Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Feuilleton regional
Icon Pfeil nach unten

Carmen: Interview mit Sängerin: "... da dachte ich,: Ich bring dich um..."

Carmen: Interview mit Sängerin

"... da dachte ich,: Ich bring dich um..."

  • |
  • |
  • |
    Kerstin Descher als Carmen. Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg
    Kerstin Descher als Carmen. Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg

    Als erste Musiktheater-Neuinszenierung der Spielzeit 2011/12 hat am Samstag Georges Bizets Oper „Carmen“ am Theater Augsburg Premiere. Im Zentrum der Handlung steht die Zigeunerin Carmen, die dem Soldaten Don José den Kopf verdreht, sich am Ende aber dem Stierkämpfer Escamillo zuwendet – mit tödlichen Folgen. Die Titelrolle der Oper – gegeben wird am Großen Haus die Dialogfassung mit deutschem Sprechtext – singt Kerstin Descher.

    Bizets Oper in Augsburg: Die wievielte Carmen ist das für Sie?

    Descher: Szenisch die zweite. Meine erste Carmen war in Stralsund am Theater Vorpommern, wo ich vor meiner Augsburger Zeit engagiert war.

    Welchen Stellenwert hat die Partie der Carmen für eine Mezzosopranistin?

    Descher: Natürlich ist das etwas Besonderes, einfach deshalb, weil im Unterschied zu den meisten anderen Opern bei „Carmen“ die Titelrolle eben für den Mezzo ist. Carmen ist aber auch deshalb reizvoll, weil dieser Charakter so vielschichtig ist und man gerade das zum Ausdruck bringen kann. Die erste Carmen, die ich gemacht habe, war ganz traditionell inszeniert – die Carmen hier in Augsburg wird auf spannende Weise anders sein. Es gab in der Arbeit mit Regisseur Lorenzo Fioroni Momente, in denen ich mir regelrecht selber begegnet bin. Und das ist nicht bei jeder Partie so, dass man dem eigenen Ich gegenübersteht.

    Können Sie ein Beispiel geben?

    Descher: Ohne vorab zu viel verraten zu wollen: Das Schlussduett ist in der Augsburger Inszenierung etwas ganz Besonderes. Das erste Mal überhaupt bei meiner Arbeit für die Bühne habe ich gegenüber einer Figur, gegenüber Don José gedacht und mit jeder Faser empfunden: Ich bring’ dich um.

    Bei Carmen-Interpretationen stößt man immer wieder auf zwei Sichtweisen: Die einen sehen in ihr die Männer verschlingende Femme fatale, den anderen erscheint Carmen als Opfer einer männlich dominierten Gesellschaft. Neigen Sie einer dieser Perspektiven zu?

    Descher: Für mich ist vor allem eine Komponente dieser Figur wichtig: Der enorme Freiheitswille, den diese Frau hat, um zu tun und zu lassen, was sie möchte. Daraus erwächst ihre ungeheure Kraft. Natürlich hat auch sie Verletzungen, die sie nicht verwunden und in die hinterste Kammer ihres Selbst gesteckt hat, aber das hat ihren Lebens- und Freiheitswillen nicht zerstört. Femme fatale, das ist nur eine Seite dieser ungemein facettenreichen Figur.

    Ist Carmen eine Frau, die Sympathie verdient? Man kann die Sache ja auch so sehen, dass sie sich gegenüber Don José, den sie zunächst umgarnt hat, letztlich treulos verhält.

    Descher: In Beziehungen ist es doch so: Wenn es am Ende nicht klappt, dann sind immer zwei daran beteiligt. „Carmen“ macht da keine Ausnahme. Dass die beiden nicht zueinanderkommen, liegt einfach daran, dass sie zu unterschiedlich sind und sich deshalb nicht verstehen. Man kann Don José ja auch vorwerfen, dass er so zögerlich ist ...

    ... wahrlich keine Lichtgestalt ...

    Descher: ... bestimmt nicht! Wenn Sie mich also nach Sympathie für Carmen fragen, dann lautet meine Antwort: Ja, habe ich. Denn wenn man Carmen im zweiten Akt sieht, muss man sagen: Sie öffnet sich Don José gegenüber schon, sie ist sehr wohl bereit, sich ihm ganz zu geben. Er aber sagt: Da ertönen jetzt die Trompeten, ich muss jetzt arbeiten gehen. Das ist für sie ein Schlag ins Gesicht.

    „Carmen“ ist eine französische Oper, entstanden Mitte der 1870er Jahre, zu einer Zeit also, als in der italienischen Oper der Belcanto noch hoch in der Blüte stand. Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Belcanto und dem Gesang in „Carmen“?

    Descher: Wenn ich die Carmen mit den anderen Partien vergleiche, die ich hier am Haus gesungen habe, mit Amneris etwa oder Eboli, dann liegen diese Partien deutlich höher, überhaupt ist der Tonumfang hier viel weiter. Carmen ist eine typisch französische, tief liegende Partie, der höchste Ton ist ein as – Amneris hat ein h, Eboli ein b. Die Carmen ist in anderer Weise anspruchsvoll. Der Anfang der Oper ist chansonesk, man muss hier einen sprechenden Ton treffen, Nummern wie die Seguidilla müssen leicht daherkommen. Das sind noch nicht die großen dramatischen Momente – die aber kommen im dritten Akt auf mit der Kartenlege-Szene. Die Habanera oder die Seguidilla und die Kartenlege-Szene oder auch das Schlussduett, das sind zwei Welten.

    Ist es für die Darstellung der Carmen eigentlich von Vorteil, wenn man wie Sie von Haus aus schwarze Haare hat?

    Descher: (lacht) Kaum eine Rolle ist wohl so mit Klischees behaftet wie die Carmen. Mir tun die Mezzosopran-Kolleginnen leid, die blonde Haare haben, denn die müssen teilweise wirklich gegen solche Klischee-Wände anlaufen. Ob schwarze Haare aber nun wirklich von Vorteil sind – sagen wir so: Man bekommt zumindest keine schlimme Perücke aufgesetzt. Interview: Stefan Dosch

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden