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Literatur

27.02.2020

Brecht und Schwejk sind große Lavierer

Das Staatstheater Augsburg bringt gerade "Schwejk" auf die Bühne
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Das Staatstheater hat „Schwejk“ inszeniert. Zu sehen ist auch, wie Brecht sich mit dem Stoff auseinandergesetzt hat. Was seine Bearbeitung zu sagen hat.

Brechts 1943 entstandenes Drama Schweyk, erst posthum aufgeführt, gilt vielen als misslungen. Der Soldat aus Jaroslav Hašeks berühmten Roman könne nicht ins „Dritte Reich“ versetzt werden. Doch warum war Brecht selbst dieses Drama so wichtig, während die Kritik es verriss? Diese Frage kann schlüssig beantwortet werden, wenn man das Stück vor den Hintergrund des vorangehenden Werkes Brechts und dessen Persönlichkeit stellt.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges verschaffte Brecht sich in Zeitungsbeiträgen subtil Distanz zu Nationalismus und Krieg – durch Parodie, poetologische Brechung, aber auch durch die Gestaltung von Soldatenfiguren, die Antihelden sind – „Soldaten auf verlorenem Posten“, Opfer und Täter zugleich. Die Frontzugehörigkeit der Soldaten ist egal. Wer einen Feind tötet, begeht Brudermord.

Um 1918 entstand die Legende vom toten Soldaten, in der Brecht mit dem wilhelminischen Kriegswahn abrechnet, doch in einer späteren Variante den Krieg mit der Räterevolution gleichsetzt. Sie bedeute seine Fortsetzung mit neuem Etikett, unter roter Farbe. Noch direkter rechnet Brecht mit der „Hölle“ des Kommunismus im gleichzeitig entstandenen Gesang des Soldaten der Roten Armee ab. Weitere Werke, in denen er sich trotz anderer Lippenbekenntnisse kritisch mit dem kommunistischen Totalitarismus befasste, folgten: nur Fatzer und Die Maßnahme seien genannt.

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Brecht bliebt dem "sich Einrichten" trotz aller ideologischer Diskurse treu

Es sind diese Lippenbekenntnisse, die den Weg zu einer Schaffens- und Lebensmaxime Brechts weisen: die des, wie er sich ausdrückt, „Lavierens“ und sich Arrangierens, des „sich Einrichtens“ in gesellschaftlichen Strukturen – nicht zuletzt der eigenen Vorteile wegen. Sie manifestierte sich in den frühen 1920er Jahren. Brecht sollte ihr, trotz aller ideologischer Diskurse, treu bleiben.

Brecht stellt Schwejk vor diesem Hintergrund in die Reihe seiner Soldatenfiguren. So verweist er abermals darauf, dass Militarismus und Krieg Übel der Menschheit sind. Der Einzelne täte, falls möglich, gut daran, sich dem zu entziehen. Dabei ist es gleich, ob es sich um den Wilhelminismus, den Kommunismus handelt oder im neuen Kontext den nationalsozialistischen Barbarismus.

Schwejk ist bei seinem Changieren zwischen den Fronten nicht naiv, wie die Forschung bisweilen unterstellte. Zielgerichtet ist seine Unbedarftheit, unecht, gespielt und – erfolgversprechend. Der Leitsatz ist: „Alles hat zwei Seiten.“ So kommt er durchs Leben. Dass man darin die Lebensmaximen Brechts wiedererkennen kann, ist offenkundig, etwa wenn Schwejk seinen Beitrag zum Thema Waffen leistet. Brecht übernimmt dazu ein Lied aus Hašeks Roman. Es geht darin um einen Kanonier des Ersten Weltkriegs.

Bei der Kanone dort

Lud er in einem fort.

Eine Kugel kam behende

Riß vom Leib ihm beide Hände

Und er stand weiter dort.

Und lud in einem fort.

Bei der Kanone dort

Lud er in einem fort.

Brecht nutzt schon im Frühwerk in ähnlicher Weise das Groteske, um zu zeigen: Derjenige, der die Waffe in die Hände nimmt, wird selbst ihr Opfer. Wie in der Legende vom toten Soldaten ein bereits verwesender Leichnam wieder an die Front geschickt wird, erfüllt ein verstümmelter Kanonier seine Pflicht und lädt weiter die Kanone, ohne Hände. Denn „die Armee ist ewig“, wie Brechts Lied der drei Soldaten lehrt. Der Krieg geht weiter trotz aller Gräuel. Diesem Totentanz entkommt nur, wer die Waffen meidet und dadurch Leid verhindert – „hüben wie drüben“.

Abscheu gegenüber Waffen gehört zu Schwejks Wesen

Eine unscheinbare Regieanweisung ist das Schlüsselbild. Schwejk befindet sich in der Verteidigung, es wird geschossen. „Schwejk hebt sogleich sein Gewehr hoch, um sich zu übergeben.“ Als es gefährlich wird, streckt Schwejk die Waffe, er ergibt sich, egal wem; man erfährt nicht, wer schießt. Dies ist – ausnahmsweise – nicht Resultat taktischer Überlegungen, sondern ein Vorgang affektiver Art: Wenn geschossen wird, macht Schwejk mit seinem Gewehr sofort das Gegenteil dessen, wozu es hergestellt wurde. Abscheu gegenüber Waffen gehört zu Schwejks Wesen. So ist er die – nicht gerade „ehrenhafte“ – Inkarnation dessen, was die Menschheit bräuchte, um Kriege zu verhindern. Brecht macht diese Regieweisung zu einem Gestus, zu epischem Theater. Schwejks Bolschewismus-Kritik folgt unmittelbar. Ihm ist klar, dass er vom Regen in die Traufe geriete, würde er ein „Soldat der Roten Armee“. Den Bolschewismus sieht er als Verbündeten des Kapitalismus, der das Kollektiv predige und den Funktionären diene:

„Die Russen [...] ham […] die Großgrundbesitzer ausgerottet […] und ihre Industrie ist verwüstet durch eine öde Gleichmacherei und weil die besonnenen Arbeiter verbittert sind über die großen Gehälter der Direktoren.“

Schwejks Gleichsetzung von nationalsozialistischem und bolschewistischem Barbarismus lässt da nicht lange auf sich warten. In Stalingrad will er die Folterkeller besuchen, „wo die Bolschewiken ihre Leut abhäuten bei lebendigem Leib und die Weiber verteilen und ob die Keller besser sind wie die von den Nazis“. Diesen und den Kommunisten gemeinsam ist das Totalitäre, das den Einzelnen absorbiert zugunsten realitätsferner Utopien.

Von einer marxistischen Wertung war Brecht weit entfernt

Doch so weit kommt es nicht. „Der brave Hitlersoldat Schwejk“ marschiert unermüdlich „nach dem immer gleich weit entfernten Stalingrad “. Er läuft im Kreis, kommt nicht an, bleibt auf dem Weg. Vor dem „Kälbermarsch“ zum „ Schlachthof “ drückt er sich, weil er kein Kalb, nicht blinde „Masse“ ist, sondern ein frei entscheidendes Individuum.

Schwejks Maxime des sich Heraushaltens ist subversiv. Sie kann totalitäre Strukturen erschüttern und stellt so eine Art Widerstand dar. Doch das ist lediglich eine Folge davon, dass Brecht wie Schwejk den Anspruch des Einzelnen auf Selbstbestimmung über alles erheben. Die „Masse“ hingegen ist für Brecht , von Fatzer bis zu Schwejk und über diesen hinaus, negativ konnotiert. Sie erscheint, so die Forschung zu Fatzer, „eher als Pöbel“, nicht als „bewusste Arbeiterklasse“. Von einer marxistischen, positiven Wertung war Brecht weit entfernt.

So ist Schwejk ein „Bruder im Geiste“ vieler Figuren Brechts und auch dessen selbst. Beiden ist gemeinsam, dass sie fern jeglicher „Haltung“ sind – wie jener sich stetig verabsolutierende Begriff heißt, der heute in aller Munde und längst abgedroschen ist. Doch muss diese Biegsamkeit nicht zu Erfolg führen. Brecht lässt offen, ob Schwejk überlebt. Er verschwindet im Schneetreiben. Der Autor selbst taktierte und überlebte, ideologisch eingemauert, in der DDR. Große Dramen gelangen nicht mehr; doch hochbedeutsame, resignative Lyrik wie die Buckower Elegien. In ihnen beklagt er aufs Neue den kommunistischen Totalitarismus, dem er sich nur angeblich verschrieben, aber immerhin doch angedient hat.

Zum Autor

Jürgen Hillesheim leitet die Brechtforschungsstätte Augsburg

Mehr zu der Schwejk-Inszenierung des Staatstheaters Augsburg lesen Sie hier:

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