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Foto: Ulrich Wagner
Foto: Ulrich Wagner

Die Phalanx der Augsburger Hofgartenzwerge mit der drallen zwölfjährigen Braut Margl Wolkenthoulerin (ganz rechts), gefolgt vom Advokaten Lucas Hirnzwik.

Augsburg
08.05.2021

Wie fünf Zwerge in den Augsburger Hofgarten gelangten

Von Rüdiger Heinze

Plus Die drallen Grotesken stehen goldrichtig, auch weil die Entwürfe zu ihnen aus Augsburg stammen. Was hatte die Darstellung Kleinwüchsiger einst zu besagen?

Ohne den sogenannten „Dehio“, dieses „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler“, kommt auch der kaum aus, der die Schönheiten insbesondere des alten Augsburgs näher kennenlernen will. Aber mitunter führt selbst dieses fundierte Standardwerk ein wenig ins Abseits.

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Unter dem Stichwort „Hofgarten“ ist dort zu lesen: „Im Garten Zwergenfiguren des 18. Jahrhunderts nach Jacques Callot.“ Das ist durchaus richtig – aber doch auch speziell für den Standort Augsburg höchst dürftig, weil ein anderer Künstler für die fünf Zwergenfiguren am Seerosenbassin im Hofgarten viel wichtiger war: der Augsburger Verleger und Kupferstecher Martin Engelbrecht (1684–1756).

Gewiss, Engelbrecht berief sich auf Callot, aber so, wie die Zwerge sich in ihrer leicht derben Darstellung zeigen, kommen sie aus seiner eigenen Erfindungskraft: die dralle zwölfjährige Braut Margl Wolken-thoulerin, daneben der Advokat Lucas Hirnzwik, dann der Pilger Bartholdus Gursakawiz, schließlich der vorgebliche Primas der Prager Juden, Natan Hirschl, und der botavische Bootsknecht Dan Hagl.

Über den Ammersee gelangten die Zwerge nach Augsburg

Engelbrecht ließ sie nämlich Anfang des 18. Jahrhunderts in Augsburg zusammen mit dutzenden anderer zwergenhafter Karikaturen als „Neü eingerichtes Zwerchen Cabinet“ zur Schaulust und Belustigung kupferstechen und drucken. Es war eine andere Zeit. Und ein unbekannter Bildhauer fertigte dann in der Folge die Sandstein-Skulpturen, deren Weg vom Anwesen des Sammlers und Hofrats Sigmund Röhrer am Ammersee (1920er-Jahre) bis zum Hofgarten (ab 1964) der kundige Augsburg-Historiker Franz Häußler bereits detailliert aufgezeichnet hat.

Aber ob gedruckt oder in Stein gehauen: Wie hoch der Anteil schöpferischer Erfindung, wie hoch eine mögliche Realitätsanlehnung bei den einzelnen Zwergenfiguren Engelbrechts sein könnte, dies wäre ein noch offenes Forschungsgebiet.

Aber gehen wir doch, weil’s spannend ist, noch den Schritt zurück zu dem französischen Zeichner und Radierer Jacques Callot (1592– 1635). Er lebte und arbeitete zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Florenz, wo am Medici-Hof von Cosimo II. – wie an so vielen Höfen Europas – kleinwüchsige Menschen den Hofstaat bei Laune zu halten hatten, zusammen mit dem Komponisten Girolamo Frescobaldi. Ähnlich war es auch unter Karl I. in London, unter Rudolf II. in Prag, unter Philipp IV. in Madrid – in Öl festgehalten unter anderem von Anthonis van Dyck, Frans Pourbus d. J., Diego Velázquez.

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Foto: Ulrich Wagner
Foto: Ulrich Wagner

Eine der Figuren im Detail.

Callot tat Vergleichbares eben in Florenz; er skizzierte für seine Radiermappe „Varie Figure Gobbi“ etliche schauspielernde und musizierende Hofzwerge, wobei „gobbo“ durchaus drastisch mit „bucklig“ beziehungsweise mit „Krüppel“ zu übersetzen ist. Gleichwohl waren die verwachsenen Kleinwüchsigen durchaus geschätzt an den Höfen; sie waren hilfreich und gleichzeitig Wunder der Natur, wie sie sich in anderer Form auch in den „exotischen“ Wunderkammern zeigten. Hünenhafte Menschen galten als ebensolches Wunder.

Bis die höfische „Zwergenmode“ aber die Form von Zwergengärten mit entsprechenden steinernen Figuren annahm, dauerte es. Der älteste bekannte Zwergengarten, entstanden nach 1690, befindet sich im Salzburger Mirabellgarten – wie überhaupt nördlich und südlich der Alpenkette eine Verdichtung barocker Residenz-Zwergengärten zu finden ist.

Martin Engelbrecht hatte stilbildenden Erfolg

Und dann befeuerte eben um 1710 Martin Engelbrecht in Augsburg mit seinen Karikaturen, Gnomen, satirischen Grotesken inklusive Spottversen das mehr oder weniger reißerische Interesse für abnorme Kabinette. Man kann sogar sagen: mit einigem stilbildenden Erfolg. Steinskulpturen nach seinem Vorbild stehen nicht nur im Hofgarten von Augsburg, wo sie quasi in der „richtigen“ Stadt am „richtigen“ Platz zu finden sind, sondern zehnfach auch im oberöstereichischen Gleink, darunter übrigens ebenfalls der Advokat Lucas Hirnzwik, sowie in der Sammlung des Grünen Gewölbes von Dresden – dort in Form von kleinen Elfenbeinfiguren, auch dort Natan Hirschl und Bartholdus Gursalkawiz zeigend.

Man sieht: Die Engelbrecht-Motive kamen rum, und noch mehr rum kamen sie in Form des frühesten Meißner Porzellans – und auch des Wiener Porzellans. Neben Engelbrecht hatten übrigens auch andere Augsburger Grafiker guten Stand beim „weißen Gold“. Erst die Aufklärung bremste die Mode.

Aber der Zwerg kam zurück. Literarisch und in Form von Backmodeln und als Zierde von Ofenkacheln. Da waren sie, die einstigen Spaßmacher und wahrheitskündenden Narren am aristokratischen Hof, mitten in der Volkstümlichkeit angekommen. Zur Folge gehört auch: Der einstige Hofzwerg mutierte noch in eine weitere Form von Gartenzierde. Gerne mit Schaufel und roter Zipfelmütze.

 

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