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Der Leiter des Bach-Chors

17.07.2018

"Bachs Musik ist süffig wie ein Glas Rotwein"

Hansjörg Albrecht wird mit dem renommierten Münchner Bach-Chor und dem Bach-Orchester in Evangelisch St. Ulrich auftreten.
Bild: Mats Karlsson

Der weltbekannte Dirigent Hansjörg Albrecht kommt mit seinem Münchner Bach-Ensemble erstmals zu einem Konzert nach Augsburg.

Der renommierte Münchner Bach-Chor und das Bach-Orchester eröffnen am 27. Juli in Evangelisch St. Ulrich die neue Reihe der „Augsburg Konzerte“. Ist es tatsächlich sein erster Auftritt in Augsburg?

Hansjörg Albrecht: Zumindest seit den 1980er Jahren. In den Aufzeichnungen Karl Richters habe ich nichts darüber gefunden. Obwohl Augsburg so naheliegend war.

Sie haben dann ja noch ein ganz eigenes Motiv, nach Augsburg zu gehen?

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Albrecht: Vor einem halben Jahr hat mich der Komponist Wilfried Hiller darauf angesprochen: Wusstest du eigentlich, dass Carl Orff drei Jahre lang den Münchner Bach-Verein geleitet hat? Dieser ist Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden. Doch schon 1842 hat Franz Lachner in München die erste Matthäuspassion aufgeführt und tiefen Eindruck hinterlassen. Bach war nie in Bayern, aber er war in Bayern sehr präsent durch Familienmitglieder in Coburg und Schweinfurt, durch Schüler in Memmingen, Kaufbeuren und Augsburg an St. Anna. Wir versuchen jetzt, nach und nach an die Orte in Bayern zu gehen, wo Bach präsent war, weil das der Grundpfeiler unserer Arbeit war.

Bach geht immer. Was macht den Thomaskantor so unsterblich?

Albrecht: Bach ist wahnsinnig menschlich, aber seine Musik ist ein Weltwunder, das zum Glück keiner erklären kann, sie bleibt Mysterium. Sie spricht in allen Menschen etwas an, es reichen die ersten Takte eines Stückes. Die Menschen kommen zur Ruhe, sie werden in eine unglaubliche Seelentiefe hineingezogen. Seine Musik ist wie Meditation.

Aber jede Zeit hört Bach anders und spielt Bach anders?

Albrecht: Das ist gut und richtig so. Sie können seine Werke auf einer noch so schlechten Orgel und mit einem schlechten Orchester spielen, aber die Musik klingt trotzdem. Bach ist wie ein Steinbruch, wo sich jede Generation dran versucht, ihre eigene Deutung zu finden.

Für welche haben Sie sich entschieden?

Albrecht: Seit Aufkommen der historischen Aufführungspraxis hat man versucht, die Grammatik besser zu verstehen. In vielen Ausgaben steht nur Forte und Piano, sonst nichts. Man muss wissen, dass, wenn die Melodie nach oben steigt, das automatisch mit einem Crescendo verbunden ist. Wenn man diese Grundregel von schwer und leicht kennt, kommt ein anderes Klangbild zustande. Bachs Musik ist süffig wie ein volles Glas Rotwein – zwar absolut klar wie eine mathematische Anwendung, aber sie darf wie eine Urgewalt die Menschen hinwegfegen und sie mitreißen.

Was machen Sie im Münchner Bach-Chor nicht mehr so wie Karl Richter?

Albrecht: Es gab ein Jahrzehnt, da war alles perfekt gemacht, aber es war, als ob ein Gerippe seziert wird. Bach ist und bleibt sinnliche Musik mit einem unglaublichen Ausdruck. Wir haben verkleinerte Besetzung, der Klang ist durchsichtig. Ich gehe vom Wort aus wie bei einem Schubert-Lied und lasse die Musik sprechen. Das ist sehr plastisch und kann sehr dramatisch werden. Schöne Musik allein wäre mir zu langweilig.

Sie führen in Augsburg ein Oster-Oratorium auf. Dieses Bach-Werk scheint mir ziemlich unbekannt zu sein?

Albrecht: Wir sind eingeladen zum Abschlusskonzert der Orff-Festspiele in Andechs. Der Veranstalter wünschte ein Werk Bachs, wo es um Auferstehung geht. Denn dort wird es in Kombination mit einem Oster-Mysterienspiel von Orff gespielt. Anders als in Oratorien üblich wird in Bachs Oster-Oratorium nicht die biblische Erzählung von einem Evangelisten vorgetragen, sondern das Geschehen in frei nachgedichteter Form wiedergegeben.

Wieso kombinieren Sie in Augsburg Bach mit dem Zeitgenossen Arvo Pärt?

Albrecht: Pärts Berliner Messe von 1990 ist eine unglaublich meditative Betrachtung, man kommt fast in einen stillen Flow rein – ein ganz langsamer Flug über das Meer, ohne Klippen, ohne Kanten. Wissen Sie, ich bin musikalisch breit aufgestellt, ich habe Orchester dirigiert, Cembalo, Orgel und Klavier gespielt – vor allem in Liederabenden von Peter Schreier. Viele packen mich gern in die Bach-Kiste, aber ich dirigiere auch Mahler, Strauss oder Wagner.

Zu Johann Sebastian Bachs 268. Todestag führen der Münchner Bach-Chor und das Bach-Orchester am Freitag, 27. Juli, um 20 Uhr in Evang. St. Ulrich u.a. Bachs Oster-Oratorium und die Berliner Messe von Arvo Pärt auf.


Zur Person:

Hansjörg Albrecht, 1972 in Freiberg/Sachsen geboren, kam mit acht Jahren in den Dresdner Kreuzchor. Als Assistent des Organisten von St. Michaelis zu Hamburg studierte er Orgel und Dirigieren. Mit Peter Schreier reiste er als Assistent fünf Jahre durch die Welt. Seit 2005 ist er künstlerischer Leiter des Münchner Bach-Chores.

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