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Staatstheater Augsburg

23.01.2019

Bald pilgert die Schauspielerin Katharina Rehn wieder

Einen Marathon hatte die Schauspielerin Katharina Rehn zu Beginn dieser Spielzeit zu absolvieren. Sie musste drei große Rollen innerhalb von kurzer Zeit einstudieren und sehr viel Text dafür lernen.
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Einen Marathon hatte die Schauspielerin Katharina Rehn zu Beginn dieser Spielzeit zu absolvieren. Sie musste drei große Rollen innerhalb von kurzer Zeit einstudieren und sehr viel Text dafür lernen.
Bild: Richard Mayr

Drei große Rollen innerhalb von drei Monaten – die letzten Monate waren für die Schauspielerin Katharina Rehn extrem. Bald kann sie die Wanderschuhe auspacken.

Die letzten Monate waren für die Schauspielerin Katharina Rehn äußerst fordernd. Drei große Rollen musste sie lernen und mit Leben füllen. „Im Sommer habe ich mich von meinen Freunden für ein halbes Jahr verabschiedet“, erzählt sie. Damals begannen die Vorproben für „Europe Central“, die erste Bühnenadaption des 1000-seitigen Romans von William T. Vollmann. Die 28-Jährige arbeitete sich in der Ferienzeit in dieses Buch ein; ein kompliziertes Unterfangen. „Die Sekundärliteratur dazu hatte auch immer gleich 1000 Seiten“, sagt sie. Sie musste viel nachschlagen, nachlesen. Parallel hat sie sich die Dokumentation „Shoah“ angeschaut, „aber da konnte ich nur immer zehn Minuten am Stück sehen“, so sehr hat sie der Film mitgenommen. Bevor die Proben für die Uraufführung begannen, verausgabte sich Rehn als Klytaimestra in der „Orestie“ und gewöhnte sich danach für „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ eckige Roboterbewegungen an; erst Rachemutter, dann eine Maschine, zum Schluss eine Darstellerin, die ein Textgebirge zu bändigen hatte.

Rehn lacht bei einer Tasse Cappuccino. „Wenn es jetzt genauso weitergehen würde, würde ich ,Stopp‘ sagen.“ Bei ihr ist das keine leere Phrase. Als sie an der Schauspielschule in Bochum studierte, nahm sie sich mittendrin ein Jahr Auszeit, um alles zu verarbeiten und um für ihren Beruf die richtige innere Haltung zu finden. Sie erzählt auch, wie sie nach der Ausbildung zwei Wochen lang Mitglied am Berliner Ensemble war. „Eine schreckliche Erfahrung.“ Also hat sie darum gebeten, das Engagement sofort wieder aufzulösen. „Das war teuer, ich musste eine Vertragsstrafe zahlen, aber es wäre dort nicht gegangen.“ Sie fand eine Stelle am ETA Hoffmann Theater in Bamberg und wechselte vor anderthalb Jahren von dort nach Augsburg.

Bild: Richard Mayr

Dass die Schauspielsparte am Staatstheater von einem Team geleitet wird, findet Rehn toll – „eine zeitgemäße Organisationsstruktur“. Den respektvollen Umgang miteinander schätzt sie. Sie hat das ja auch schon anders erlebt. Nicole Schneiderbauer, die als Hausregisseurin zum Leitungsteam gehört, hat „Europe Central“ inszeniert. Mit diesem XXL-Abend wurde die neue Brechtbühne im Gaswerk eröffnet. Rund vier Stunden dauert der Abend.

Für die Darsteller war das erst einmal ungeheuer viel Text, den sie zu lernen hatten. Jeder der sechs Schauspieler hatte seine eigene Strategie. Rehn erzählt, dass sie sich den Wecker früh stellte und morgens lernte. Ihr persönlicher Schreckmoment hing aber nicht mit dem Text zusammen, sondern mit einem dreitägigen Butoh-Tanz-Workshop, über den Bewegung in das Stück kommen sollte. Rehn brach sich dabei einen Monat vor der Premiere den Mittelfuß. Zwei Wochen lang konnte sie an den Proben nur sitzend vom Rand aus teilnehmen.

Nun, nach sechs Monaten voller Arbeit, hat Rehn gerade nur noch abends Vorstellungstermine. Plötzlich ist Zeit, um Freunde und ihre Familie in Nürnberg und Oldenburg zu besuchen – mit dem Zug. Mit einem Lächeln sagt sie: „Autofahren verachte ich.“ Mit großen Geschwindigkeiten kommt sie nicht gut zurecht. Im Zug halte sie sie noch aus. Das Flugzeug benutzt sie nur zur Not.

Beim Pilgern verschweigt sie ihren Beruf

Also liegt es fast auf der Hand, dass Rehn sich im Urlaub am liebsten zu Fuß fortbewegt. Vor zehn Jahren fing sie an, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Seitdem macht sie das jedes Jahr. Im Februar will sie zum dritten Mal Spanien durchqueren: allein. „Die ersten fünf Tage tobt ein Sturm im Kopf“, sagt sie. Danach spüre sie nur noch Demut und auch Dankbarkeit. Anfangs erfährt sie von den Menschen, die ebenfalls auf dem Pilgerweg unterwegs sind, viel Zuwendung, später, wenn die Ruhe in ihr eingekehrt ist, kann sie auch etwas zurückgeben. Und: Wenn sie wandert, erzählt sie niemandem, dass sie Schauspielerin ist, sie läuft inkognito und ohne den Beruf im Rucksack.

Man darf sich Rehn beim Pilger-Wandern allerdings nicht nur wie eine Zen-Meisterin vorstellen, die nichts mehr erschüttert. Einmal hatte sie auf einer Hochebene in Spanien eine Woche lang Gegenwind. „Klar habe ich da geflucht.“ Aber selbst diesen Widrigkeiten kann Rehn etwas abgewinnen. Denn Gegenwind, den gibt es nicht nur in den Weiten der Meseta zwischen Burgos und León, sondern auch im Beruf. Und wem der Wind eine Woche nervtötend ins Gesicht geblasen hat, begegnet ihm auch in anderen Situationen mit anderer Widerstandskraft.

Das nächste Mal ist Katharina Rehn am Freitag, 25. Januar, um 19.30 Uhr in „Europe Central“ in der neuen Brechtbühne auf dem Gaswerk zu sehen. Die weiteren Vorstellungen sind 8. und 15. Februar, 12. und 31. März, 5., 13. und 17. April. Als Klytaimestra steht Rehn in der Orestie am 3. Februar im Martini-Park auf der Bühne.

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