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Theater-Premiere

11.03.2018

Aus dem Qualm schält sich die Utopie heraus

Im Paradies: vorne der Darsteller Roman Pertl, dahinter Marlene Hoffmann, hinten Sebastian Baumgart, Katharina Rehn und Patrick Rupar.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Am Theater Augsburg geht es um 1968, um Theorie und Revolte – und um unsere Zukunft, wenn Mensch und Maschine eins geworden sind.

Zur Aufführung kommt eine Collage, eine Aneinanderreihung von Zitaten, gespeist aus dem heiligen Theorie-Ernst von 1968. Der Kapitalismus muss weg, endgültig, das System ist marode, der Mensch ein Spielball der Unternehmen, gefangen zwischen Pfanni und BMW. Gespeist auch von der Musik, die alles auf den unerfüllten Lustpunkt bringt: „I can’t get no satisfaction“.

Dieser Text, den Peer Ripberger geschrieben und im Theater Augsburg inszeniert hat, dreht sich im Kreis. Immer wieder üben die fünf Darsteller in den schwarzen Existenzialisten-Outfits sich darin, ihre vorläufigen Punkte für eine Kulturrevolution möglichst schmissig im Chor vorzutragen. Erstens, wir leben in einer vorrevolutionären Phase, zehntens: Alle Macht der Fantasie. War es gut so, kam die Botschaft an?

Der Vortrag greift das Publikum in der ausverkauften Brechtbühne vor allem physisch an. In einem fort wird geraucht, manchmal auch gekifft. Die Theoriegebäude werden in dichtestem Qualm errichtet. Wenn das heißen soll, dass im Gesagten viel heiße Luft mitschwingt, wäre das ein ziemlich guter Kniff. Das wird aber nicht klar.

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Die freie Liebe trifft auf Augsburg

Ripberger hält sich in seinem Theaterabend „1968: Geschichte kann man schon machen, aber so wie jetzt, ist’s halt scheiße“ an den Ton der Zeit. Theorien stehen neben der Entrüstung, was mit dem Müll geschehen soll. Die freie Liebe trifft auf Augsburg: die Ilse mit der großen Oberweite – zum Verlieben. Gesprochen wird im Stakkato, mal allein, mal im Chor, es gibt keine Personen, keine Figuren, nur den Text. Teilweise sind die Themen erschreckend aktuell, wenn die Frauen einen Exkurs über die Bedeutung der Emanzipation der Frau für die Gesellschaft halten. Aber vorrevolutionäre Zeit? Die Revolution gab es 20 Jahre später in der DDR – friedlich und ohne theoretischen Überbau.

Stark wird der Abend, wenn die Schauspieler in der Pause weiterspielen, sie das Publikum auf die Straße holen, dort mit dem Megafon im Stil von Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ Reden halten. Sehen, mitmachen und darüber sprechen gehen in der Pause nahtlos ineinander über.

Ein Abend tatsächlich für die Nase

Danach sitzen alle wieder im Saal, jetzt im Jahr 50 nach der Revolution irgendwann in der Zukunft, wenn Mensch und Maschine eins geworden sind. In einem Bühnen-Dschungel (von Raissa Kankelfitz) lustwandeln die Darsteller in weißen Kostümen. Statt Zigarettenqualm duftet es tropisch fein. Ein Abend tatsächlich für die Nase.

Allerdings hinterlässt das Science-Fiction-Arkadien Fragezeichen. Gaia, das Kontrollgehirn, erzählt den Heutigen, wie das Paradies entstanden ist. Nur, wie spricht sie aus der Zukunft? Ihre Ausführungen klingen wissenschaftlich, erzeugen aber viel zu oft keine Bilder. Der Cyborg ist Realität geworden. Mensch und Maschine sind eins. Die Geschlechtergrenzen sind aufgehoben, die Arbeit auf ein Minimum reduziert. Auf der Bühne arbeitet eine Darstellerin an den Pflanzen, während die anderen vier sich aneinander amüsieren. Aus Flirten wird Streicheln, aus Streicheln eine heftige Männer-Knutschszene. Es gibt kein Privat und Öffentlich mehr, aber wer zuletzt in die Badewanne kommt, liegt oben im Trockenen. Im zweiten Teil plätschert der Text am Publikum vorbei, der starke Eindruck des Mensch-Maschinen-Dschungelreichs verpufft, wenn es am Ende nur um Sex in einer Badewanne geht. Viel Applaus, einzelne Buhrufe und ein paar Zuschauer, die aus diesem Paradies geflohen sind.

Vorstellungen bis zum 27. Mai.

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