlagzeilen stand das Staatstheater in diesem Jahr vor allem dafür, dass die Generalsanierung des Hauses erheblich teurer wird als ursprünglich geplant und beschlossen. Bis zu 321 Millionen Euro soll dieses Großvorhaben nun kosten. Was zur Folge hatte, dass sich zum zweiten Mal Bürger gefunden haben, die gegen die Generalsanierung mobil machen und Unterschriften für ein Bürgerbegehren sammeln.

Möchte man über das Künstlerische am Staatstheater sprechen, kommt die Rede zwangsläufig auf Corona. Solch massive Einschränkungen des Spielbetriebs, die strengen Auflagen vor und hinter der Bühne, dazu monatelange Komplettschließungen, das wochenlange Aussetzen von Proben, die Ungewissheit, wie es weiter gehen soll und kann – all das stand viel stärker im Vordergrund als künstlerische Ideen.

Die wechselnden Bestimmungen, sich ständig ändernde Regelungen, wie viel Publikum erlaubt ist, erschwerten die Planungen im Sommer und Herbst, als es wieder möglich war, unter Einschränkungen und Auflagen zu spielen. Was zählte, war, überhaupt unter diesen Bedingungen zu spielen, wieder präsent zu sein. Eine Tat des Staatstheaters war es, in der kurzen Zeit, die im Sommer nach dem Ende des ersten Lockdowns verblieb, überhaupt einen Musical-Abend auf die Freilichtbühne gebracht zu haben und dem Publikum 17 Darsteller zu präsentieren – unter Einhaltung der Abstandsregeln. Als die neue Saison gerade anlief, das Theaterpublikum realisierte, wie schwer es werden würde, in der Corona-Saison erst einmal an Karten zu kommen, war alles schon wieder vorbei.

Es gab so viele Absagen wie noch nie im Kulturbereich

Wie in einem Brennglas bündeln sich die Widrigkeiten in der Produktion „In der Strafkolonie“. Die Kammeroper stand kurz vor der Premiere, konnte aber wegen des Lockdowns im Frühjahr nicht gezeigt werden. Im Oktober sollte die Premiere stattfinden, ein Darsteller verletzte sich, der Termin musste verschoben werden – dann kam der November-Lockdown, der auch den ganzen Dezember betraf. Frühestens im Februar nimmt das Staatstheater den Spielbetrieb wieder auf.

Alles war von März an in diesem Jahr 2020 anders. Erst einmal gab es so viele Absagen wie noch nie. Alle größeren Veranstaltungen wurden erst in den Herbst und von dort ins kommende Jahr verlegt. Dazu gab es Neues – etwa das Augsburger Streaming-Feuerwerk im Frühjahr, das von der Club- und Kulturkommission ausging und bei dem vom Staatstheater bis zum Jazzclub die komplette Augsburger Kulturszene präsent war – ein großes Gemeinschaftsprojekt.

Im Sommer waren es Open-Air-Bühnen, die als Ausweichort dienten: im Annahof, auf dem Gaswerk-Gelände. Dazu gab es den Kulturbiergarten auf dem Kö. Jetzt – nach zwei weiteren Monaten im Lockdown – schaut dieses Sommer-Ersatz-Programm geradezu verführerisch aus.

Das Brechtfestival fand noch vor dem Ausbruch der Pandemie statt

Die Museen sind geschlossen, das Maximilianmuseum konnte seine neue Sonderausstellung „Dressed for success“ noch gar nicht zeigen. Im November konnten die Galerien noch Kunstgenuss bieten, auch das hat sich jetzt geändert, alles hat seit Wochen zu. Auch die Festivals kamen unter die Räder. Das Mozartfest konnte im Mai nicht stattfinden. Festivalleiter Simon Pickel gelang es, den Großteil des Programms in den Oktober zu verlegen. Aber auch da kamen die steigenden Fallzahlen dem Festivalende in die Quere. Das letzte Konzertwochenende musste abgesagt und aufs nächstes Jahr verschoben werden.

Noch frei von der alles bestimmenden Pandemie war das Brechtfestival, für das 2020 zum ersten Mal das Regie–Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner verantwortlich war. Sie gaben dem Festival ein neues Gesicht mit den Spektakel-Abenden, an denen sich alles ballte. Mit Künstlern, die man kannte, mit Programmen, die manchmal auch improvisierten Charakter hatten. Das gefiel nicht allen, es gab auch Beschwerden. Doch gaben Kühnel und Kuttner dem Festival eine eigene Handschrift und zeigten, wie bereichernd ein Wechsel an der Spitze sein kann. Die Aussicht, das Brechtfestival 2021 nur digital und virtuell erleben zu können, ist nicht gerade erhebend. Gerade das Gedränge, gerade der Kontakt und die physische Präsenz der Künstler haben die erste Festivalausgabe von Kühnel und Kuttner in Augsburg besonders und erinnernswert gemacht.

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