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Ballett

19.05.2020

Ballettschulen fühlen sich in Corona-Krise im Stich gelassen

Die besondere Atmosphäre im Ballettsaal, wie hier auf einem Archivbild im DanceCenter No1, ist durch Online-Unterricht nicht zu ersetzen, sagen Ballettpädagogen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Viele Institute sind wegen Corona geschlossen und behelfen sich in mit Online-Unterricht. Aber das ersetzt nicht das wichtige Miteinander in der Gruppe.

Wer in der Region Augsburg eine Ballettschule leitet, musste sich bislang vor allem der ungewöhnlich großen Konkurrenz stellen. Rund ein Dutzend Ballettinstitute „kämpfen“ hier darum, den Ballettnachwuchs auszubilden und langfristig an sich zu binden. Das (Über)Leben als Ballettpädagoge war immer schon eine Herausforderung, umso mehr nimmt diese durch die Corona-Zwangspause gefährliche Dimensionen an.

Interaktion ist im Ballettunterricht wichtig

Noch gibt es bei den meisten Ballettinstituten keine oder nur einzelne Vertragskündigungen. Vielmehr berichten die Schulleiter von der erfreulich starken Solidarität, dem Verständnis und der Treue der Schülerfamilien, die es sehr wertschätzen, dass die Ballettschulen digitale Alternativen anbieten. Unabhängig davon, wie intensiv und professionell sich die meisten Schulleitungen mit den regelmäßig online gestellten Video-Tutorials oder Live-Sessions bemühen, den Kontakt zu ihren Schülern zu halten, ist allen bewusst, dass dies allenfalls Interims-Notlösungen sind. Elementar für die Tanzpädagogik seien die unmittelbare didaktische und die soziale Interaktion sowie die besondere Atmosphäre im Ballettsaal, die eine bedeutsame Rolle für das Miteinander spiele.

Erich Payer, der im Online-Ballettunterricht wenig Sinn sieht, betont die Rolle von sorgfältiger Haltungskorrektur, um Risiken und Verletzungen zu meiden. Gemeinsam mit Dimas Casinha nutzte er die Zwangspause für Renovierungsarbeiten und denkt über finanzielle Ausgleichsmöglichkeiten für den entfallenen Unterricht nach. „Wer, wenn nicht unsere Disziplin gewöhnten Tanzschüler könnten mit Distanzregelungen perfekt umgehen“, urteilt Payer, der sich jetzt persönlich ans Ministerium gewandt hat, um dort auf die unhaltbare Lage der Bayerischen Ballettschulen aufmerksam zu machen. Wie viele andere Schulen hätte auch er den nötigen Platz, um mit kleinen Gruppen zu arbeiten, die dann bereits in Tanzklamotten zum Unterricht kommen und ohne den Umweg über die Garderoben nach Hause gehen.

Ballettschulen fallen durch das Raster

Sehr schwer belastet die Augsburger Ballettpädagogen das Fehlen des verbindlichen Öffnungsdatums. Daran erst kann sich ein sinnvolles, den Distanz- und Hygienemaßgaben angepasstes alternatives Stundenplan- und Unterrichtskonzept orientieren. Die Handlungsempfehlungen des Deutschen Berufsverbandes für Tanzpädagogik sehen fünf bis zehn Quadratmeter Fläche pro Schüler vor sowie die sorgfältige Desinfektion von Ballettstangen und Händen. Doch bislang scheinen die Ballettschulen durchs Raster der Regierung gefallen zu sein – allein in Nordrhein-Westfalen durften die Schüler schon wieder an die Stangen. Solange das offizielle grüne Licht von oben fehlt, wagt sich niemand an den Regelbetrieb.

„Wir wären schon froh, wenn wir wenigstens Einzelunterricht geben dürften“, meint Angelika Szwarc von der gleichnamigen Ballettschule. Sie ist fassungslos, dass ihre täglichen Anrufe beim Gesundheitsamt komplett unbeachtet geblieben sind. Einmal pro Woche bietet sie den Schülern Übungssequenzen über Youtube an und hofft noch immer, dass der ausgefallene Unterricht in den Pfingstferien nachgeholt werden kann.

Die Wertschätzung der Familien und viele Telefonate ermutigten auch Anna Mayr (Tanzpunkt Mering). Schnell wurde deutlich, wie schmerzlich alle das Präsenz-Training vermissen, erzählt sie. Auch Mayr stellte auf digitalen Unterricht samt einem Flatrate-Angebot um. „Als Tänzer sind wir es ja schon seit Langem gewohnt, dass wir viel einstecken und dass man von uns Kreativität und Flexibilität erwartet.“

Live-Streams helfen für die Motivation

Istvan Nemeth vom DanceCenter No1 ist stolz auf die weit über 50 Video-Tutorials, die er seinen Schülern bereitstellt. „Wir haben fast schon ein kleines TV-Studio eingerichtet, um mit hoher Aufnahmequalität zu produzieren“, sagt Nemeth. Die Pädagogen kommen dort jeweils zu ihren Unterrichtsstunden in die Ballettsäle. Nemeth hat die Erfahrung gemacht, dass die Motivation zum regelmäßigen häuslichen Balletttraining besser mithilfe der Live-Streamings funktioniert – sofern das Netz mitspielt.

Mit dem Online-Unterricht hat auch die jüngste der Augsburger Schulen positive Erfahrungen gemacht. Die Spanische Ballettschule von Paco Ruiz-Echarri Laguna feierte im April einjähriges Bestehen und plante für Mitte Juli ihre erste Präsentation im Abraxas. Laguna zeigt seine digitalen Einheiten über Youtube bewusst nicht vom Ballettsaal seiner Schule aus, sondern von zu Hause, sodass die Schülerinnen eine Vorgabe haben, sich das heimische Trainingsareal einzurichten – mit Stuhl oder Tischkante statt der Stange. Auch er setzt auf die Kombination von „Zoom“ und Videoaufnahmen für die Nachbereitung. Aber alle seine Hoffnungen ruhen auf einem optimalen Schuljahr ab September.

Spaß-Choreografien halten bei Laune

Daniel Zaboj hat die Schüler seiner Tanz-und Ballettakademie sofort nach der Schließung mit digitalem Stangentraining über Facebook versorgt. Als Zugabe hat er Spaß-Choreos erarbeitet, die er in der Dusche oder im Schrank seiner Wohnung tanzte. „Irgendwie muss ich meine Schülerinnen und mich ja bei Laune halten“, meint er achselzuckend. Das fällt schwer in Zeiten, in denen ihm aufgrund der unerbittlich hohen Miete das Wasser bis zum Hals steht und die Existenz der Ballettschule bedroht ist. In seiner Heimat Tschechien, erzählt Zaboj, unterstütze man Unternehmer mit der 50-prozentigen Übernahme von Gewerbemieten. Er hat in seinen Räumen seit Langem schon die Desinfektionsspender installiert und den Eingangsbereich der Schule mit Trennwänden geteilt. Fehlt nur noch die heiß ersehnte Öffnungserlaubnis.

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