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Kunstgeschichte

12.01.2021

Das Geheimnis des Bischofs Wolfhard von Roth im Augsburger Dom

Grabmal des Bischofs Wolfhard von Roth, 1302, im Augsburger Dom. Aufnahme aus dem besprochenen Buch.
Bild: Uwe Gaasch

Plus Die Domherren verehrten den 1302 gestorbenen Oberhirten wie einen Heiligen. Sein Bronze-Grabmal im Augsburger Dom ist einzigartig im Spätmittelalter. Erstmals wurde das Meisterwerk von Wissenschaftlern jetzt umfassend untersucht.

Es ist nicht zu übersehen im Augsburger Dom freistehend rechts neben dem Westchor. Fast ein wenig gruselig wirkt das Bronze-Grabmal für Bischof Wolfhard von Roth, der am 13. Januar 1302 starb. Denn die gegossene halbplastische Liegefigur zeigt keinen Würdenträger in der virilen Blüte seiner Amtszeit, sondern einen alten Mann mit tiefen Furchen, eingefallenen Wangen und geschlossenen Augen. Realitätsnah wird hier ein Toter dargestellt. Sogar seine Gewandung folgt den Gesetzen der Schwerkraft und zeichnet die Kontur des Leichnams nach.

Ziemlich einzigartig steht dieses Grabmal in der Kunstgeschichte des beginnenden 14. Jahrhunderts da. Entsprechend lückenhaft waren bisher die Kenntnisse darüber. Mit einem wissenschaftlichen, gut lesbaren Sammelband liegt erstmals eine umfassende Würdigung dieses außerordentlichen Hauptwerkes spätmittelalterlicher Kunst vor. Denn der Bildtypus eilt seiner Zeit voraus, es handle sich um einen „deutlichen Bruch mit den Darstellungskonventionen“, stellt Kunsthistoriker Gerhard Lutz fest. Das Antlitz Wolfhards ist stark überlängt und die ganze Figur wirkt dadurch geradezu fragil. Mit dieser Stilisierung scheidet die Verwendung einer Totenmaske zum Entwurf des Porträts aus. Ein einst lebendiger Mensch wird als Toter bereits einer anderen Sphäre zugeordnet.

Ein höchst erfahrener Meister führte den Bronzeguss aus

Damit harmoniert die Wahl des Materials Bronze, die mit ihrem goldenen Schimmer und den vielfältigen Lichtbrechungen einen verwandelten Leib aufscheinen lässt. Der Guss muss nach Einschätzung von Martin Mach von einem höchst erfahrenen Meister ausgeführt worden sein. Er hatte die Platte in einem Stück gegossen und sie hernach nirgends gesäubert oder geflickt. Dabei ging der Gießer möglichst sparsam mit dem kostbaren Material um und reizte die Wandstärken „fast bis zum Versagen hin“ aus. Tatsächlich hatte Meister Cunrat, wie er sich in der Inschrift nennt, das Problem, dass der Fluss der geschmolzenen Blei-Zinn-Legierung zum Fußende hin immer zäher wurde, was Fehlstellen ergab, die im Laufe der Zeit in Schollen aufbrachen.

Näheren Aufschluss dazu gibt der ursprüngliche Aufstellungsort des Grabmals ad gradus (bei den Stufen) im später verschwundenen Atrium des Augsburger Domes. Hier, sagt der Theologe Jens Brückner, war der Platz der Büßer, die mit ihrer Schuld noch nicht ins Heiligtum eintreten durften. Widerspiegelt sich in Wolfhards Gesicht Askese, Strenge, Schmerz, Verzicht, so lässt sich dies laut Brückner „leicht mit der spätmittelalterlichen Vorstellung eines Büßers verbinden“. Der so demütig ist, dass er sich selbst nicht schon im himmlischen Jerusalem verortet. Wolfhards Grabdenkmal vermittelt den Eindruck eines schlafenden Toten, sein erloschener Blick geht gegen Osten, wo das Licht aufgeht. Wahrscheinlich präsentiert sich hier ein Mensch der Vormoderne, der das bevorstehende Gericht ahnt und vor dem kommenden Erlöser als einer erscheinen möchte, der sich unter die Büßer rechnen lässt.

Bis zum Jahr 1610 stand das Grabmal zentral im Hochchor

Erstmals neu platziert wurde das Grabmal 1358 in den Rohbau des angebauten gotischen Ostchors, für den das Atrium abgebrochen wurde. Es stand bis 1610 in der Mitte des Hochchores und nahm nicht nur räumlich eine besondere Stellung ein. Ausweislich der liturgischen Bücher des Doms wurden an Wolfhards Grab drei Jahrestage feierlich begangenen. Es ist die einzige Memoria eines Bischofs, die überhaupt genannt wird und dann noch mehrfach. Brückner hält es für möglich, dass Wolfhard von den Domherren als Lokalheiliger verehrt wurde, da einer der Gedenktage in die Woche von Allerheiligen fiel.

Das Bronze-Grabmal für Bischof Wolfhard von Roth.
Bild: Uwe Gaasch

Wolfhard war nachweislich mindestens 32 Jahre vor seiner Bischofswahl im Augsburger Domkapitel und genoss unter seinen Mitkanonikern hohes Ansehen. Bei Streitigkeiten urkundete er als Schiedsrichter. Er stammte aus dem schwäbischen Geschlecht der Edelfreien von Roth. Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert, die älteste Nennung seiner Person enthält eine Urkunde vom 14. Oktober 1256 für das Kloster Wettenhausen. Wolfhard war da schon Augsburger Kanoniker, 1286 stieg er zum Dompropst auf, Mitte 1288 wurde er zum Bischof gewählt. In seine Regentschaft fiel der Aufstieg Augsburgs zur Reichsstadt und der Historiker Thomas M. Krüger hält ihm zugute, das „letztlich eine funktionierende Koexistenz von Bischof und Domkapitel auf der einen und unabhängiger Bürgerschaft auf der anderen Seite gefunden wurde“ und die konfliktträchtige Entwicklung der städtischen Autonomie hier zivilisierter ablief als in anderen Bischofsstädten. Wolfhard bestätigte der Stadt 1290 ihre Freiheiten und Privilegien. Nachhaltig förderte er das Dominikanerinnenkloster St. Margareth aus eigenem Vermögen.

Bischof Wolfhards Gebeine ruhen in einer Truhe aus Zinn

Das Bronze-Grabmal wechselte im Dom mehrmals den Ort. Als der römische Ritus eingeführt wurde, störte es im Ostchor und kam 1612 zum Kreuzaltar. Dort musste es weg, als Zierrat für den Papstbesuch von 1782 angebracht wurde. Die Platte wurde zuerst an eine Wand montiert und wurde 1791 nach hinten in die Konradskapelle verlegt – wieder liegend. In diesem Zustand besteht das Grabmal bis heute. Als 1970 bei Bauarbeiten die im Boden am Kreuzaltar verbliebene Zinnkiste mit Wolfhards Gebeinen gefunden wurde, baute man sie drei Jahre später 1973 in die Tumba unter der Bronzeskulptur ein.

Das Buch:

Gerhard Lutz/Rebecca Müller (Hrsg.): Die Bronze, der Tod und die Erinnerung. Das Grabmal des Wolfhard von Roth im Augsburger Dom, Dietmar Klinger Verlag, 235 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,90 Euro.

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