Grafisches Kabinett

27.11.2019

Adam und Eva im Garten Eden

In Johann Elias Ridingers Paradies-Zyklus kommentieren exotische Tiere, wie hier in einer nachkolorierten Szene, die Geschehnisse im Garten Eden.
Bild: Hans Krebs

Johann Elias Ridinger war eine prägende Erscheinung unter den Künstlern und Kunstverlegern Augsburgs. Ein Radier-Zyklus im Grafischen Kabinett fordert nun auf: „Auf zum Paradies!“

Da sitzt er inmitten der Natur vor seiner Staffelei, halb dem Betrachter zugewandt, das Malgerät in der Hand, auf dem Staffeleibild ein Hirsch, der ihm zuvor begegnet sein könnte, und auf dem Boden ein Malkasten mit der Inschrift „ipse inv. et del.“ (selbst erfunden und gezeichnet). In Kupfer gestochen hat dieses Selbstporträt des Johann Elias Ridinger (1698–1767) sein Sohn Martin Elias. Als Gedenkblatt huldigt es mit den Worten: „Wer hat das Thierreich so in seines Pinsels Macht? / Wer weiß so der Natur im Bilde nachzugehen? / Wo trifft Original und Bild so ähnlich ein? / Es muß es Ridinger, sonst kan es keiner seyn.“

Ridinger inspirierte auch Franz Marc

Bereits zu Lebzeiten genoss Ridinger den Ruf einer einzigartigen Erscheinung unter den Künstlern und Kunstverlegern. Vor allem seine Tier-, Jagd- und Reitdarstellungen waren vorbildlich. Schon Tiepolo verwandte sie für seine Würzburger Residenz-Fresken und noch Franz Marc für seinen 1913er Holzschnitt „Reitszene nach Ridinger“. Rund 1600 grafische Blätter und aberhunderte Zeichnungen gehen auf ihn zurück.

Der Sohn eines Ulmer Schreibers war 15-jährig nach Augsburg gekommen und hier, von drei Regensburger Jahren abgesehen, bis zu seinem Tod geblieben. Auch als evangelischer Direktor der Reichsstädtischen Kunstakademie und als Assessor am evangelischen Ehegericht war er tätig. Augsburg verdankt ihm viel, ehrte ihn beispielsweise 1967 mit einer Ausstellung zur Wiedereröffnung des kriegszerstörten Holbeinhauses. Es folgten 2012 „Auf zur Jagd!“ im Grafischen Kabinett und jetzt ebendort „Auf zum Paradies!“.

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Bemerkenswert in beiden Fällen der Imperativ. Wer ihm folgt, begegnet gleich beim Betreten des Kabinetts dem erwähnten Selbstporträt. Doch beanspruchen vor allem sechs gestochene und radierte Kupferplatten die Aufmerksamkeit. Sie sind sechs von komplett zwölf, die Augsburgs Kunstsammlungen 1999 erwerben konnten und nach denen um 1747 die zwölf Radierungen „Das Paradies“ gedruckt wurden. Dieser Radier-Zyklus hängt im zweiten Kabinett-Raum und wird ergänzt durch einige gezeichnete Figuren- und Bewegungsstudien sowie ein Ridinger-Ölporträt (1744) von Johann Jacob Haid.

Das meiste, was da im Paradies kreucht und fleucht, offenbart das Blatt 4: „Adam bei der Benennung der Tiere“ oder im lutherischen Bibeltext, wie er (neben französischer und lateinischer Fassung) in der Bildlegende zitiert wird: „...denn wie der Mensch allerley lebendige Thiere nennen würde, so sollten sie heissen.“ Der an einen Fels gelehnte Adam hat wahrlich viel zu benennen und Ridinger entsprechend viel nachzubilden. Eine selten große Vorzeichnung gibt Aufschluss darüber, wie und was er bis zum Druck verändert hat. Dasselbe vermittelt eine kleinere Rötelzeichnung der Adam-Figur. Hinzugefügt hat Christoph Nicht, der verdienstvolle Kurator der Ausstellung, einen persönlichen Antikmarkt-Fund: einen Kupferstich des Abraham Bloemaert von 1624, der ebenfalls Adam bei der Benennung der Tiere zeigt und Ridinger als Vorlage gedient haben könnte.

Der Elefant trompetet, als wollte er Adam aufwecken

Die Druckgrafik hat den europäischen Kunstkreislauf enorm beschleunigt. Dabei ging es in der Augsburger Werkstatt durchaus unverkrampft zu.

In Ridingers Paradies-Zyklus trompetet ein Elefant, als wollte er Adam nach der Erschaffung Evas aufwecken, blickt ein Nashorn bekümmert zur Seite, als wollte es nicht Zeuge des Sündenfalls werden, schreit ein Adler auf, als Gott nach Adam ruft, schnaubt bedrohlich ein Nilpferd bei der Strafe Gottes. Das heißt: Tiere, auch damals fast unbekannte Exoten, kommentieren das Geschehen im Garten Eden, der sich üppig als eine gestaffelte Waldlandschaft darbietet. Die Schlange tritt erst bei der Verführung Evas in Erscheinung (Blatt 7) und bleibt gegenwärtig bis zum Schluss, bis zur Vertreibung aus dem Paradies (Blatt 12).

Nur der Gott der Genesis (hier Kapitel I, 26 bis Kapitel III, 24) nimmt nicht Gestalt an. Ridinger erfasst ihn als reines Licht und inszeniert dieses je nach Dramatik in wechselnder Ausstrahlung. Der Meister des Rokoko kann also auch abstrakt und symbolistisch.

im Höhmannhaus (Maximilianstraße 48) bis zum 2. Februar 2020. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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