Serie: Revolution in Augsburg

23.04.2019

Blutbad in den Wertachvorstädten

Schaulustige versammeln sich an der Wertachbrücke, auf der ein Geschütz postiert ist. Dort kam es an Ostern 1919 in Augsburg zu den schwersten Kampfhandlungen, die viele Menschen das Leben kostete.
Bild: Sammlung H. May

Am Ostermontag wurden 1919 Barrikaden errichtet. Schnell kam es zu Kämpfen zwischen den Arbeitern und Regierungstruppen. Querschläger trafen Unschuldige.

„Das Stadtinnere von Augsburg ist in der Hand der Regierungstruppen. Die Vorstädte befinden sich noch in den Händen der roten Garde, welche ihren Besitzstand mit Entschlossenheit verteidigt unter Verwendung von Geschützen und Maschinengewehren. In der Mehrzahl der Arbeiterschaft herrscht eine äußerst gereizte und erbitterte Stimmung.“ So berichtet der Rechtsrat und spätere Oberbürgermeister Deutschenbaur von der BVP am Ostermontag telegrafisch an das Innenministerium in Bamberg.

Zentrum des Widerstands gegen den Einmarsch der Regierungstruppen sind dabei vor allem die Wer-tachvorstädte: Nach der Erbeutung eines Geschützes und zweier Maschinengewehre werden am Ostermontag an der Wertachbrücke Barrikaden errichtet, dabei wird der 10-jährige Paul K. „zwischen einen Möbelwagen und einer Gartensäule eingezwängt und ihm der Kopf zerdrückt“. Nun kommt es auch zu Kämpfen entlang der Eisenbahnstrecke zwischen Oberhauser Bahnhof und Wertach, bei der fünf Arbeiter ums Leben kommen.

Fast alle Fensterscheiben in der Wertachstraße gehen zu Bruch

Außerdem versuchen die Regierungstruppen vom Wertachbrucker Tor aus, den „feindlichen Geschützen den Mund zu schließen“. Dabei gehen nicht nur in der Wertachstraße fast alle Fensterscheiben zu Bruch, vielmehr werden im Viertel östlich der Wertachstraße bei diesem „Geplänkel“, so verharmlosend die Regierungstruppen, fünf Menschen in ihren Wohnungen tödlich von Schüssen oder Granatsplittern getroffen, so etwa der 29-jährige Michael B., der gerade Gast in der Wirtschaft „Zur Schwedenlinde“ in der Wolfgangstraße war.

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Der 41-jährige Josef V. wird „durch Splitter einer offenbar von den Regierungstruppen gegen Oberhausen abgefeuerten Granate schwer verletzt, als er in seiner Wohnung in der Theresienstraße mit seiner Familie im Zimmer saß und Pfeife rauchte. Die drei mittleren Finger der rechten Hand wurden vollständig, der kleine Finger fast völlig weggerissen, an der linken Hüfte erlitt er eine größere Fleischwunde“, wie es in einem Untersuchungsbericht heißt. Vogler hat Glück und überlebt, später erhält er für seine Verletzungen auch Schadenersatz durch das Reich.

Von einem Flugzeug sollen Flugblätter abgeworfen werden

Um die Situation zu beruhigen, lässt die Regierung Hoffmann Aufrufe von einem Flugzeug aus über den Wertachvorstädten abwerfen. Die Bewohner befürchten jedoch einen Bombenangriff und beginnen, auf das Flugzeug zu schießen. Und tatsächlich gelingt es, das Flugzeug so am Seitenruder zu treffen, dass der Pilot am Eisenbahndamm notlanden muss. „Gegen den Abgestürzten, der keine Verletzungen davongetragen hatte, nahm ein Teil der rasch sich ansammelnden Menge eine drohende Haltung ein.

Es fielen bedrohliche Rufe, einige Zivilisten wollten von ihren Revolvern Gebrauch machen. Leutnant Reisert hielt von einem erhöhten Platze aus eine Ansprache an die Menge, bemühte sich dazu, als Parlamentär über die gesperrte Wer-tachbrücke in die Stadt zu gehen, um vielleicht eine Einstellung der gegenseitigen Kampfhandlungen auf gütlichem Wege herbeizuführen. Als sein Anerbieten angenommen war und Reisert über die Brücke schritt, fielen einige Schüsse, die aber glücklicherweise nicht trafen“, wie die Schwäbische Volkszeitung berichtet.

Ein Waffenstillstand wird vereinbart

Als die Schießereien abflauen, nutzt das die Schäfflerstochter Luise H., um mit ihrem Freund Otto B. an der südöstlichen Ecke des großen Exerzierplatzes (heute: Dehner-Gartencenter) spazieren zu gehen, dabei wird sie aber von einem Geschoss getroffen, dass die Regierungstruppen abgefeuert haben, und am Oberschenkel verletzt.

In der Zwischenzeit gehen die Verhandlungen mit den Arbeitern an der Wertachbrücke weiter; endlich wird ein Waffenstillstand vereinbart und für den Dienstagnachmittag die Waffenübergabe der Arbeiter auf der Wertachbrücke festgesetzt. Sicherheitshalber hat aber der Befehlshaber der Regierungstruppen, Generalmajor Haas, angeordnet, am östlichen Wertachufer am kleinen Exerzierplatz – wo der „Oster-Plärrer“ bereits aufgebaut war – Artilleriegeschütze aufzustellen, um „die Wertach-Brücken und die am Ufer liegenden besetzten Gebäude und Stellungen zunächst mit Feuer aller Gattung überschütten zu können“, so der Bericht der Regierungstruppen. Doch unterbleibt der Beschuss, da es Regierungstruppen gelingt, die Wertachvorstädte kampflos zu besetzen.

Eine große Menschenmenge an der Wertachbrücke

Über die Geschehnisse bei der Waffenübergabe berichtet ein – nicht genannter – „Augenzeuge“ in der Neuen Augsburger Zeitung:

„Die Ablieferung ging ziemlich flau, weshalb eine Anzahl Regierungssoldaten gegen die Wertachbrücke vorgingen. Kurz darauf kam ein besetztes Auto mit einem Flak-Geschütz und einem schweren Maschinengewehr und später noch ein zweites bewaffnetes Auto und etwa noch ein Zug Infanterie. An der Wertachbrücke hatte sich inzwischen eine große Menschenmenge angesammelt, die ein Durchkommen der Regierungstruppen verhinderte. Offiziere und Mannschaften gaben sich die größte Mühe, die Menge zu zerstreuen, was ihnen jedoch nicht gelang.

Ein Arbeiter blieb an dem an der Einmündung der Inneren Uferstraße stehenden Flak-Auto stehen und sprach auf einen Regierungssoldaten ein. Der Regierungssoldat forderte den Arbeiter auf, die Hände hochzuheben, was dieser jedoch nicht sofort tat. Die wiederholte Aufforderung bekräftigte der Regierungssoldat damit, dass er sein Gewehr umdrehte, um auf den Arbeiter einzuschlagen. Als dies die Menge auf der Wertachbrücke sah, nahm sie sofort eine sehr drohende Haltung ein und aus der Menge der Arbeiter fielen Schüsse. Der Offizier nahm daraufhin seine Leute ein Stück zurück und gab den Befehl zum Schießen. Die Leute schossen zunächst eine Zeit lang in die Luft, als sich die Menge noch nicht zerstreute, schossen sie vor die Menge in den Boden und als auch dann ein Teil der Leute nicht wich, schossen sie in die Menge hinein, wodurch Verluste entstanden.“

Große Erbitterung in der Folgezeit

Allein dabei werden zwölf unschuldige Menschen tödlich verletzt die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, so zum Beispiel der 19-jährige Taglöhner Gert B., den „die Neugierde auf die Straße und an gefährliche Plätze getrieben hat. Unschuldig“, wie es in einem Polizeibericht heißt. Oder die 35-jährige Pauline K., Kriegerwitwe mit vier Kindern, die sich in die Baumwollspinnerei Senkelbach begab, „um daselbst ihre Erwerbslosenkarte abstempeln zu lassen. Nach Erledigung dieser Aufgabe, die K. alle 2 Tage zu erledigen hatte, trat sie zwischen 3 und 4 Uhr ihren Heimweg an und kam dabei in der Ulmer Straße, ungefähr bei der St.-Josephs-Apotheke, in ein Maschinengewehrfeuer. K. erhielt einen Rückenschuss, welche Verletzungen alsbald ihren Tod herbeiführten.“

Nicht zuletzt dieses Blutbad sorgt in der Arbeiterschaft der Wertachvorstädte in der Folgezeit für große Erbitterung, die sich nicht nur gegen die Regierungstruppen richtet, sondern auch gegen die Vertreter der MSPD in der Landesregierung, im Stadtmagistrat und im Arbeiter- und Soldatenrat. Vor allem der Stadtkommandant Hans Edelmann sowie der MSPD-Magistratsrat Wernthaler werden scharf angegriffen. Umgekehrt gibt die MSPD in einem Aufruf an die Bevölkerung unverantwortlichen, ortsfremden und unorganisierten Kräften die Schuld am Blutvergießen. Damit ist die Basis für die tiefe Spaltung der Arbeiterschaft Augsburgs in ein gemäßigtes Lager um die MSPD sowie ein „linkes Lager“ um die USPD sowie die KPD gelegt.

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