1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Das Theater geht mit Sibylle Berg in die Soho-Tage

Premiere

04.10.2019

Das Theater geht mit Sibylle Berg in die Soho-Tage

Drei starke Schauspielerinnen in der Soho-Stage (von links): Linda Elsner, Marlene Hoffmann und Karoline Stegemann bringen Sibylle Bergs „Und jetzt: die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ auf die Bühne.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Das Staatstheater Augsburg inszeniert einen Theatertext von Sibylle Berg in der Soho-Stage. Der Abend wird von drei virtuosen Schauspielerinnen getragen.

Wie lautet eigentlich das Heilsversprechen der Moderne? Erinnert sich noch jemand daran? Oder kann es sein, dass es dieses Versprechen nie gegeben hat? Willkommen also in einer Zeit, in der das Individuum Mensch dazu verdammt ist, ein Leben als glücklicher Konsument zu führen. Mit Religion und Jenseits hat dieses Wesen nichts mehr am Hut. Aber an dieser grenzenlosen Freiheit der Gegenwart scheitert es auch – wie früher an den Geboten der Bibel. Erfülltes Sexualleben: Fehlanzeige. Partnersuche: die Hölle auf Erden. Und nur Shopping macht auch nicht glücklich.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat dieses Gefühl in einem virtuosen Theatertext mit einem ziemlich sperrigen Titel festgehalten. „Und jetzt: die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ heißt das Stück, das 2013 am Berliner Maxim Gorki Theater von Sebastian Nübling uraufgeführt wurde. Nun hat diesen Text „für eine Person und mehrere Stimmen“ das Staatstheater Augsburg auf die Bühne gebracht – inszeniert von der Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner, die in Augsburg vor einigen Jahren Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Preußlers „Die kleine Hexe“ inszenierte.

Eine Mischung aus Show-Bühne und Wohnzimmer

Schon die Auswahl des Spielorts ist ein Statement: die Soho-Stage in der Ludwigsstraße. Dort, wo sonst Konzerte und Klub-Abende stattfinden, im zweiten Kellergeschoss, ist nun Platz für rund 50 Zuschauer. Auf der Bühne stehen vorne drei Mikrofone und hinten sind drei lehnenlose Sessel zu einer Bank zusammengeschoben – eine Mischung aus Show-Bühne und Wohnzimmer. Ein Zwitterwesen also genau wie dieser Text, der eine Mischung aus Dialog und Monolog aus großer öffentlicher Klage und intimen Geplauder darstellt. Passend dazu hat Ausstatterin Veronika Bleffert dann auch die Kostüme gestaltet. Die Schauspielerinnen Linda Elsner, Marlene Hoffmann und Karoline Stegemann tragen Anzüge (Pink, Schwarz und Glitzer), also Kleidungsstücke, die das Weibliche erst einmal verbergen sollen, aber unter dem feinen Zwirn wird es freizügig.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Dann setzen die Drei ein – erst einmal mit jeder Menge roher Power. Denn ihr Hobby war früher, Jungs zu verprügeln, einfach so mit Baseballschlägern und Morgenstern. Als sie aufgehört haben damit, sind sie zusammengezogen und haben Yoga gemacht. Das Publikum lacht.

Wie eine Liste des Überdrusses

So geht das an diesem Abend. Wenn schon Gewalt keine Lösung ist, was dann? Diese Stimme, virtuos von den drei Schauspielerinnen gespielt, mal im Chor, mal so passend versetzt, dass kaum auffällt, wie der Text von der einen zur anderen weitergereicht wird, diese Stimme präsentiert so etwas wie eine Liste des Überdrusses. Verhandelt wird da nicht nur die Rolle der Frau im 21. Jahrhundert, sondern die des Menschen in einer voll durchkapitalisierten Welt. Das Ich, das sich artikuliert, glaubt an nichts und sucht überall ein bisschen Glück. Aber weder Yoga, noch gesunde Ernährung können diese Sinnfrage dauerhaft beantworten.

Die Schauspielerinnen Linda Elsner, Marlene Hoffmann und Karoline Stegemann bringen Sibylle Bergs "Und jetzt: die Welt!" in der Soho-Stage auf die Bühne.
6 Bilder
Bilder zur Sibylle-Berg-Premiere
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Liebe gibt es nur in der Version „unglücklich verliebt sein“. Und das ist sowieso besser, weil man dabei unglaublich gut abnimmt. Der eigene Körper muss selbstverständlich in Form sein; und wenn man es allein nicht schafft, hat jeder die Möglichkeit, sich von anderen dabei helfen zu lassen – sprich: etwas machen zu lassen. Wessen Innenleben derart ungeordnet ist, wer so viel Chaos und Unsicherheit mit sich herumträgt, der ist für diese Welt und das sogenannte Draußen nicht aufnahmefähig und bereit.

Der Druck der Selbstoptimierung

Wenn die Schauspielerinnen sich aufs Sofa setzen, zeigen sie, dass Frauen in Anzügen ebenfalls die Beine maximal weit spreizen können. Zwischendrin geben sie eine aberwitzige Einlage mit Damenbinden, die sie sich erst überall an den Leib pappen, um damit im nächsten Schritt an der Bühnenwand „Ich upgrade“ zu schreiben. Ja, der Mensch ist ein Wesen, das über sich hinauswachsen kann. Aber sobald daraus der Druck zur Selbstoptimierung wird, ist die Spaßkomponente nicht mehr wirklich gegeben.

Und so vergehen die 75 Minuten wie im Flug mit virtuosem Erzähltheater, in das die drei Schauspielerinnen immer wieder kleine Rollen-Miniaturen einflechten. Wunderbar und natürlich auch fürchterlich, diese Zustandsbeschreibung der Gegenwart.

Weitere Termine am 19. und 26. Oktober sowie am 7. und 27. November jeweils um 20 Uhr in der Soho-Stage in Augsburg.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren