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Gesundheit

24.11.2020

Depression, Demenz, Parkinson: Musik kann bei der Therapie helfen

Musiktherapie im Kinderschmerzzentrum der Augsburger Universitätsklinik.
Foto: Annette Zoepf

Strukturierte Klänge vermögen unser Gehirn in ganz besonderer Weise zu stimulieren. Von dieser Eigenschaft profitieren mittlerweile auch Ärzte und Therapeuten.

Die Posaunen von Jericho, das Harfenspiel König Davids, die Worksongs der Afroamerikaner oder banales Kaufhausgedudel: Musik wird vielerlei Wirkungen zugeschrieben. Manches stimmt. Mauern zum Einsturz bringen kann sie allerdings nicht. Dafür sprengt Gesang dünnes Glas: Sehr laut, sehr lang und exakt in der Eigenfrequenz des Materials muss der Ton sein, um das Glas so zum Schwingen zu bringen, dass es zerspringt.

Doch Musik kann auch anders: „Wer singt, betet doppelt“, zitiert Pfarrer Helmut Haug von St. Moritz in Augsburg. „Ich bin überzeugt, dass Musik hören und Musik machen in uns Menschen eine Dimension eröffnet, die jenseits allen Machbaren liegt.“ In den drei Abrahamsreligionen spielt die Musik eine herausragende Rolle.

Die älteste, das Judentum, setzte zuerst Musik im Gottesdienst ein. Ihre Macht liegt „in der Erfüllung des Phänomens der Musik als Geschenk Gottes“, schreibt die Autorin Chanah Roth. Im Islam „finden wir, dass der Prophet David im Koran mit seinen musikalischen Gottesgaben gepriesen wird“, steht auf der Homepage der Berliner „Ibn Rushd – Goethe Moschee“: „Musik kann unsere Gefühle verändern und unsere Seele reinigen. Eine Seele reinigen, das heißt auch eine Krankheit zu heilen.“

Musiktherapie als Unifach: Das gibt es nur in Augsburg

Auch das stimmt. In der Tanz- und Ausdruckstherapie als Form des freien Assoziierens anstelle von Worten etwa hat die Musik „ganz zentrale Bedeutung“, erklärt der Psychoanalytiker Michael Schlecht. Die Musikwahl des Patienten spiegelt seinen inneren Zustand wider. Musik hören, erleben und das kreative Spiel stehen in der Musiktherapie im Vordergrund. „Musik ist für die Klienten eine Form der Interaktion und eine Möglichkeit, sich so auszudrücken, wie sie sich gerade fühlen oder wahrnehmen“, erklärt Beate Haugwitz, Diplom-Musiktherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Master-Studiengang Musiktherapie an der Universität Augsburg, bundesweit der einzige universitäre.

Durch die Auswahl des Instruments, seinen Umgang damit, die Art des Klanges, den der Klient erzeugt, und durch die Form des musikalischen Dialoges spiegeln sich Facetten seiner Persönlichkeit wider: In der musikalischen Interaktion mit Therapeut oder Gruppe tauchen Gefühle, Lebenserfahrungen auf. So gelingt es oft etwa Menschen mit Depressionen, „die sich in einem Gefühl emotionaler Leere ausdrücken können, sich durch die Musik endlich wieder zu spüren“. Das anschließende Gespräch reflektiert das Erlebte. „Musik ist ein wunderbares Begegnungs-Instrument“, so Beate Haugwitz. Musik schafft auch Zugang zu Patienten, die im Gespräch nicht erreicht werden.

„Über die Musiktherapeuten erfahre ich manchmal über die Patienten wesentlich mehr als ich selber weiß“, erzählt Dr. Thomas Reinertshofer, Oberarzt am Bezirkskrankenhaus Augsburg und passionierter Cellist und Pianist. Denn Musik teilt sich nicht über Sprechen mit, sondern über einen „anderen Kanal“. Das ist ihre Stärke. Während die linke Gehirnhälfte für Sprache, Lesen, Logik, Analyse zuständig ist, aktiviert Singen hauptsächlich die rechte Gehirnhälfte, die für Emotionen, vernetztes Denken und auch Areale der Sprache zuständig ist. Auf diese Weise vermögen Stotterer Texte störungsfrei zu singen. Auch Menschen mit Aphasie, eine etwa durch Schlaganfall oder Tumoren „erworbene“ Sprachstörung, können Worte oft nicht sprechen, aber singen.

Musik hilft auch bei Operationen

„Da hilft Musik ungeheuer“, weiß Neurologin Dr. Ute Streicher, Leiterin der geriatrischen Tagesklinik der Hessingkliniken. „Auch reines Zuhören kann sehr, sehr viel bringen“ – Stressabbau, Beruhigung bei Wut oder Angst etwa. Deshalb wird Musik auch bei OP-Vorbereitungen oder während des Eingriffs in Absprache mit dem Patienten eingesetzt.

Demente Patienten zeigen ihre Angst oft durch weit geöffnete Augen. Musik kann sie beruhigen, manche schließen ihre Augen beim Hören „Wichtig ist, die richtige Musik zu finden“, eine, die dem Patienten gefällt, so Streicher. Das ist für Ärzte und Angehörige manchmal Detektivarbeit. Aber so lassen sich Blockaden lösen. Ältere Menschen erinnern sich gerne an Kinder- oder Kirchenlieder. Aber inzwischen kommen bereits Altrocker in die Geriatrie. Dann wird es groovig auf der Station.

Musik vermag Emotionen auszulösen, sei es beim Zuhören, sei es beim Ausüben. Im Bild der Dirigent Reinhard Goebel.
Foto: Christina Bleier

Rhythmus zeigt auch bei anderen Diagnosen eine sehr gute Wirkung. Bei Parkinson gehen Feinsteuerung und der innere Rhythmus verloren, erklärt Ute Streicher. Mit Musik, auch mit Body-Percussion, lässt sich wieder Rhythmus in die Bewegung bringen, kann die Koordination verbessert werden. Der erste Schritt ist der schwerste. „Manchen Patienten kann da zum Beispiel Marschmusik helfen.“ Musik wirkt also sowohl beruhigend als auch aktivierend – auch bei Koma- und Wachkomapatienten. Manche von ihnen bestätigen, dass sie die Musik wahrgenommen hätten, manche sind mithilfe Musik sogar aufgewacht.

Aktives Musizieren beeinflusst die Gehirnentwicklung

Auch demente Menschen lassen sich mit Musik aus ihrer Lethargie herausholen, weiß Dr. Wolfgang Tressel, Arzt, Musiker, Lehrbeauftragter für Musiktherapie an der Universität Augsburg und Vorsitzender von Live Music Now Augsburg. Der Verein ermöglicht Konzerte in Seniorenheimen, Strafanstalten, Brennpunktschulen, Kinderheimen. Immer ist die Resonanz groß, erzählt Tressel: Die Zuhörer, egal mit welchem Hintergrund, lassen sich jedes Mal von der Musik in den Bann ziehen. Livemusik ist immer ein Erlebnis. Aktives Musizieren beeinflusst sogar nachweislich die Gehirnentwicklung. Ein Musikinstrument zu spielen schafft mehr und aktivere Querverbindungen zwischen den Gehirnhälften, es werden „viele komplexe Verbindungsmöglichkeiten geformt“, so Tressel.

Es ist erstaunlich, wie viele Zentren beim Musizieren gleichzeitig aktiv sind, welche Gehirnleistung vollbracht wird. Beim Pianisten oder Violinisten ist der Bereich für die Finger sogar größer. Wird allerdings länger nicht geübt, werden die Verbindungen lahmgelegt. „Das Gehirn leistet sich keinen Luxus“, weiß Neurologin Streicher. Die gute Nachricht: Es ist lebenslang formbar. Auch im Alter lässt sich noch ein Musikinstrument erlernen. Und Musik, überhaupt jede Form von Aktivität in späteren Jahren, verbessert die Leistungsfähigkeit, wenn sie regelmäßig und – vor allem – mit Freude betrieben wird.

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