Konzert
26.11.2018

„Babylon Berlin“ im Friedberger Schloss

Von Manfred Engelhardt

Gene Pritsker hat den Soundtrack zur Kultserie geschrieben. Er zeigt sich als mitreißender Universalmusiker

Er ist ein Künstler, der keine Tabus und Genres, keine strengen Richtungen kennt. „E- oder U-Musik, das ist bullshit“ – das sagt Gene Pritsker. Und so kann man ihn eigentlich auch nicht einengend einen Jazz-Musiker nennen, wiewohl seine Teilnahme quasi als „artist in residence“ beim Festival „Outreach Musik“ im Friedberger Schloss sich schon vor allem gehörig „jazzy“ anhörte. Der in New York mit seiner Familie lebende, 1971 in Russland geborenen Musiker ist (fast) alles, nur nicht zu fassen: Komponist, Dirigent, Rapper, Arrangeur, Gitarrist, natürlich aufregender Jazzer.

Das dreitägige, von der Stadt Friedberg veranstaltete und von Peter Oswald organisierte Festival zog denn auch abenteuerliche musikalische Schleifen mit ebensolchen Themen. Zwischen dem Abend „Trumpet Madness“ (Untertitel: „ein fröhliches Blechgemetzel“) am Donnerstag und dem am Samstagsprogramm „Gene & Mozarts Stiefgroßmutter“, dem recht kreativ Amadé ausgeliefert war, wurde „Berlin Style“ platziert.

Der Allrounder präsentierte dabei Arrangements, die er als Filmmusik der inzwischen kultigen TV-Serie „Babylon Berlin“ zulieferte. Hauptregisseur Tom Tykwer lieferte ihm die Musikthemen und Szenen dieses grandiosen Großstadt-Dramas aus dem Berlin der 20er Jahre, einem Epos mit Sex, Crime, Korruption und authentisch eingeflochtener History. Für Konzertzwecke hat Gene Pritsker daraus eine „Berlin Suite“ erstellt, die er als Dirigent fulminant mit den neun Musikern, durchwegs Augsburger bzw. regionaler Herkunft, realisierte: Piano, Schlagzeug, Kontrabass, Trompete, Posaune, Saxofon und Klarinette sowie in einigen Nummern auch Violine und Cello.

Pritsker, der zwar eine präzise klassische Schlagtechnik hat, ist mehr als Dirigent. Wie er fast pantomimisch, geradezu mit berserkerhafter Tanzchoreografie die jazzig angeordneten Passagen, die solistischen Themenübergaben, die instrumentalen Paarungen einfordert, dabei eine aufheizende Skala aus freudig-lockerer Coolness und Explosivität ausstrahlt, übertrug sich auf die fantastischen Musiker. Die Mischung aus swingender Euphorie, anrührenden Salon-Gigolo-Anmutungen, naiv-nüchterner sachlicher Atmosphäre à la Kurt Weill, tristem Moritatenton und tänzerischen Charleston-Zuckungen kam beim Publikum bestens an. Ebenso seine von „Babylon Berlin“ unabhängigen eigenen Groove- und Swing-Juwelen. Gene Pritsker in Friedberg – das passte.

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