Kultur

08.07.2019

Abenteuerlustige Nachtschwärmer

Zur schönen Magelone, zum eitlen Maximilian oder doch zum Revoluzzer Erich Mühsam? Für die Besucher beginnt das Abenteuer mit dem Programmheft

Irrfahrten, Expeditionen, Liebeswirrungen und Ausflüge in Traumwelten verspricht das Programmheft zur Langen Nacht der Abenteuer. Aber das Abenteuer beginnt schon daheim auf dem Sofa: Etwa 200 Veranstaltungen und nur sechs Stunden Zeit – wo also anfangen, wo aufhören?

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Traditionell eröffnen die Philharmoniker im Goldenen Saal die Nacht. Ohnehin ist beste Laune durch die von Bürgermeister Rainer Erben überbrachte Nachricht vom Welterbe-Triumph. Da die Oper exemplarische Spielwiese für das Thema der Nacht ist – reale Thriller, mythische Schlachten und intime Abenteuer wie Liebe, Leid und Lust – , ist der Bogen weit gespannt, den Generalmusikdirektor Domonkos Héja mit seinen Musikern präsentiert. Eingerahmt von Beethovens „Geschöpfen des Prometheus“ singen Jihyun Cäcilia Lee und Kate Allen Arien u. a. von Mozart, Händel, Weber und Humperdinck mit grandioser Stimme.

Abenteuerlustige Nachtschwärmer

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Ein Platzregen ist gerade niedergegangen. Also schnell hinein ins Maximilianmuseum, hinauf in den zweiten Stock, wo Stefan Schön aus dem „Weißkunig“ von Maximilian I. lesen wird. Zuhörer sind zunächst nur ein Dutzend da, am Knarzen des Parketts ist zu hören, dass der eine oder andere noch hinzukommt – oder auch wieder vorzeitig geht. Herrlich, wie Maximilian in dieser selbst verfassten Vita in zwar heute befremdlichem, aber gut verständlichen Oberdeutsch beschreibt, wie er zum König wurde, der alle Tugenden auf sich vereint. Angekündigt von einem „Kometen größer als sonst“ am Tag seiner Geburt, lernt er von Kindesbeinen an, „gut Fried zu halten“, „die gute Schrift“ und „die sieben freien Künste“. Zu den größten Tugenden zählt er das „Halte Maß!“. Bescheidenheit scheint nicht Maximilians Stärke gewesen zu sein. „Keinen schöneren jungen Herrn habe man jemals gesehen“, beschreibt er sich selbst.

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Tolle Idee: Die Stadtwerke haben ihren blau-weißen Bulli auf dem Rathausplatz geparkt und schenken Wasser aus für alle, die es an diesem heißen Abend nicht nur nach Abenteuern dürstet. Von langer Hand geplant, aber passend zum Tag, an dem Augsburg Welterbestätte für seine Wasserkultur wird.

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46, 48… die beiden Damen zählen die Hausnummern ab. 46. Zurück! Die Damen lassen sich ins Schaezlerpalais spülen, wo gleich mehrere Veranstaltungen gleichzeitig laufen. Im Festsaal recken einige ihre Köpfe zur Decke, deren Fresken ihnen gerade erklärt werden. Derweil füllt sich der Saal gut mit Publikum, das gleich der zauberhaften Liebesgeschichte „Die schöne Magelone von Johannes Brahms“ lauschen wird. Kaiser Maximilian musste diesen im Jahr 1535 in zehn Auflagen erschienenen Ritterroman selbst gekannt haben. Davon inspiriert schuf Ludwig Tiek eine neue Textfassung, Johannes Brahms komponierte die Lieder, die Bariton Daniel Böhm, begleitet am Klavier von Stephan Kaller, mit warmer Stimme vorträgt. Fred Strittmatter ist der Erzähler. Der Applaus ist heftig und kurz – typisch für diesen Abend, man muss schließlich rasch weiter.

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Selig, wer da ein Fahrrad hat, um schnell an den nächsten Veranstaltungsort zu kommen! Publikum mit Bändchen am Arm in Eile, auch das gehört zu diesem Abend. Von „Das schaffen wir nie!“ bis „Da haben wir noch ausreichend Zeit!“ ist alles zu hören. Das Fahrrad verhilft auch nur bedingt zu mehr Schnelligkeit. Plötzlich findet man sich wieder in einem Pulk von Menschen, die ihre Handys auf die „Stelzenparade“ richten, die in ihren tollen Renaissance-Kostümen vor den schönsten Fassaden Augsburgs posieren.

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Auf dem Weg zum Dom sind die Besucherströme aber zerflossen. Im Kreuzgang, steinernes Zeugnis vergangener Zeit, finden sich die Liebhaber alter Musik. Ein farbenreiches Bild des Minnesängers und Abenteurers Oswald von Wolkenstein (1377–1445) zeichnen Rainer Herpichböhm an der Mittelalter-Laute und Heinz Schwamm an der Fidel. Man fühlt sich fast wie an einem mittelalterlichen Fürstenhof, wo die Sänger miteinander in Wettstreit treten und ein Lied schöner als das andere ist.

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Die Ohrwürmer der Augsburger Puppenkiste, feurige Sintigeigen und der Sound des Wilden Westens – wenn das nicht abenteuerlich klingt für ein Streichtrio. Tatsächlich eröffnen Pamela Rachel (Violine), Ilia Riegel (Viola) und Philip Braunschweig (Violoncello) mit „Eine Insel mit zwei Bergen“. Na ja, die Leute in der feuchtschwülen Antoniuskirche klatschen mit wie beim Fasching. Wenn das mal so weitergeht… Doch dann folgt fein gesponnener Schubert, folgt ein raubeiniger Russe, der ruckelt und kracht, folgt Beethoven – und irgendwann auch ein Tango, ein Csardas und spacige Filmmusik. Von der Puppenkiste gibt’s leider nix mehr. Ausgeschmiert.

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Viele Musiker sind auf den Straßen unterwegs mit ihren Instrumenten unter dem Arm oder auf dem Rücken. Wirklich abenteuerlich kommen die Männer und Frauen von Concerto Latino daher: Nach ihrem Auftritt im Jazzclub schichten sie die Instrumentenkoffer auf ein Wägelchen und ziehen mit dem rollenden Vibrafon im Schlepptau durch die Fußgängerzone.

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„War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer…“ So harmlos kann politische Satire klingen. Der Anarchist Erich Mühsam (1878–1934) lässt natürlich kein gutes Haar an den kompromisslerischen Sozialdemokraten. Schauspieler Matthias Klösel, am Piano begleitet von Tom Gratza, feiert im Thalia Kaffeehaus den Rebell und trägt Mühsams Maxime „Sich fügen heißt lügen“ vor. Dieser Satiriker sagt in aller Schärfe, wie es ist, welchen zynischen Egoismus die Kapitalisten der Weimarer Republik pflegen, mag auch der Dampfer Deutschland kurz vorm Absaufen sein. Mühsam alias Klösel geht’s nicht viel besser, wenn er mit dem Hut bettelnd durchs Lokal streunert und sich zum „schäbigen Lumpenpack, auf das der Bürger speit“, zählt. Das geht unter die Haut.

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Khan Bulabek ist ein gerechter Mann. Doch seine Frau Dschamila ist noch ein Stück schlauer als er. Also kann sie nicht mit seiner Entscheidung zufrieden sein, dass ein Fohlen, das bei der Geburt zufällig unter einem daneben stehenden Wagen gelandet ist, nun dem Wagenbesitzer gehören soll. Sie verhilft nicht nur dem Eigner der Stute zu seinem Recht, sondern trickst auch Khan Bulabek mit ihrem Liebesbeweis aus. Steffi Schönlinner erzählt das Märchen im Grandhotel Cosmopolis und verwebt es mit amerikanischen Jazzballaden. Wunderbar passt ihr dunkles Timbre zu den Liedern über die Liebe („das Abenteuer des Lebens“). Wie wird es sein in der letzten gemeinsamen Nacht? „Sei nicht so furchtsam!“, rät die Sängerin und Jazzgitarrist Dietmar Liehr entlockt dazu den Saiten fingerfertig einen gemächlichen Groove. Macht Lust auf mehr.

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Aber die Zeit ist schon fast um. Aus dem Goldenen Saal, wo der Mozartchor Heldenmusik aus Opern und Filmen zum Besten gegeben hat, strömen die Leute auf den Rathausplatz. Dort gibt es das Vertikalseil-Spektakel „Wanted“ – Verfolgungsjagden in luftiger Höhe vor einer Leinwand mit Comicstrips. Ein Abenteuer, bei dem man lieber zusieht, als es selbst zu erleben.

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