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Interview

06.02.2020

Beryl Magoko wurde beschnitten: "Für diesen Schmerz gibt es keine Worte"

Mit ihrem Film „In Search …“ erzählt Beryl Magoko (rechts) viel von sich selbst. Sie will ergründen, ob sie sich einer Operation unterziehen soll, die weibliche Genitalien wieder rekonstruiert. Hier ist sie im Gespräch mit ihrer Mutter.
Bild: Jule Katinka Cramer

Plus Die Filmemacherin Beryl Magoko setzt sich in ihren Dokumentarfilmen mit weiblicher Genitalverstümmelung auseinander und will über die "Tradition" wachrütteln.

Sie gehören zur Ethnie der Kuria, die in der sogenannten „Cutting Season“ von November bis Anfang Dezember junge Mädchen beschneiden. Und das, obwohl in Kenia seit 2011 weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) gesetzlich verboten ist. Wie passt das zusammen?

Beryl Magoko: Es gibt zwei Realitäten – die eine, die im Gesetzestext verankert ist, und die andere in den Dörfern und bei den Menschen, die immer noch glauben, dass es für ein Mädchen keine Alternative gibt. Für sie ist die Beschneidung die Voraussetzung für ein glückliches Leben, für eine Heirat, Kinder und Familie. Nicht beschnittene Frauen gelten als unrein.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Beryl Magoko wurde beschnitten: "Für diesen Schmerz gibt es keine Worte"

Magoko: Ich komme aus einem kleinen kenianischen Dorf. Viele Kuria glauben auch heute noch, dass eine nicht beschnittene Frau das Gemüse im Garten verdorren lässt und die Brunnen austrocknen, sobald sie damit in Kontakt kommt. Deshalb dürfen diese Frauen kein Wasser holen. Sie werden gedemütigt und ihre Familien vom Dorfleben ausgeschlossen. Für Frauen scheint Beschneidung immer noch der einzige Weg zu sein, durchs Leben zu gehen.

Aber immerhin gibt es heutzutage Möglichkeiten für junge Mädchen, sich der Beschneidung zu entziehen. In vielen betroffenen Regionen richten Nichtregierungsorganisationen Lager ein, in denen Betroffene Zuflucht suchen können. Oder sie versuchen durch Aufklärung und Beratung vor Ort Einfluss zu nehmen. Das war 1994 anders. Sie waren zehn, als sie an dem Ritual teilnahmen.

Magoko: Ja. Ich wusste nicht, dass ein Leben ohne Beschneidung überhaupt möglich ist. Und ich wollte dazu gehören, einfach nur dabei sein.

Besonders schlimm war für Sie, dass Ihre Mutter nicht dabei war.

Magoko: Ich war bei meiner Beschneidung allein. Meine Mutter war an dem Tag nicht zu Hause und ich habe mich einfach einer anderen Familie angeschlossen. Es ist ja ein Fest, in den Dörfern wird gefeiert. Aber ich wusste sofort danach, schon als Zehnjährige, dass die Beschneidung ein Fehler war. Man kann diesen Schmerz nicht beschreiben. Es gibt keine Worte dafür. Seitdem begleitet mich dieses Trauma. Ich lebe damit, jeden Tag. Selbst wenn du gerade nicht daran denkst oder nicht daran denken kannst, weil du es verdrängt hast, ist es da. Weibliche Genitalverstümmelung macht etwas mit deinem Körper. Es macht etwas mit deinem Geist. Es macht etwas mit deiner Seele. Seitdem wusste ich, dass ich unbedingt eines Tages von diesem Schmerz erzählen muss und meine Tochter vor diesem Schicksal bewahren muss. Damals wusste ich nur noch nicht wie.

Heute haben Sie mit Ihren Filmen diesen Weg gefunden. Ihr erster Film „The Cut“ ist ein viel beachteter Dokumentarfilm, den Sie im Jahr 2013 in Ihrem Heimatdorf gedreht haben.

Magoko: Ich habe dokumentiert, was bei einer Beschneidung passiert. Vorher musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten und während der Dreharbeiten habe ich die Kamera ständig aus- und wieder eingeschaltet. Aber mir war wichtig, den Willen der Mädchen zu respektieren. Ich wollte denen, die keine Stimme haben, eine Stimme geben. Und auch die Männer wachrütteln. Als ich den Film in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso zeigte, weinten einige junge Männer. Sie hatten nicht gewusst, was Beschneidung für eine Frau bedeutet. Dass sie sich so eklatant von der Beschneidung von Männern unterscheidet.

In Search ist Ihr zweiter Film zum Thema FGM. Diesmal gehen sie einen gewaltigen Schritt weiter und erzählen von sich.

Magoko: Ja, viele Jahre konnte ich meine eigene Geschichte nicht erzählen. Der Schmerz und die Schuldgefühle waren zu groß. Als ich nach meiner Beschneidung nach Hause kam, war meine Mutter entsetzt. Sie empfing mich mit den Worten, „Oh Gott! Was hast du getan!“ Das werde ich nie vergessen. Ich habe lange mit der Schuld gelebt, dass ich selbst dort hingegangen bin – natürlich wegen des sozialen Drucks. Aber ich konnte die Verantwortung auf niemand anderen abwälzen.

Worum geht es bei Ihrem Film „In Search …“?

Magoko: 2013 erfuhr ich, dass es rekonstruktive Operationen für weibliche Genitalien gibt. Ich konnte es nicht glauben. In meinem Film versuche ich herauszufinden, ob ich mich dieser Operation unterziehen sollte – oder ob das wieder ein furchtbarer Fehler ist. Ich begebe mich auf eine Reise, spreche mit anderen betroffenen Frauen und mit Medizinern. Dieser Film hat mich in mein Innerstes geführt, aber er hat mich auch zum Sprechen gebracht.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Magoko: Ich bereite einen neuen Film vor, wieder ein afrikanisches Frauenthema, aber diesmal nicht über FGM. Und ich träume davon, die finanziellen Mittel zu haben, um „In Search …“ in von FGM betroffenen Ländern zu zeigen. Und zwar nicht nur auf Festivals, sondern vor allem auf dem Land, in den kleinen Dörfern, wo mein Film andere Frauen ermutigen könnte, das Tabu zu brechen. Ich glaube, dass wir viele Kinder retten können, wenn möglichst viele von uns das Schweigen brechen.

Zur Person Beryl Magoko stammt aus Kenia und gehört zur Ethnie der Kuria. Sie studierte Grafikdesign in Mombasa (Kenia) und Kommunikationswissenschaften und Film in Kampala (Uganda). Mit zwei Studienabschlüssen und ihrem Dokumentarfilm „The Cut“ bewarb sie sich an der Kunsthochschule für Medien in Köln für den Schwerpunkt Regie. Sie erhielt ein Stipendium von der Heinrich-Böll-Stiftung. Eine ihrer Fürsprecherinnen war Claudia Roth. Für ihren Abschlussfilm „In Search …“ wurde sie weltweit mit bisher 17 Preisen ausgezeichnet, unter anderem als Best Documentary beim Africa International Film Festival. Seit fünf Jahren lebt sie in Bonn.

Filmvorführung Anlässlich des internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar, zeigt das FGM-Netzwerk Augsburg in Kooperation mit Terre Des Femmes Augsburg den Film „In Search“. Nach dem Film stehen die Regisseurin und Aktive aus dem FGM-Netzwerk Augsburg für ein Gespräch bereit. „In Search...“ wird am Samstag, 8. Februar, um 18 Uhr im Thalia Kino (Am Obstmarkt 5) in Augsburg gezeigt.

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