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Theaterpredigt

10.02.2020

Annette Schavan: Man muss Menschen ein Gesicht geben

Annette Schavan hielt in St. Moritz die Theaterpredigt zur Oper „Der Konsul“
Bild: Mercan Fröhlich

Plus Ex-Ministerin Annette Schavan hält in St. Moritz die Theaterpredigt zur Oper "Der Konsul". Sie spricht über Politik ohne Humanität.

Die Reihe „Ein Wort zum Sonntag“, bei der Personen des öffentlichen Lebens zu aktuellen Inszenierungen des Staatstheaters sprechen, führte am Sonntagnachmittag die ehemalige Bundesministerin Annette Schavan nach Augsburg, um mit den Besuchern der gut gefüllten Kirche St. Moritz ihre Gedanken zur Oper „Der Konsul“ von Gian Carlo Menotti zu teilen. Angesichts der 70 Millionen Menschen, die nach Angaben der UN im Jahr 2018 auf der Flucht waren, ist die Thematik des 1950 uraufgeführten Stückes beklemmend aktuell.

Sopranistin Sally du Randt, im Stück in der Rolle der Magda, führte mit der Arie „Papers! But don’t you understand“ das Leitmotiv der Theaterpredigt ein. Magdas verzweifelte Versuche, ein Ausreisevisum zu bekommen, um ihrem geflohenen Ehemann ins Nachbarland zu folgen, zerschellen an der kalten Bürokratie: „Ich flehe um Hilfe, und alles, was Sie mir bieten, sind Formulare.“

Christentum darf Räume nicht verschließen

Dieses Motiv stellt Schavan mit eindringlich-ruhiger Stimme an den Anfang ihrer Überlegungen. Menschen bekämen eine Ziffer, würden zu einem gesichtslosen Fall. „Das ist das große Spiel der Zyniker. Die gab es zu allen Zeiten, und die gibt es auch heute.“ Sie muss keine Namen nennen; den Zuhörern ist klar, wer gemeint ist. Stattdessen führt sie den jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas ins Feld, dessen Schriften Schavan vor einigen Jahren wieder für sich entdeckte. Lévinas schrieb, dass das Erkennen des Gesichts eines Individuums der erste Schritt sei, einen Menschen als Mensch zu sehen. „Dieser Zivilisierung der Gesellschaft wird Schaden zugefügt“, so die ehemalige Ministerin, „wenn man der Politik den Auftrag gibt, die Gesichter der Hilflosen von uns fernzuhalten.“ Es sei auch Aufgabe des Christentums, nicht Räume mit Identität zu besetzen und anderen damit zu verschließen, sondern Prozesse zu beginnen und Fremde willkommen zu heißen, wie es Papst Franziskus forderte.

Neben der Aussichtslosigkeit der Lage Geflüchteter und der mangelnden Empathie seitens Entscheidungsträgern sieht Schavan die Flucht an sich als zweites entscheidendes Motiv des Operndramas. Europa gehe geschwächt aus der Flüchtlingsdebatte, denn „wenn ein so starker Kontinent keine Lösung finden kann, ist das ein Zeichen von Schwäche“. Franz von Assisi habe es vorgemacht, durch den Tabubruch Aussätzige zu umarmen. Die Persönlichkeit eines Menschen nicht wahrnehmen zu wollen, dabei zu erörtern, ob jemand dazugehöre oder nicht und Barmherzigkeit als Gutmenschentum abzustempeln, das sei Zynismus. „Politik ohne Humanität ist Zynismus.“ Schavan forderte in St. Moritz, den Satz „Wehret den Anfängen!“ nicht zur Floskel verkommen zu lassen, und wünschte sich einen Perspektivenwechsel in Europa. „Den Menschen muss wieder ein Gesicht gegeben werden.“ Die Zuhörer quittierten die Predigt nach kurzer Stille mit viel Applaus.

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