Ausstellung

25.05.2019

Aus dem Arzneischrank der Natur

Die Pflanzen im Eichstätter Garten des Fürstbischofs, hier eine Kaiserkrone, gelangten durch das monumentale Pflanzenbuch „Hortus Eystettensis“ (erschienen 1613) zu großer Berühmtheit.
Bild: Universitätsbibliothek Augsburg

Pflanzenbücher aus sechs Jahrhunderten hat die Universitätsbibliothek aus ihren Schätzen herausgeholt. Im künftigen Medizinstudium könnten diese Bände eine Rolle spielen

Solche Arzneimittel genießen gewissermaßen von Natur aus höchstes Vertrauen: Was pflanzlicher Herkunft ist, gilt prinzipiell als völlig ungefährlich und wird unbedenklich eingenommen. „Viele Patienten denken so – und manche Mediziner glauben es auch“, sagt Prof. Martina Kadmon, die Gründungsdekanin der neuen Medizinischen Fakultät an der Uni Augsburg, und man hört ihre Vorbehalte. Die Ärztin möchte Phytopharmaka – so heißen sie im Ärzte- und Apothekerjargon – nicht in Bausch und Bogen verdammen. Schließlich machen sie in 2018 über 30 Prozent aller Arzneimitteleinkäufe in Deutschland aus. In der Medizinerausbildung verlangt die Dekanin freilich, „evidenzbasierte Anwendungen“ zu vermitteln.

Davon sprach sie am Donnerstagabend bei der Eröffnung der Ausstellung über Augsburger Pflanzenbücher aus sechs Jahrhunderten in der Universitätsbibliothek. Der Medizinischen Fakultät steht hier ein kulturhistorischer Schatz zur Verfügung, der gehoben werden will. Immerhin wurden in Augsburg mit die ältesten medizinischen Fachbücher gedruckt, auf die sich die Professoren der Fakultäten in Wien und Ingolstadt beriefen. Auf ihre Spuren hat sich der Germanist Prof. Klaus Wolff (Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit) geheftet.

Seine Schülerin Julia Vollweiler hat sich in die Bestände eingearbeitet und zusammen mit Bibliothekar Peter Stoll die Ausstellung gestaltet, die in der Schatzkammer der Bibliothek zu den Originalen führt. An Raritäten fehlt es nicht. Auf dem Weg durch sechs Jahrhunderte begegnet man prachtvollen Folianten und handlichen Kompendien, reich illustriert mit Holzschnitten und teils aufwendig kolorierten Kupferstichen. Hohe Wissenschaft wechselt sich ab mit eher populären oder ausgesprochen kuriosen Texten.

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Wie sonst sollte man die „Botanik für Frauenzimmer und Pflanzenliebhaber, welche keine Gelehrten sind“ verstehen, die 1795 in Weimar erschien. Eine „Stubentapete für die Jugend“ macht spielerisch mit Giftpflanzen wie dem Hahnenfuß bekannt, die ihnen beim Spielen in Garten, Flur und Wald gefährlich werden konnten. Satire und bitteren Ernst zugleich enthält die Abbildung, wie der berühmte französische Botaniker Joseph Pitton de Tournefort 1708 in Paris tödlich unter die Räder gerät. In die Kutsche platzierte der Zeichner boshafterweise einen eitlen, vornehm gekleideten Arzt, dem die Passanten huldigen. Die Schulmedizin schaltet die Naturheilkunde aus…

Vor ein paar Jahren ist laut Dekanin Martina Kadmon ein Querschnittsbereich „Rehabilitation, Physikalische Medizin, Naturheilverfahren“ in die ärztliche Approbationsordnung aufgenommen worden. Schön wäre es, sagt sie, wenn das neue Augsburger Medizinstudium in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten erfolgen könnte, um mit den Wirkstoffen auch die Pflanze selbst kennenzulernen. Genaue Kenntnis der Pflanzen tut bei der ärztlichen Anwendung allemal not, denn mitunter enthalten sie laut der Dekanin ein nicht geringes Risikopotenzial. Johanniskraut hat erhebliche Wechselwirkungen etwa mit Marcumar, Digitalis hilft bei Herzschwäche, beeinflusst aber den Kaliumhaushalt.

Worauf zu achten ist, beschreiben seit jeher die Handbücher der Botaniker, die neben dem wissenschaftlichen Text meist aufschlussreich illustriert waren. In der Unibibliothek lassen sich die Werke der „Väter der Botanik“ studieren: die umfassende Pflanzenkunde Indiens von Hieronymus Bock (1498–1554) und das „New Kreüterbuch“ von Leonhart Fuchs (1501–1566) aus Wemding. Das Druckwerk von 1543 enthält über 500 Abbildungen, darunter die ersten Darstellungen von Pflanzen aus der Neuen Welt wie Mais, Kakteen und Tabak. Aus adeliger Hand stammt der „Atlas der Heilpflanzen des Praelaten Kneipp“ – 1905 vom österreichischen Erzherzog Joseph Karl Ludwig aufgelegt. Kaum zu glauben ist, dass die Uni das weltweit einzig nachgewiesene Exemplar „Der Allgäuer Kräutersammler“ (1877) besitzt, das die Alpenflora vollständig auflistete.

, geöffnet Mo.–Fr., 8.30–21.30 Uhr, Schatzkammer bis 16 Uhr

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