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Serie

03.11.2018

Augsburg am Vorabend der Revolution

Augsburger Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg: in der Spinnerei und Weberei Augsburg.
Bild: Stadtarchiv Augsburg

Was geschah im November 1918? Die Bevölkerung ist kriegsmüde. Und plötzlich streiken die Soldaten in Kiel. Das hat Auswirkungen bis tief in den Süden.

Augsburg im Oktober 1918: Der Krieg dauert inzwischen vier Jahre und kostet jeden Tag neue Menschenleben. Todesanzeigen künden vom Verlust des Sohnes, des Ehemanns, des Geliebten …

Doch der Tod droht nun auch in der Heimat: Eine Grippewelle rafft allein in Augsburg 150 Menschen dahin, darunter nicht nur ohnehin geschwächte, sondern auch viele junge Menschen. Schulen und Kindergärten werden geschlossen, die Zeitungen geben Ratschläge, wie man sich am besten gegen die Grippe schützen kann.

Viele sehnen sich nach einem Ende des Kriegs

Und dann steht der Winter vor der Tür: Aufgrund der Lebensmittelknappheit drohen erneut Hunger und aufgrund der immer schlechteren Versorgung mit Kohlen kalte Öfen und Dunkelheit in den Wohnungen. Viele Menschen sehnen sich nach einem schnellen Ende des Krieges und des sinnlosen Gemetzels an den Fronten.

Politisch aufgegriffen wird diese Haltung vor allem von der USPD, die sich 1917 von der SPD abgespalten hat und auch den von der SPD mit dem kaiserlichen Militär abgeschlossenen „Burgfrieden“ ablehnt. Bereits im Januar 1918 hatte sie zu Streiks in den Rüstungsbetrieben aufgerufen, um der Forderung nach einem schnellen Kriegsende Nachdruck zu verleihen. So organisierte etwa Kurt Eisner von der USPD in München einen Streik in den dortigen Rüstungsbetrieben.

Vorbereitungen auf Streiks

Doch in Augsburg war es ruhig geblieben: Die Ursache dafür dürfte darin liegen, dass die USPD in Augsburg kaum vertreten war und sich die Augsburger SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre an den „Burgfrieden“ und dem damit verbundenen Verzicht auf Streiks hielten. Im Gegenzug waren führende Gewerkschaftsfunktionäre vom Kriegsdienst zurückgestellt worden, um an der „Heimatfront“ in den Rüstungsbetrieben für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch konnten diese bei unbotmäßigem Verhalten sofort eingezogen werden, wie das Beispiel des Augsburger Sekretärs des Textilarbeiterverbands Joseph Feinhals zeigt: Diesem wurde in einer anonymen Anzeige im April 1917 vorgeworfen, „dass er sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit an die Spitze eines Aufruhrs setzen würde, um den Krieg zu beenden“. Als Reaktion darauf wurde für Feinhals eine „unauffällige Überwachung“ angeordnet.

Sollte es trotzdem in einem der zahlreichen Augsburger Rüstungsbetriebe zu einem Streik kommen, so lagen Blanko-Plakate bereit, um die Arbeiter unter Militärrecht zu stellen. Wichtigster Rüstungsbetrieb in Augsburg war die M.A.N., bei der fast 10000 Menschen, darunter über 3000 Frauen, arbeiteten. Dort wurden bis Kriegsende 394 U-Boot-Motoren produziert. Zu den kriegswichtigen Betrieben zählten daneben die Maschinenfabrik Riedinger, Keller & Knappich, die Zahnräderfabrik Renk und die erst 1917 gegründeten Rumpler-Flugzeugwerke. Auch die Textilindustrie war auf Kriegsproduktion umgestellt worden, so wurden etwa bei der SWA Geschosshülsen gereinigt und Geschosskörbe repariert.

Der Befehl für ein letztes Gefecht

Ende Oktober 1918 kommt es auf Reichsebene zu einer Demokratisierung, SPD-Minister werden in die Reichsregierung des Reichskanzlers Max von Baden aufgenommen – eine Voraussetzung für die, auch von der Obersten Heeresleitung dringend geforderten, Waffenstillstandsverhandlungen mit den Westmächten. Zeitgleich gibt aber die Marineführung den Befehl, zu einem letzten Gefecht gegen die überlegene britische Marine auszulaufen, um so in Ehren unterzugehen. Doch die Schiffsbesatzungen verweigern sich diesem selbstmörderischen Befehl und übernehmen selbst das Kommando auf den Schiffen.

Die Nachricht von den meuternden „roten Matrosen“ verbreitet sich wie ein Lauffeuer im gesamten Reich, die Rufe nach einem „Ende des Krieges“ und einer „Revolution“ werden immer lauter.

Am Donnerstag, dem 7. November 1918, veranstaltet daher die Münchener SPD eine Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Diese nutzt Kurt Eisner von der USPD, um die in Massen anwesenden Arbeiter und Soldaten aufzufordern, die Münchner Kasernen zu besetzen. Als sich dann ein Protestzug in Bewegung setzt, stößt er kaum auf Widerstand, sodass bis zum Abend alle Kasernen besetzt sind. Noch in der Nacht wird in München ein Arbeiter- und Soldatenrat unter Führung von Kurt Eisner gewählt, der das Ende der Wittelsbacher-Dynastie verkündet. Bayern ist fortan ein „Freistaat“, eine demokratische Republik.

***

In der Serie Augsburg und die Revolution erzählt der Historiker Reinhold Forster in loser Folge die Geschichte vom November 1918 bis zum Mai 1919. Weiter geht es am Donnerstag, 8. November, als die rote Fahne über dem Augsburger Rathaus wehte.

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