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Entdeckung

11.11.2020

Baum und Geier: Ein frühes Bild zu Brechts erstem Gedicht

Gerda Rutsche will ihr Hinterglasbild zu Brechts frühestem Gedicht über den Geierbaum über Brechtforscher Jürgen Hillesheim ins Brechthaus abgeben.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Schon 1978 hat Gerda Rutsche den „Geierbaum“ illustriert. Ein Zeitungsartikel bewog sie nun zur Übergabe an den Brechtforscher.

Das Gedicht hat sie zuinnerst angesprochen: Da ringt ein Baum mit einem Schwarm Geier, die ihn vernichten wollen. Er ist stark, seine Wurzeln reichen tief und er kämpft einen ganzen Tag „von Hahnenschrei bis Mitternacht“ mit den Vögeln. Zum Trotz will er Blüten treiben, wie es der Frühling gebietet.

Gerda Rutsche, eine geübte Hinterglasmalerin, fühlte sich tief verbunden mit dieser vitalen Kraft und malte deshalb 1978 eine farbenprächtige Illustration zu diesem Gedicht Bertolt Brechts. Was die Tourismus-Fachfrau, die vor Götz Beck den Verkehrsverein Augsburg (heute Regio Tourismus) leitete, damals nicht wusste: Das Lied vom Geierbaum ist das früheste Poem des jungen Dichters. Im Alter von 14 Jahren schrieb er es im Juli 1912, wie Brechtforscher Jürgen Hillesheim inzwischen zweifelsfrei nachweisen kann. Als unlängst in unserer Zeitung ein Artikel über die Beschäftigung Brechts mit den Bäumen erschien, entschloss sich Gerda Rutsche, Hillesheim ihr Hinterglasbild zu zeigen. Verbunden mit der Anregung, es ins Brechthaus zu hängen.

Brechtforscher war sofort Feuer und Flamme

Der Leiter der Augsburger Brechtforschungsstelle war sofort Feuer und Flamme: ein Augsburger Bild zu einem Augsburger Gedicht. „Das ist wirklich ein Glücksfall“, begeistert er sich. Besser konnte es nicht zueinander passen. Zumal Gerda Rutsche in alter Augsburger Manier ihre Hinterglasbilder malt. Also nicht bäuerlich naiv, sondern in künstlerischer Überhöhung.

Den Geierbaum setzt sie solitär inmitten einer grünen Wiese, in die noch weiße Schneeflecken gesprenkelt sind. Eine grauschwarze Gebirgskette schließt das Bild nach hinten ab, ein Zaun rückt den Baum in die Bildmitte. Die Nacht fällt schon in dunklem Blau ein, es liegt eine düstere Stimmung über der Szene. Die Geier mit ihren weißen Krägen und dem braunen Gefieder besetzen die Äste und malträtieren den Baum nach Leibeskräften. „Zerhauen im Sturz ihm den zitternden Leib und zerstücken ihm Knospe und Glied“, dichtete Brecht im dramatischen Bild.

Gerda Rutsche wünscht sich, dass ihr Hinterglasbild im Brechthaus einen Platz findet.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Die mächtigen Bäume an der Kahnfahrt

„Ich habe immer gern Bäume gemalt“, erzählt Gerda Rutsche, die im September „gesund und munter und voller Energie“ gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat. Offensichtlich fasziniert sie deren zähe Widerständigkeit. In Brechts Gedicht heißt es: „Da bebte die Wurzel unten, ganz unten, tief unter der Erde. Aber er stemmte sich doch in die Erde, er, der sich gegen den Himmel nicht wehrte. Aber er stemmt sich und steht.“ Dieser Baum im Kampf mit den feindlichen Geiern aktiviert in der Bedrängnis seine Lebenskraft und treibt über Nacht Blüten und Blätter. „Es ist wirklich ein Lenzgedicht“, bekräftigt die Malerin. Der Baum steht, strebt nach oben und will groß werden. „Oh, seine Zweige spannte er jubelnd weit, weit, denn es war eine Frühlingsnacht“, schrieb Brecht, der sich damals noch Eugen rufen ließ. Auch er wuchs mit Bäumen auf, die in der Bleich rund um die Kahnfahrt mächtig in den Himmel strebten. „Brecht hat den Baum immer als Individuum gesehen“, sagt Gerda Rutsche.

Zu seinem 20. Todestag im August 1976 hatte sie erstmals Stadtführungen auf den Spuren des jungen Brecht angeboten. Der rebellische Dichter war vielen Augsburgern damals noch nicht geheuer. „Erst als 1985 das Brechthaus eröffnet wurde, hat man ihn als großen Sohn der Stadt anerkannt“, erinnert sich die ehemalige Tourismusdirektorin. Dort, im Geburtshaus Auf dem Rain, sähe sie ihr Bild vom Geierbaum gern hängen. Viel Platz beansprucht das 16 x 22 Zentimeter große Gemälde nicht. Gut würde es in den Raum mit dem mütterlichen Schlafzimmer, den frühen Fotografien des jungen Brecht und dem Armband für seine Jugendliebe Paula Bi Banholzer passen – „ein hübscher Farbklecks, der sein frühestes Gedicht aufruft“ (Hillesheim).

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