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Augsburg

13.11.2019

"Beste Freundinnen"-Podcast: Hauptsache unter die Gürtellinie

Meist treten „Beste Freundinnen“ incognito auf, um ihre „ultrasexuellen“ Gespräche zu führen. In Augsburg allerdings lüfteten sie das Geheimnis...
Bild: Mercan Fröhlich

Als „Beste Freundinnen“ sprechen zwei Männer über Frauen, Sex und allerlei drum herum. Der Live-Auftritt in der Neuen Kantine in Augsburg ging ziemlich daneben.

„Jetzt hab ich für euch noch ein Gedankenspiel“, kündigt Jakob kurz vor der Pause an. „Sonst wird eure gesamte Familie massakriert, deshalb müsst ihr euch entscheiden: Gebt ihr lieber ein Ei ab oder einen Zentimeter von eurem Penis? Das ist übrigens auch die perfekte Frage für Frauen beim ersten Date. Wenn der Mann spontan ein Ei opfert, weil er auf keinen Zentimeter verzichten kann, könnt ihr das Date sofort beenden.“ Das ist dann allerspätestens der Moment, in dem man den Besuch bei „Beste Freundinnen“ beenden möchte. Die Live-Version des „ultrasexuellen Podcasts“ mit Max und Jakob war am Dienstagabend in der neuen Augsburger Kantine zu Gast.

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Im Publikum: Fans. Viele melden sich auf die Frage, wer schon mehr als 100 Podcastfolgen gehört hat. Gut 160 haben die beiden seit Anfang 2015 produziert. Da war ihre Freundschaft schon ein paar Jährchen alt und die beiden fanden, es sei an der Zeit, ihre Gespräche über Frauen, Sex und allerlei darum herum regelmäßig zu veröffentlichen. Mittlerweile haben sie einige zehntausend Hörer und alles durchgekaut, was es so an Ultrasexuellem durchzukauen gibt, und weil das so erfolgreich ist, gibt es Bücher und Tour zum Podcast. Schöne neue Medienwelt rückwärts.

Podcast "Beste Freundinnen" live: Das Publikum macht sich zur Zielscheibe

Dabei wahren die beiden angeblich noch das Geheimnis ihrer Identität und selbst ihre Partnerinnen wussten lange nichts von „Beste Freundinnen“. „Max“ (der Mär nach oder vielleicht tatsächlich Erzieher und zweifacher Vater in fester Beziehung im Berliner Reihenhaus) und „Jakob“ (Player und unfreiwillig Vater, beruflich in den Medien) sind Pseudonyme, häufig treten sie mit Masken auf und lassen sich nur mit versteckten Gesichtern fotografieren. Wegen der „intimen Atmosphäre“ der Kantine nahmen sie die Masken in Augsburg ab. Näher kommt man ihnen dadurch nicht.

"Beste Freundinnen"-Podcast: Hauptsache unter die Gürtellinie

Weil es eben gerade nicht Intimität erzeugt, zu hören, ob Jakob schon mal den Penis eines anderen Mannes in der Hand hatte und wie lange Max’ längste Sexflaute war. Oder sich als Publikum zur Zielscheibe zu machen: Wer doof genug ist, die Augen zu schließen und sich dann „anonym“ zu melden, ob er schon mal fremd gegangen ist, dem kann es gehen wie Steffi aus der ersten Reihe: Plötzlich sitzt Jakob auf ihrem Schoß und will wissen, was genau passiert ist.

Die angebliche Authentizität ist Attitüde, die „radikale Ehrlichkeit“ Exhibitionismus, die „Seelenverwandtschaft“ Selbstverliebtheit. Max und Jakob bieten eine Projektionsfläche für viele junge Frauen und wenige junge Männer, die gerne mit Männern über Sex reden und im eigenen Freundeskreis kein ausreichendes Forum dafür finden.

"Beste Freundinnen" ist wie eine Kitagruppe

Comedy darf derb, tabulos und ja, auch „ultrasexuell“ sein. Aber sie muss komisch, unterhaltend oder wenigstens interessant sein, braucht eine Dramaturgie und auch eine Ethik. Es ist nicht „radikal ehrlich“, sondern unethisch, „nun ein ernstes Thema“ anzukündigen und dann doch genüsslich grinsend die Lacher für das Ausmalen der Sexualität siamesischer Zwillinge zu ernten. Der Tabubruch, soll er denn im weitesten Sinne (Klein-)Kunst sein, benötigt eine gesellschaftliche Relevanz. „Beste Freundinnen“ ist aber wie eine Kitagruppe, in der zwei Quatschköpfe ständig „Pipi, Kacka, Pups!“ rufen und immer ein paar andere lachen. Nur dass bei „Beste Freundinnen“ alle erwachsen sind. Die Veranstaltung ist ein Ventil für den Exhibitionismus und Voyeurismus der Post-Dr. Sommer-Generation.

Wer öffentlich gefragt werden (und vor Publikum darauf antworten) möchte, wo es beim Masturbieren über dem Zusammenschnitt der besten Sexszenen mit allen Ex-Freundinnen als Erstes kribbelt, und wer tatsächlich unbedingt wissen will, warum Jakob vom Sex mit einer toten Ex fantasiert, dem kann man zum Kauf der Eintrittskarte gratulieren. Wer aber außer seinen Genitalien auch sein Gehirn mit in die Veranstaltung bringt, muss selbige absolut unbefriedigt verlassen.

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