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Theater Augsburg

12.11.2018

Das Familienstück 2018 sagt: Keine Angst, du schaffst es!

„Mio, mein Mio“ ist noch in 35 Aufführungen bis 17. Januar im Martini-Park zu sehen.
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„Mio, mein Mio“ ist noch in 35 Aufführungen bis 17. Januar im Martini-Park zu sehen.
Bild: Jan-Pieter Fuhr, Theater Augsburg

Plus Astrid Lindgrens Märchen „Mio, mein Mio“ macht Kindern richtig Mut. Wie das geht, schildert eine hinreißend poetische Inszenierung im Martini-Park.

Es war einmal ein Königssohn, der aber bei lieblosen Pflegeeltern aufwuchs. Sie sagten: Dein Vater ist bestimmt ein Lump. Und sie schikanierten Tag für Tag und kommandierten ihn herum. Bis der Junge eines Tages diese Stimme im Mülleiner hörte. Es war ein Geist, der ihn zum König, seinem Vater, zurückbringen sollte. „Mio, mein Mio!“, so empfing ihn dieser in seinem zauberhaften Reich. Er war glücklich und schenkte seinem Sohn das weiße Pferde Miramis. Einen Freund, Jum Jum, gewann er obendrein.

Märchen enden eigentlich so, doch bei Astrid Lindgrens Klassiker „Mio, mein Mio“ ist es der Beginn einer Coming-of-Age-Geschichte. Als Familienstück zur Weihnachtszeit ist es nun im Staatstheater Augsburg in der wunderbar poetischen Inszenierung von Joachim von Burchard zu erleben. Das Bühnenbild von Jeannine Simon versetzt die Zuschauer in eine wunderliche Welt – mal ein Paradiesgarten mit riesigen Früchten, fedrige Blüten und Brunnen und mal der finstere Wald, über den schwarze Vögel kreisen, mit kantigen Brocken und einem Schlackeberg. Ein stehender Fisch bildet darin ein surreales Element wie in einem Bild von George Braque.

Das Pferd ist ein flauschiges, weißes Gebilde

Simons Kostüme zitieren einerseits die Pracht orientalischer Höfe und andererseits gepanzerte Ritter des Mittelalters. Total stimmig ergänzen die eingespielten Animationen sowohl das Szenenbild als auch die Spielhandlung. So schlängelt sich die Brücke des Lichts unaufhörlich in eine tiefe Ferne. Mio und Jum Jum vollziehen sie auf Miramis reitend in ihren Schwüngen nach. Das Pferd ist übrigens ein flauschiges, weißes Gebilde, das die beiden wie ein großes Spielzeug an Bändern in der Hand halten. Die Fantasie der Zuschauer ergänzt, was das Spiel auf der Bühne nur andeutet.

Darin liegt die besondere Faszination dieser Inszenierung, die der Regisseur von Burchard konsequent im Märchen verortet, indes aber die handelnden Personen aus Fleisch und Blut, mit Gefühlen und Verstand agieren lässt. Das Glück des Heimkommens trübt nämlich ein dunkler Schatten, den Mio erst allmählich begreifen kann. Der Trauervogel singt sein melancholisches Lied und erinnert an die Kinder, die aus des Königs Glücksreich entführt worden sind. Sie befinden sich in der Gewalt von Ritter Kato, dem Erzbösewicht mit dem Herz aus Stein. Wird sein Name ausgesprochen, ergreift alle entsetzlicher Schrecken und sie stöhnen in Schmerz auf. Wer wird das Königreich erlösen?

Nie rutscht Prinz Mio das Herz in die Hose

Astrid Lindgren packt die Kinder mit ihrer Geschichte nicht in Watte. Sie konfrontiert sie mit den traurigen und dunklen Seiten des Lebens, mit der unbegreiflichen Bosheit in der Welt. Freilich nicht mit Schock und Horror, wie das in Filmen und Videospielen oft der Fall ist, sondern mit der zuversichtlichen Botschaft, dass das Negative trotz aller Angst davor zu überwinden ist. Prinz Mio – hinreißend frisch gespielt von Marlene Hoffmann – ahnt seine große Aufgabe, doch in der Unschuld des neuen Anfangs. „Du weißt so wenig“, hört er immer wieder. Und das ist gut so. Denn damit rutscht sein Herz nicht in die Hose.

Zumal sich immer wieder ungeahnte Möglichkeiten und neue Verbündete für Mio auftun. Wie der spindeldürre, schlotternde Eno (Sebastian Baumgart), der mit seinem Lametta-Kostüm zum Publikumsliebling wird. Oder wie der kernige, rothaarige Waffenschmied (Sebastian Müller-Stahl), der Mio für den Kampf mit Kato zu dem Schwert, das Stein schneidet, verhilft. Noch in der größten Verzweiflung, als alles schon verloren scheint, bekommt Mio Unterstützung von den Vögeln. Der zupackende Freund Jum Jum (Daniel Schmidt) weicht ihm sowieso niemals von der Seite.

Geschickt bewältigt Regisseur Joachim von Burchard die Herausforderung, den bösen Ritter Kato nicht eindimensional darzustellen. In der Inszenierung bricht Kato seine eigene Bosheit durch lächerliche Übersteigerung, indem er sich selbst stets im Superlativ lobt („Ich bin schlimm, schlimmer, am schlimmsten“) – charakterliche Ähnlichkeiten mit lebenden Präsidenten drängen sich augenzwinkernd auf. Zum Showdown gibt es schließlich einen spannenden Schwertkampf, wiederum durch Slapstick in seinem Ernst gebrochen. Kato will am Ende selbst von seiner Bosheit erlöst werden.

Verdient riesiger Applaus.

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