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Porträt

06.01.2020

28 Jahre wie im Flug: St. Annas Kirchenmusiker verabschiedet sich

Michael Nonnenmacher verlässt bald die Annakirche als Kantor. Er sagt, dass seine 28 Jahre in Augsburg wie im Flug vergangenen seien.
Bild: Annette Zoepf

Plus In St. Anna war Kantor Michael Nonnenmacher mehr als 28 Jahre Kirchenmusiker. Seiner Hörergemeinde traute er auch einiges Moderne zu. Nun geht er in den Ruhestand

Seine 28 Jahre als Kirchenmusiker an St. Anna seien wie im Fluge vergangen, blickt Michael Nonnenmacher zurück. Kein Wunder: Die evangelische Hauptkirche im Herzen von Augsburg „ist schon ein besonderer Platz“, weiß der Kantor. In der Tat lag die Messlatte schon hoch, als Nonnenmacher, der zuvor an der Hamburger Auferstehungskirche tätig war, seinen Dienst antrat. Es war ein Karrieresprung für den 1958 in Pforzheim geborenen Kantor und zugleich die Forderung nach künstlerischem Musizieren.

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Nonnenmacher reihte sich in die große Tradition von St. Anna ein und schrieb sie in die Gegenwart fort. In seiner Ägide vergaben die Gemeinde und das Dekanat große Auftragskompositionen, die er selbstverständlich mit dem Madrigalchor und der Capella St. Anna uraufführte. Dabei stellten Altmeister ebenso ihr Können unter Beweis wie Newcomer. Der junge Augsburger Komponist Patrick Thomas Schäfer lieferte sogar zwei neue Werke für St. Anna – 2013 die begeistert aufgenommene Kantate „So suche den Frieden und jage ihm nach“ und 2017 zum Reformationsjubiläum die Friedensoper „Letzte Nacht“. Nonnenmacher wollte eine Festmusik haben, die zu Diskussionen anregt.

Jungen Komponisten ließ Nonnenmacher ihre Freiheit

„Für mich waren alle Uraufführungen am Ende ein Aha-Erlebnis“, sagt der Kantor. Am meisten überrascht habe ihn der libanesisch-französische Orgelvirtuose Naji Hakim mit seiner Augsburger Symphonie 2011 zur Wiedereröffnung der generalsanierten Annakirche. Hakim fragte nach typisch lutherischen Liedern – und setzte sie im Stil der französischen Spätromantik um. „Es war ein vollkommen anderes musikalisches Gewand, schmeichelnd komponiert mit Esprit“, erinnert sich Nonnenmacher. „Ein feste Burg“ verströmte hier fröhliche Zuversicht. Jungen Komponisten ließ der Kantor ihre Freiheit, mit ihrem neuen Werk ein Wagnis einzugehen. Und die Hörerschaft von Martin Torps Johannespassion zu Karfreitag 2019 staunte, dass der Karfreitag eigentlich schon bei der Auferweckung des Lazarus beginnt.

28 Jahre wie im Flug: St. Annas Kirchenmusiker verabschiedet sich

Michael Nonnenmacher traute seiner Konzertgemeinde einiges zu – und musste manchmal feststellen, dass die Moderne in Augsburg nicht im erhofften Maße angenommen wurde. So führte er 1999 in vorbildlichen Einstudierungen sowohl Arvo Pärts „Passio“ in Verbindung mit Bachs Markuspassion an Karfreitag und dann auch Leos Janaceks „Glagolitische Messe“ auf. Von ihr sagt er, sie sei „eine erdverbundene Musik, die aus dem Innersten der Moderne kommt“. Sie sei „einfach dran gewesen“. Im Jahr darauf, 2000, schrieb der arrivierte Komponist Martin Herchenröder eine Kantate zum 350. Jubiläum des Hohen Friedensfestes und thematisierte darin auch den Unfrieden in der Welt.

Eine Verantwortung für das musikalische Erbe

Er habe keine Vorlieben für eine bestimmte Epoche, erklärt Nonnenmacher. „Musik muss gut sein und wahrhaftig“, verlangt er. Mit bloß äußeren Effekten will er sich nicht zufriedengeben. Hochachtung empfindet er für seine Vorgänger an St. Anna – Adam Gumpelzhaimer, den man mit Schütz verglich, Friedrich Hartmann Graf, den Mozart-Zeitgenossen, Hans Michael Schletterer, der die Wurzeln für die städtische Musikschule legte. Er spüre eine Verantwortung für das Erbe, es zu pflegen und lebendig zu erhalten.

Michael Nonnenmacher entwickelte aber auch neue Formen, etwa das „annanachts“, die Matineen und die Orgelmusik zur Marktzeit. Mehr als 80 Veranstaltungen habe er im Jahr absolviert und es galt, sie thematisch breit gefächert und anlassbezogen zu gestalten. Ein Höhepunkt war Jahr für Jahr die Passion an Karfreitag, zu der Nonnenmacher auch mal Haydns Sieben letzte Worte am Kreuz oder Brahms’ Requiem aufführte. Besonders pflegte er den Kantatengottesdienst und verteilte ihre Stücke über die ganze Liturgie, auf dass es ein geistliches Gesamtkunstwerk werde. Nebenbei gab er den Predigern immer „kleine Zumutungen“ mit den altertümlichen Texten mit.

Er verlangte seinen Interpreten beste Leistungen ab

„Vieles kann die Musik sagen, wo das gesprochene Wort nicht weiter kommt. Sie hat die Schlüssel, den Menschen emotional aufzuschließen“, weiß der Kantor. Damit erwarb er sich den Respekt der Pfarrer. Freilich: Konflikten ging Nonnenmacher nicht aus dem Weg, wo es ihm um die musikalische Qualität ging, und immer verlangte er seinen Interpreten beste Leistungen ab.

Wenn Michael Nonnenmacher am Sonntag, 12. Januar, im Gottesdienst um 10 Uhr in St. Anna letztmals musiziert, dann bleibt er doch noch einige Zeit kirchlicher Angestellter. Er habe sich nämlich einige Sabbatmonate angespart, sodass er mit 63 dann Rentner wird. Er wird mit seinem Mann nach Lindau an den Bodensee ziehen, endlich mehr das Familienleben genießen und seiner Leidenschaft für das Motorrad und die Oper frönen.

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